# taz.de -- Integrationsbeauftrage über Männergewalt: Wozu Männer, Güner Balcı?
       
       > Die männlichen Gewalttaten an Frauen werden wenig reportiert, sagt Güner
       > Balcı im großen taz-FUTURZWEI-Interview. Wie legitimiert sich das
       > Patriarchat und was kann gegen einen Backlash getan werden?
       
 (IMG) Bild: Einwanderungsgesellschaften und ihre Herausforderungen: Neuköllns Integrationsbeauftrage Güner Balcı
       
       [1][taz FUTURZWEI] | Güner Balcı ist Schriftstellerin, Journalistin und
       Integrationsbeauftragte von Berlin-Neukölln. Damit ist sie, laut
       Definition, zuständig für die Belange und erfolgreiche Integration von
       Migranten und Menschen mit Migrationshintergrund. Das Gespräch mit Peter
       Unfried und Harald Welzer fand in einer Sitzecke in einem Café in
       Berlin-Mitte statt, an einem Freitag im Sommer, es war schweineheiß.
       
       taz FUTURZWEI: Wozu Männer, Frau Balcı?
       
       Güner Balcı: Ich verstehe die Frage überhaupt nicht. So ganz flach kann das
       ja nicht gemeint sein.
       
       taz FUTURZWEI: Das ist so flach gemeint.
       
       Güner Balcı: Das ist so ein bisschen wie die Frage, wozu Menschen auf der
       Welt? Naja, also, ich mag Männer und ich bin ganz froh, dass es sie gibt.
       Das ist doch jetzt eine ganz flache Antwort.
       
       taz FUTURZWEI: Auch wenn man die Männer mag, werfen sie ja im realen
       Zustand eine Reihe von Problemen auf.
       
       Güner Balcı: Klar, ich bewundere und bemitleide sie zugleich. Und ich
       stelle mir manchmal schon auch die Frage, wie es wohl wäre, wenn Männer
       weniger Macht hätten. Ob dann wirklich alles sehr viel besser oder sehr
       anders wäre? Aber egal, in welcher Gesellschaft man ist, ein ausgewiesenes
       Matriarchat mal ausgenommen: Am Ende kommt man natürlich immer wieder an
       den Punkt, dass Männer ein sehr problematisches Verhältnis zu Macht und
       Gewalt haben. Frauen sind jetzt nicht die besseren Menschen. Aber trotzdem,
       auch in Gesellschaften, in denen der Alltag von Gewalt geprägt ist, zum
       Beispiel von Geschlechterapartheid und Unterdrückung und einem autoritären
       Regelwerk, sind es relativ selten Frauen, die tatsächlich gewaltbereit
       aufbegehren.
       
       taz FUTURZWEI: Welche Erklärung haben Sie?
       
       Güner Balcı: Es gibt oft so eine Ursprungssituation, dass man in einem –
       Wie nennt man das immer? – sozial schwierigen Milieu oder in schwierigen
       Familien aufwächst, und die Jungs schlagen dann nach draußen und die
       Mädchen unterdrücken das, fügen sich selbst Gewalt zu und werden krank. Das
       ist eine Form von Anpassung, weil in diesen Fällen Mädchen dazu erzogen
       werden, ganz klar. Manchmal sieht man auch Mädchen, die da ausbrechen. Die
       sind dann in ihrer Gewaltbereitschaft ebenbürtig – als Mädchen, die auch
       Mädchen umbringen, die bereit sind, übelste Gewalt anzuwenden, auch gegen
       ihren Partner. Das gibt es, aber das hat sich in unserer Zivilisation nicht
       so durchgesetzt.
       
       taz FUTURZWEI: In Ihrem Buch Heimatland, eine Art autobiografisches
       Sachbuch, erzählen Sie über Ihr Aufwachsen in den islamisch geprägten
       Milieus von Berlin-Neukölln und diagnostizieren Verachtung und Hass
       gegenüber den Mädchen. Warum ist diese Form von veralltäglichter Gewalt
       kein Thema in der öffentlichen Kommunikation?
       
       Güner Balcı: Das betrifft in der Wahrnehmung vieler Menschen eigentlich
       immer nur die anderen. Die vermeintlich Fremderen. Diese Fremde ist ganz
       klar konnotiert mit Einwanderung, anderen Regeln, Religionen und anderer
       Kultur. Tenor: Die sind halt anders. Nicht so wie wir. Und dann hat man da
       auch keine Verantwortung und vielleicht auch weniger Empathie.
       
       taz FUTURZWEI: Erstmal offenbar auch keine Aufmerksamkeit.
       
