# taz.de -- „Ich hatte einen einzigen Job – und konnte ihn nicht machen“
> Sina Reisch war 2019 Pressesprecherin von Ende Gelände. Bei einer Aktion
> fand sie sich genau dort, wo sie als Sprecherin keinesfalls sein wollte
(IMG) Bild: Hier war noch alles friedlich: Ende-Gelände-Aktivist*innen bei der Blockade des Kraftwerks Neurath 2019
Mit ihren Körpern blockierten im Juni 2019 tausende Menschen
Kohleinfrastruktur im Rheinland. Sie steigen in Gruben oder setzen sich auf
die Schienen, auf denen Züge tonnenweise Braunkohle zu den Kraftwerken
transportieren. Mit den Massenaktionen wollen wir von Ende Gelände
aufzeigen, dass es angesichts der Klimakrise ein grundlegend anderes
[1][Wirtschaftssystem braucht, weg vom Kapitalismus].
Als Pressesprecherin fahre ich von einer Aktion zur nächsten. Immer dahin,
wo was los ist und wo gerade Journalist*innen sind. Tausende Menschen
sitzen in den Blockaden und unsere Verantwortung als Pressesprecherinnen
ist es, der Welt zu erklären, [2][warum sie das tun]. Wir sind drei
Pressesprecherinnen und teilen uns auf. Für uns gilt: nicht in die Aktion
gehen, nicht in einen Polizeikessel geraten, sondern immer am Rand stehen,
um Interviews zu geben. Wenn wir nicht vor Ort sind, zitieren die
Journalist*innen im schlimmsten Fall nur die Polizei – und [3][die
lügt] oft.
Schon am ersten Tag gelingen viele Blockaden. Besonders schön ist die
Schienenblockade vor dem Kraftwerk Neurath – zu der Zeit das größte
Kohlekraftwerk Deutschlands. Die Stelle ist schwer zu erreichen, also
werden die Aktivist*innen nicht geräumt und können sogar die Nacht dort
verbringen. Um sich die Zeit zu vertreiben, spielen die Aktivist*innen
Musik, tanzen und singen, machen akrobatisches Yoga. Immer wieder kommt die
Essensversorgung, bringt Eintöpfe, Porridge, Chili sin Carne. Es entwickelt
sich fast schon eine Festivalatmosphäre.
Samstagabend steht die Blockade schon über 24 Stunden. Die
Aktivist*innen kündigen an, Sonntag um 10 Uhr zu gehen. Das wird auch
mit der Polizei besprochen, die uns bis dahin in Ruhe lassen will, um nicht
alle einzeln wegtragen zu müssen. Die Lage ist also entspannt, die
Journalist*innen haben ihre Fotos schon gemacht und sind anderswo. Für
uns Pressesprecherinnen hat der Ort also eine geringe Priorität. Aber ich
weiß, dass Freund*innen von mir dort sind, und möchte sie gern sehen.
Also gehe ich hin, auch wenn ich das eigentlich nicht sollte, und verbringe
die Nacht auf den Schienen.
Am Sonntag wachen wir auf, fangen an, unsere Sachen zu packen, und machen
uns bereit für eine entspannte Demo zurück zum Camp. Doch wie aus dem
Nichts taucht die Polizei auf und umzingelt die Blockade. Wir sind in einem
Kessel. Shit.
Für mich bedeutet das gleich mehrere Probleme. Ich habe mich in eine
Situation manövriert, in der ich meinen einzigen Job als Pressesprecherin –
Interviews geben – nicht mehr machen kann. Außerdem drohen jetzt
Repressionen. Ende Gelände setzt eigentlich auf Identitätsverweigerung: Wer
in Aktion geht und aktiv blockiert, hat keinen Ausweis dabei und sagt auch
den Namen nicht der Polizei. Als Pressesprecherin habe ich aber mit meinem
Klarnamen gesprochen, habe meinen Perso dabei. Neben der Aktion zu stehen,
ist kein Problem – in einem Kessel zu sein, schon. Mein Telefon klingelt.
Eine Journalistin steht beim Kessel, kann nicht rein und will ein
Interview. Wir suchen fieberhaft nach einer Lösung – und finden sie. Bei
Aktionen sind Abgeordnete dabei zur parlamentarischen Beobachtung. Sie
kommen immer durch Polizeiketten. Einer von ihnen meint: „Komm, lauf mir
einfach hinterher. Ich sag, du bist in meinem Team.“ Gesagt, getan – und
der Plan geht auf. Ich bin aus dem Kessel, und mir fällt ein riesiger Stein
vom Herzen. Ich begrüße die Journalistin, gebe mein Interview. Mir bleibt
aber nur eine Sekunde der Erleichterung.
Kaum drehe ich mich um, baut sich der Einsatzleiter vor mir auf: „Was habe
ich da gerade gehört? Sie sind Pressesprecherin von Ende Gelände? Ich
dachte, Sie seien Mitarbeiterin dieses Abgeordneten?!“ Er will mich zurück
in den Kessel schicken, ich sei Versammlungsteilnehmerin. Ich weigere mich:
„Ich will nicht an dieser Versammlung teilnehmen. Sie können mich doch
nicht zwingen, Teil einer Versammlung zu werden, an der ich gar nicht
teilnehmen möchte!“ Dann sagt der Polizist: „Wenn Sie jetzt nicht zurück in
den Kessel gehen, dann wenden wir unmittelbaren Zwang an!“ Drei Kamerateams
sind auf uns gerichtet. Über mein Gesicht huscht ein Anflug von
Belustigung, und ich sehe ihm an, wie ihm langsam dämmert, dass er gerade
einen Fehler gemacht hat.
„Polizei wirft Pressesprecherin gewaltsam in den Kessel“ – ist das die
Schlagzeile, die der Einsatzleiter riskieren will? Ich lasse es darauf
ankommen. Schließlich zerren mich vier Beamte mit [4][Schmerzgriffen] weg.
Natürlich schreie ich wie am Spieß, der Schmerz ist nicht ohne. Und der
ganze Kessel skandiert: „Pressefreiheit! Pressefreiheit!“ Statt in den
Kessel zurück, [5][bringen mich die Polizisten zu ihren Einsatzwägen]. Da
sitze ich und nehme Videos auf, weil ich noch meine Handys habe. Durch die
Presse und das Internet geht die Headline: „Pressesprecherin gewaltsam
festgenommen“.
An jenem Tag, an dem ich als Pressesprecherin in die Blockade reingegangen
bin, habe ich einen Fehler gemacht. Ich hätte draußen bleiben müssen, um
Interviews geben zu können. Aber ich bin überzeugt: Bewegungsaufbau ist
immer auch Beziehungsaufbau.
Die Nacht auf der Schiene hat uns zusammengeschweißt und Vertrauen
geschaffen. Wenige Monate später war ich mit denselben Leuten in Venedig,
um Kreuzfahrtschiffe zu blockieren. Ich möchte nicht von meinen
Freund*innen fernbleiben müssen, nur um einen Job gut zu machen. Manche
Fehler macht man gern.
19 Sep 2026
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## AUTOREN
(DIR) Jonas Waack
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