# taz.de -- „Die Bürgermeisterin war völlig entsetzt“
       
       > Julian Miethig organisiert den CSD in Köthen. Allerdings seit 2025 ohne
       > Unterstützung der Stadt
       
 (IMG) Bild: Trotz vieler Hindernisse kann der CSD in Köthen 2025 aufgebaut werden
       
       Wann haben wir jede Unterstützung der Stadt verloren? Vielleicht als Jan
       Böhmermann unseren Instagram-Post teilte. Er hatte bereits den ersten CSD
       2024 in Köthen unterstützt. Und durch ihn kannten plötzlich mehrere 100.000
       Menschen unsere Schwierigkeiten, auch einen zweiten CSD zu organisieren.
       
       Um die Teilnehmenden über den gesamten Zeitraum von 12 bis 22 Uhr mit
       Sanitäranlagen, Essen und Getränken versorgen zu können, müssen wir bei der
       Stadt eine Sondernutzung beantragen. Genau das tun wir, fristgerecht. Keine
       Reaktion.
       
       Auch wenige Tage vor dem CSD haben wir noch keine Genehmigung, Wagen
       aufzustellen. In besagtem Instagram-Post schildern wir unsere Situation.
       Geht es nach den Ordnungsbehörden, darf der Toilettenwagen nicht auf dem
       Marktplatz stehen; höchstens hinter der Kirche, die nebenan steht. Aber wir
       sehen eine konkrete Gefährdungslage für die Teilnehmenden. Wenn man die
       sanitären Infrastrukturen auf schlecht einsehbare Flächen verlagert, ist es
       schwierig, die [1][Sicherheit zu gewährleisten]. Mehrmals haben wir in den
       Wochen vor dem CSD um ein konstruktives Gespräch gebeten, ohne Erfolg.
       
       Bis die große Öffentlichkeit, die der Instagram-Post erwirkt, die
       Bürgermeisterin in Zugzwang bringt, uns kurzfristig doch einzuladen. Sie
       ist völlig entsetzt. Was uns einfalle, sie so bloßzustellen? Anscheinend
       hat sie auch keine Ahnung von den Auflagen, die sie uns gegeben hat. Die
       Versorgungsstände lehnt sie zum Beispiel partout ab, obwohl wir die
       aufstellen müssen. Es gebe ja einen Bäcker, sagt sie. Allerdings macht der
       samstags um 12 Uhr zu, genau dann, wenn unsere Demo beginnt. Sie bricht das
       Gespräch ab.
       
       Mit unserem Anwalt in der Hinterhand leiten wir ein Eilverfahren beim
       Verwaltungsgericht ein, um die Ver- und Entsorgung doch zu gewährleisten.
       Dieses entscheidet dann einen Tag vor dem CSD, dass Toiletten auf den
       Marktplatz gestellt werden dürfen und die Versorgung gewährleistet werden
       muss. Aber im Urteil ist nicht explizit von Essen und Trinken die Rede, der
       Teil bleibt schwammig.
       
       Und so ist der Kampf mit dem Ordnungsamt noch lange nicht vorbei. Als wir
       Samstagvormittag die Bühne an den Starkstrom anschließen wollen, versucht
       das Amt auch das zu verhindern, und ist kurz davor, uns wortwörtlich den
       Stecker zu ziehen. Wir hätten vorab nicht die entsprechenden Anträge
       gestellt – dabei haben wir genau das versucht, und außerdem könnten die
       rechtlich sogar noch vor Ort selbst gestellt werden. Das Amt holt die
       Polizei, doch die ist [2][zum Glück auf unserer Seite], und wir einigen
       uns.
       
       Dann aber kommt die Gulaschkanone. Wir bauen sie auf, stellen das Zelt, die
       Tische hin. Es gibt auch noch einen kleinen Grill. Auf einmal kommen fünf
       Leute vom Ordnungsamt zum Standbetreiber und meinen: „Die Gulaschkanone ist
       nicht angemeldet und kein Demobestandteil. Das muss abgebaut werden.“ Was
       machen wir mit dem Grill? Der brennt ja jetzt schon. „Da müssen Sie halt
       Wasser holen.“ Na, dann bauen wir das jetzt ab, sage ich. Die Leute vom
       Ordnungsamt sind perplex: Was? Wieso gibt es keinen Widerstand?
       
       Ich trommle zehn Menschen zusammen. Wir schieben die Gulaschkanone
       vielleicht 15 Meter zur Kirchentreppe am Rand des Marktplatzes und bauen
       noch einen Getränkestand auf. Das Ordnungsamt fühlt sich verarscht. „Das
       soll jetzt weg“, sagen die. Aber das ist nicht das Grundstück der Stadt,
       sondern es gehört der Kirche. Aus meiner Tasche hole ich ein Schriftstück
       vom Pfarrer, er bestätigt: Ihr dürft es nutzen.
       
       Der Pfarrer ist ein alter Freund von mir, ich habe vorgesorgt. Erst will
       das Ordnungsamt das nicht akzeptieren, dann sagen sie uns, „das wird ein
       Nachspiel haben“, und ziehen ab. Um 12 Uhr eröffnen wir den CSD, ziehen
       durch Köthen und feiern ungestört.
       
       Wir haben gemerkt, dass es ein Fehler ist, sich komplett auf die
       Zusammenarbeit mit der Stadt zu verlassen. Und wir sind nicht auf sie
       angewiesen, weil wir so viele Verbündete in Köthen haben. Den Pfarrer, auch
       die Polizei. Das hatte ich vorher gar nicht auf dem Schirm: Wie wichtig
       diese Beziehungen sind. Es geht um die Menschen, die mit anpacken, die
       mitgestalten wollen. Das ist viel wichtiger als die Verwaltung.
       
       Das Nachspiel, das das Ordnungsamt angekündigt hat, war übrigens, dass die
       Bürgermeisterin mich wegen Verleumdung angezeigt hat. Das habe ich aus der
       Presse erfahren. Im Januar wurde das Verfahren eingestellt. Den CSD [3][in
       diesem Jahr haben wir dann ohne städtische Unterstützung durchgeführt].
       
       19 Sep 2026
       
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