       Güner Balcı: Gar keine Wahrnehmung. Ich glaube, man hat immer eine feine
       Wahrnehmung, wenn man sich identifiziert mit Leuten, wenn das Gegenüber
       einem so nah ist, dass man einfach auch mitkriegt, wie derjenige lebt und
       tickt. Und wenn jemand da außenvor ist, dann lebt man an dem vorbei. Und so
       ist das mit dem Milieu, das ich immer wieder zu beschreiben versuche. Das
       ist ja überhaupt gar kein fremdes Milieu, das sind auch unsere Nachbarn,
       unsere Freunde, unsere Bekannten, die Kinder in unseren Schulen und so
       weiter.
       
       taz FUTURZWEI: Die Botschaft kommt nicht an.
       
       Güner Balcı: Am Ende ist es erst relevant für eine große Gruppe von
       Menschen in Deutschland, weil eine Person zum Beispiel zu Schaden kommt,
       mit der man sich total identifizieren kann, wie zum Beispiel Hatun Sürücü.
       
       taz FUTURZWEI: Die Berlinerin, die 2005 im Alter von 23 Jahren von ihrem
       Bruder an einer Bushaltestelle mit drei Kopfschüssen getötet wurde.
       
       Güner Balcı: Das war der erste wirklich sehr prominente Ehrenmordfall in
       Berlin, in Deutschland, bei dem es ganz viel Presseaufmerksamkeit,
       politische Statements aus allen Parteien gab, wo jeder dachte, es muss sich
       jetzt etwas ändern.
       
       taz FUTURZWEI: Woher kam die Aufmerksamkeit?
       
       Güner Balcı: Sie kam, weil sie wie eine von uns wirkte. Wie die eigene
       Tochter oder das Mädel von nebenan, voller Lebensfreude, voller Zuversicht,
       ihr eigenes Leben zu gestalten. Das war ein Berliner Mädchen. Sie hat sogar
       berlinert. Und da kommt der kleine Bruder, den sie früher gewindelt hat,
       und er richtet sie hin vor ihrer eigenen Haustür. Es hätte weniger
       Aufmerksamkeit erzeugt, wenn das jetzt ein Mädchen gewesen wäre, das nicht
       so sichtbar und selbstbewusst ausgebrochen wäre und vielleicht noch mit
       einem Schleier irgendwo in einem Frauenhaus gelandet wäre. Wenn so eine
       Frau dann umgebracht wird, findet sie in der öffentlichen Wahrnehmung als
       Individuum viel weniger statt.
       
       taz FUTURZWEI: Das wird ignoriert?
       
       Güner Balcı: Die Fälle hatten wir ja jetzt auch. Etwa eine
       afghanischstämmige Frau, Mutter von sechs Kindern, die am helllichten Tag
       in dem Kiez, wo sie gelebt hat, von ihrem Mann vor aller Augen mit dem
       Messer ermordet wird. Darüber wurde nur ganz wenig gesprochen, die Frau hat
       kaum einen Namen bekommen in der Berichterstattung. Was mit den Kindern
       passiert, hat gar keine Rolle mehr gespielt.
       
       taz FUTURZWEI: Was sagt das?
       
       Güner Balcı: Es sagt, dass es schon erschreckend ist, dass sich da so wenig
       entwickelt hat und stattdessen wieder Gleichgültigkeit eingekehrt ist.
       Eigentlich müsste ein Aufschrei durchs Land gehen, dass Kinder Halbwaisen
       werden, wenn einer einfach durchgedreht ist, weil die Frau nicht mehr
       Kopftuch tragen wollte und was auch immer. Aber das waren halt die fremden
       anderen in einer Fluchtunterkunft, die gehören ja eh gar nicht dazu.
       
       taz FUTURZWEI: Wie kommt es, dass diese Männer ihre Frauen umbringen?
       
       Güner Balcı: Das ist die Spitze des Eisbergs namens Patriarchat. Einer, der
       Vater ist, entscheidet über das Leben und Sterben seiner Frau, seines
       Kindes und all der Menschen, die meinen, ihm diese Regel entziehen zu
       wollen, nach der er über die Familie herrscht. Wir haben ja viele Morde
       nach diesem Schema, dass da einer sagt, ich bin auserkoren, ich bestimme
       über diesen Bereich und da ist mir völlig egal, welche Gesetzeslage es hier
       gibt oder wer noch der Meinung ist, er könne etwas bestimmen. Nur ich
       entscheide. Ohne Kompromisse. Die Regeln sind einfach. Wenn das, was ich
       sage, nicht eingehalten wird, darf ich entscheiden, was passiert.
       
       taz FUTURZWEI: Begründung?
       
