# taz.de -- Schattenseiten der sexpositiven Szene: Täter im hedonistischen Schafspelz
       
       > Das Kitkat steht für sexuelle Freiheit und grenzenlosen Hedonismus. Doch
       > das Label wird teils misbraucht, um Macht und Übergriffigkeit zu
       > kaschieren.
       
 (IMG) Bild: Kitkat-Doku: Friss Sahne oder du bist nicht sexpositiv
       
       Hedonist*innen, das sind diese Depressiven und Drogenabhängigen, die
       übergriffigen Männer. Diesen Eindruck vermittelt zumindest der neuen
       Kinodokumentarfilm [1][„KitKatClub – Kinks of Berlin“]. In der
       100-minütigen Doku blickt Regisseur Philipp Fussenegger schonungslos hinter
       die Türen des legendären sexpositiven Clubs: Überdosierungen,
       Zusammenbrüche im und vor dem Kitkat, Kotzen am Morgen danach. Bei Orgien
       stapeln sich Berge von Keta, Speed und Mephe auf Papptellern, viele klagen
       über die Oberflächlichkeit der Feierfreundschaften, Flinta* über die
       Übergriffigkeit vieler Männer.
       
       Dieser Trostlosigkeit steht die eigentliche Definition des Hedonismus – die
       Maximierung von Freude und Vermeidung von Leid – diametral entgegen.
       Dennoch versteht sich der Kitkat-Club als „hedonistisch“, die Community als
       eine, die es wagt, gesellschaftliche Normen zu hinterfragen, Scham zu
       dekonstruieren und mit anderen Formen des Zusammenlebens abseits des
       heteronormativen Standards zu experimentieren.
       
       Doch Anspruch und Realität klaffen auseinander. Denn neben einem Ort der
       Selbstermächtigung ist es auch ein Ort der Machtausübung. Beispielhaft
       dafür ist die Beziehung von Kitkat-Gründer Simon Thaur und Partnerin Mali,
       die in der Doku begleitet werden. Dass die Beziehung von einer
       fetischisierten Unterordnung der weiblichen Rolle geprägt ist, nimmt Thaur
       zum Anlass, seine Partnerin vor laufender Kamera in einer Tour
       herabzuwürdigen und zu beleidigen. Mit hedonistischer Befreiung hat das
       wenig zu tun, vielmehr mit der Reproduktion patriarchaler Machtfantasien
       unter dem Deckmantel der Sexpositivität.
       
       Auch im Club wird grenzenlose Freiheit immer wieder mit Grenzenlosigkeit
       verwechselt. Es häufen sich Berichte von sexuellen Übergriffen und
       Vergewaltigungen. 2023 feierte im Kitkat Rammstein-Sänger Till Lindemann,
       gegen den zuvor Vorwürfe wegen sexualisierter Gewalt erhoben worden waren.
       2024 gab es Berichte von Frauen über sexuelle Belästigung beim Pinkeln in
       der Umgebung des Clubs. Aufgrund langer Schlangen und fehlender Toiletten
       vor dem Kitkat war das Ausweichen in die Umgebung unumgänglich.
       
       ## Kitkat vergleicht Awareness-Team mit „Moralpolizei“
       
       Lange fehlten im Club hausinterne Awareness-Strukturen völlig, erst nach
       Vorfällen von sexualisierter Gewalt und öffentlicher Kritik wurde
       nachgeschärft und sichtbare Awareness-Teams eingesetzt. Von den Standards
       anderer Berliner Clubs ist das Kitkat jedoch noch weit entfernt. Dabei
       müssten die Strukturen gerade dort, wo Sex, Nacktheit und das Ausloten von
       Grenzen explizit erwünscht ist, deutlich über die klassischer Clubs
       hinausgehen.
       
       Der Club erklärte in einer Stellungnahme [2][nach einer mutmaßlichen
       Vergewaltigung 2024], dass das Awareness-Team bislang undercover unterwegs
       gewesen sei, „um zu vermeiden, dass sich das Kitkat in einen
       ‚Moralpolizei‘-Staat verwandelt“. Es zeigt: Die mangelnden
       Awareness-Strukturen sind kein Versehen, sondern Kalkül.
       
       [3][Die Betreiber*innen, Simon Thaur und Kirsten Krüger,] verkörpern eine
       alte Schule des Hedonismus, die Grenzen als bürgerliche Prüderie abtut und
       grenzenlosen Exzess zum Ideal erhebt. Was dabei verloren geht: Inklusion,
       Konsens und emotionale Sicherheit. Thaurs Partnerin Mali bringt diese
       Haltung in der Doku auf den Punkt. Die junge sexpositive Generation habe
       „einen Stock im Arsch“, sagt sie. Anders ausgedrückt: Wer consent fordert,
       ist nicht sexpositiv.
       
       Es ist genau diese Erwartungshaltung der selbsternannten „Hedonist*innen“,
       permanent geil, abenteuerlustig und enthemmt sein zu müssen, die einen
       Druck erzeugt. Wer sich nicht mit einer Tüte über dem Kopf anal penetrieren
       oder in den Mund pinkeln lassen will, muss sich fragen: Bin ich überhaupt
       sexpositiv?
       
       Es ist keine Utopie, Menschen, die Grenzen setzen, emotionale Nachsorge
       brauchen oder Verantwortung für die Gefühle der Beteiligten übernehmen, als
       „bürgerlich“ oder „unfrei“ abzutun. Wirklich hedonistisch und utopisch wäre
       Akzeptanz für alles, auch für Unlust. Denn grenzenlose Freiheit bedeutet
       auch: Grenzen akzeptieren.
       
       12 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Doku-ueber-den-Kitkat-Club/!6210729
 (DIR) [2] /Berliner-Sex-Club-Kitkat/!6099992
 (DIR) [3] /Berliner-Club-KitKat/!5982160
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Lilly Schröder
       
       ## TAGS
       
 (DIR) KitKatClub
 (DIR) Hedonismus
 (DIR) sex-positiv
 (DIR) KitKatClub
 (DIR) Vergewaltigung
 (DIR) Clubkultur
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Doku über den Kitkat-Club: Mikrokosmos des Lebens
       
       Das Kitkat steht für sexuelle Freiheit. Eine neue Doku zeigt aber auch die
       Schattenseite: Drogen, Übergriffe – und eine Community, die trotzdem an
       ihrer Utopie festhält.
       
 (DIR) Vergewaltigung im Kitkat Club: Das Ende der Party
       
       Eine Frau berichtet von einer Vergewaltigung im Berliner Kitkat Club. Wie
       sie den Mann stoppt, anzeigt – und weiterlebt.
       
 (DIR) Berliner Club KitKat: Die rechteste Tür der Stadt
       
       In der Security des KitKat arbeiten Personen mit Verbindungen in die rechte
       Szene. Die Liste von Verfehlungen und Beschwerden ist lang.