       Güner Balcı: Legitimiert wird das immer ganz unterschiedlich. Kulturell,
       religiös oder als Sippenkult sowieso schon immer gelebt und nie infrage
       gestellt. Oft wissen die Leute gar nicht mehr, warum sie ihre Schwester
       eigentlich umbringen. Es gibt diesen Gedanken gar nicht. Das Einzige, was
       man dann immer hört, ist: Das war eine Familienangelegenheit und irgendwie
       taucht dann immer das Wort Ehre auf. Das ist ja eine recht schlichte
       Erklärung, aber es gibt natürlich lange Vorgeschichten und ein soziales
       Konzept dahinter. Das ist das, was eigentlich bei uns immer auf Seite eins
       in den Medien landen müsste.
       
       taz FUTURZWEI: Was ja genau nicht passiert.
       
       Güner Balcı: Es kann nicht passieren, weil wir nämlich im Moment ein
       Erstarken einer rechtsextremen Partei haben, die alles, was kritisch
       passiert in der Migrationsgesellschaft, sofort zum Anlass nimmt, übelste
       Hetze zu betreiben, die fruchtet. Wir sind im Moment so unter Druck als
       Gesellschaft, dass wir fast nicht mehr die Möglichkeit bekommen, uns mit
       den Unzulänglichkeiten innerhalb unserer Gesellschaft zu beschäftigen. Wir
       nehmen die Position ein von jemandem, der immer das Setting der
       Rechtsextremen mitdenken muss.
       
       taz FUTURZWEI: In einer taz-Rezension Ihres Buches wird kritisiert, dass
       Sie „unbeabsichtigt rechte Narrative“ stärkten.
       
       Güner Balcı: Das würde ja bedeuten, dass man immer einen Katalog mit den
       Narrativen der Rechten gegenliest und all das, was die dort jemals auch nur
       erwähnt haben, tunlichst vermeidet. Damit demontiert man Demokratie. Und
       zwar ganz ohne Zutun der AfD. Weil man nämlich den Meinungskorridor
       einengt, für alle Beteiligten, völlig egal, ob das jemand wie ich ist oder
       ob das ein CDU-, SPD- oder ein Linken-Politiker ist. Deswegen wird auch der
       Stadtbild-Satz von Kanzler Merz sofort zu etwas, bei dem lauter Leute vor
       der Parteizentrale gegen Rassismus demonstrieren. Das ist völlig bekloppt,
       weil die ganzen arabischen und türkischen und kurdischen Männer, mit denen
       ich täglich Kontakt habe, viel offensiver über dieses sogenannte Stadtbild
       streiten.
       
       taz FUTURZWEI: Was sagen die?
       
       Güner Balcı: Sie finden es zum Kotzen, dass sich Dinge verändern, hin zu
       einer Gesellschaft, die sie hinter sich gelassen zu haben glaubten.
       
       taz FUTURZWEI: Sie erzählen im Buch von dem Backlash, den es mit der
       arabischen Zuwanderung in sich liberalisierenden muslimischen Milieus
       gegeben hat. Was ist da passiert?
       
       Güner Balcı: Diese zugewanderten arabischen Milieus sind besonders geprägt
       durch ein patriarchales Gesellschaftskonzept und dadurch hat sich auch
       etwas bei uns verschoben, weil Menschen natürlich auch ihre Nachbarschaft
       prägen. Da steht nicht das Individuum im Mittelpunkt, sondern wieder das
       Kollektiv. Was wir so krampfhaft erarbeitet haben, vom
       Geschlechterverhältnis bis zur Anerkennung der Grundrechte, erlebt einen
       Rollback. Letztens kommt ein kurdischer Mann auf mich zu und sagt, Güner,
       wir leben in Berlin 2026, das kann nicht sein, dass unsere Töchter sich
       jetzt wieder so anpassen müssen, als wären sie in einem ostanatolischen
       Dorf 1950. Der Grund dafür sind patriarchale Strukturen, die sich in den
       Milieus, in denen Migration sehr sichtbar ist, im öffentlichen Raum
       abbilden.
       
       taz FUTURZWEI: Wie genau?
       
       Güner Balcı: Sie sehen zu bestimmten Tageszeiten weniger Frauen allein auf
       der Straße. Oder nur bestimmte Frauen allein auf der Straße. Oder auch
       bestimmte Konsequenzen, wenn queere Menschen in bestimmten Milieus, zu
       bestimmten Tageszeiten auf der Straße vielleicht sogar Händchen haltend
       gesichtet werden. Das alles sind knallharte Fakten. Es kann für normal
       tickende Menschen kein Maßstab sein, dass Rechte diese Fakten rauf und
       runter instrumentalisieren und populistisch für sich nutzen. Dann steht man
       erst recht in der Pflicht, sich weiterzuentwickeln, weil, die sind nun mal
       da. Und die werden demnächst Landesregierungen übernehmen.
       
       taz FUTURZWEI: Heißt?
       
       Güner Balcı: Wenn ich über Ehrenmorde rede, dann auf der Grundlage, dass
       diese Menschen immer ein Teil meiner Gesellschaft sind, dass sie immer eine
       Minderheit darstellen innerhalb der Migrationsgesellschaft, dass sie vor
       allem innerhalb der Mi-grationsgesellschaft Opfer produzieren und dass die
       Gewalt sich meist innerhalb des Milieus abspielt und im seltensten Fall
       außerhalb. Und dann muss ich immer ausholen und sagen, trotzdem ist die
       größte Bedrohung, die wir haben, die rechtsextreme Bedrohung. Wir wissen,
       dass die das Thema ausnutzen. Genau deshalb müssen wir offen darüber reden
       und brauchen eine Haltung dazu.
       
       taz FUTURZWEI: Warum benutzen Sie das Wort Ehrenmord?
       
       Güner Balcı: Weil die Täter, die ihre Tochter, Frau, Schwester oder Kusine
       umbringen, ihre Tat so gut wie immer mit der eigenen und der Familienehre
       begründen. In der arabischen Sprache sagen sie zum Beispiel Al-qatl difāʿan
       ʿan ash-sharaf (Mord zur Verteidigung der Ehre) oder im Türkischen heißt es
       Onur cinayeti und töre cinayeti, und das bedeutet Ehrenmord oder
       Traditionsmord. Das muss man akzeptieren und man muss es erklären.
       
       taz FUTURZWEI: Unsere Milieus benutzen das Wort nicht.
       
       Güner Balcı: Ja, ich hatte letztens eine lange Diskussion darüber mit einer
       Grünen-Frau, die fand das ganz schrecklich, das hätte ja gar nichts mit
       Ehre zu tun, also wirklich. Da habe ich gesagt, Moment, für die Männer ist
       das ihre Ehre, das muss man erst einmal verstehen, sonst kommt man nie an
       die Ursachen. Dann kommen die wieder mit dieser Wischiwaschi-Rhetorik: „Das
       sind alles Femizide. Ein deutscher Arzt bringt seine Frau auch um.“ Die
       Leute, die über das Wort streiten, sind in der Regel Leute, die der Meinung
       sind, dass eigentlich jeder Umgang mit dem Thema Rassismus befördert. Das
       heißt, dass man bei der Ursachenanalyse auch niemals thematisieren sollte,
       welche Rolle Religion und Kultur eigentlich spielen. Tenor: Männer sind
       Männer, und die bringen halt Frauen um. Das hört man ja ganz oft.
       
       taz FUTURZWEI: Ein Vater liebt ja häufig seine Tochter über alles, würde
       ich jetzt mal unterstellen. Was passiert da, dass er sie unterdrückt,
       schlägt, sogar umbringt?
       
       Güner Balcı: Es gibt den Vater, der seine Tochter liebt, aber nicht über
       alles. Und es gibt den Vater, der seine Tochter wirklich über alles liebt.
       Konkret: Da gibt es zum Beispiel einen Vater, der seine Tochter
       bedingungslos liebt, aber in einem System lebt, wo die gesamte
       Verwandtschaft, die eigene Frau, das ganze Umfeld, die Sippe, mitbestimmt,
       wo die Liebe Grenzen finden muss. Spätestens dann, wenn die Tochter nicht
       mehr nach den Regeln lebt, die da eingeübt wurden über Jahrhunderte. Wenn
       sie, um das an einem realen Beispiel konkret zu machen, als Nicht-Jungfrau
       in die Ehe geht oder gar nicht in die Ehe geht mit jemandem, den man ihr
       ausgesucht hat, sondern einen Freund hat, den sie nicht haben darf.
       
       taz FUTURZWEI: Was passiert dann?
       
       Güner Balcı: Dann wird dem Vater nahegelegt, dass er das schnell klären
       müsse, weil er als Erster, als Oberhaupt diese Chance bekommt, zu zeigen,
       dass er auch tatsächlich ein Oberhaupt ist. Und seine Frau legt ihm das
       auch nahe. Das ist alles Teil eines perfiden Systems. Und dann ist es ein
       Vater, der heimlich zu einer Hilfsorganisation geht und heimlich mit der
       Polizei kooperiert, damit seine Tochter gerettet wird. Damit er dann
       dasteht als jemand, der gar nichts dafür kann, dass sie plötzlich
       verschwunden ist. Er versucht beides, sein Gesicht zu wahren und das Leben
       seiner Tochter zu retten. Wenn ich darüber rede, kriege ich Gänsehaut.
       
       taz FUTURZWEI: Was wäre in diesem System die Alternative?
       
       Güner Balcı: Ich würde meine Tochter nehmen und abhauen und nie
       wiederkommen. Meine anderen Kinder vielleicht auch. Dass das nicht
       passiert, zeigt, wie tief man drin steckt und wie wenig man Anschluss
       gefunden hat an das, was wir normalen Umgang miteinander nennen, nach
       westlichen Werten, sage ich jetzt mal unscharf.
       
       taz FUTURZWEI: Was ist mit dem anderen Vater?
       
       Güner Balcı: Der andere Vater liebt seine Tochter und hat das System so
       tief verinnerlicht, dass er sagt: Wenn sie gegen diese Regeln verstößt,
       wenn sie meine Ehre zerstört, indem sie einen Freund hat, dann ist sie
       diese Liebe auch nicht wert, dann kann sie gar nicht meine Tochter sein.
       Wie ein Mann so wird, dass er auf der einen Seite seine Tochter liebt und
       auf der anderen bereit ist, sie in den Tod zu schubsen, das frage ich mich
       immer.
       
       taz FUTURZWEI: Was ist Ihre Antwort?
       
       Güner Balcı: Ich gebe da Frauen eine sehr große Verantwortung. Am Ende
       erziehen die Mütter die Kinder, also auch die Söhne. Auch in jeder
       patriarchalen Gesellschaft sind die ersten Jahre immer sehr stark von der
       Mutter geprägt. Das ist zwangsläufig so, weil die Väter oft gar keine Lust
       haben, die Kinder zu versorgen. In diesen Jahren entscheidet sich auch, wie
       eine Geschwisterliebe aufgebaut ist, wie überhaupt das Verhältnis von
       Jungen und Mädchen geprägt ist. Ich kriege das auch bestätigt von meinen
       männlichen Freunden aus arabischen Ländern. Mütter haben da sehr große
       Macht.
       
       taz FUTURZWEI: Wir kommt es zu dieser Jungfräulichkeitsobsession in der
       muslimischen Kultur?
       
       Güner Balcı: Ich habe eine sehr besondere Antwort mal bekommen von Dalil
       Boubakeur, dem ehemaligen Leiter der Großen Moschee in Paris.
       
       taz FUTURZWEI: Ein führender Vertreter des säkularen Islam und der Trennung
       von Religion und Politik.
       
       Güner Balcı: Er hat das ganz schlicht so erklärt, dass die Männer ihre
       präödipale Phase nie ganz verarbeiten, es nur diese überdimensionale Mutter
       gibt und sie deshalb ihr Leben lang ein krankhaftes Verhältnis zu Frauen
       mitschleppen, auch in ihre nächste Beziehung. Da kommt mein Mitleid ins
       Spiel mit diesen Männern, denn es ist auch einfach so traurig, dass es nur
       diese heilige Verehrung gibt, wenn eine Frau für sie in Betracht kommt. Die
       andere Frau ihrer sexuellen Wünsche ist halt die Verstoßene, die gar nicht
       in Betracht kommt. Das zeigt einfach, wie schwach Männer sind. Und es zeigt
       auch, wie schwer es diesen Männern fällt, da auszubrechen.
       
       taz FUTURZWEI: Und Frauen?
       
       Güner Balcı: Frauen fällt es viel leichter, auszubrechen, vielleicht auch,
       weil sie ständig ihre Libido unter Kontrolle haben müssen, wenn sie nicht
       ausbrechen. Weil sie viel bereiter sind, zu erkennen, dass diese Grenzen
       sie auch körperlich einschränken. Männern wird ja wenigstens freigestellt,
       dass sie rumvögeln dürfen, auch wenn das dann nicht die Frau ist, die sie
       heiraten dürfen. Männer tragen diese Systeme immer, immer, immer mit. Und
       man fragt sich ja irgendwann mal: Warum tun die das? Warum schaffen es so
       wenig Männer zu sagen, what the fuck? Ich mach das jetzt nicht mehr. Okay,
       dann habt ihr keinen Respekt vor mir, aber dann gehe ich halt woanders hin.
       
       taz FUTURZWEI: Spielt da die Macht eine große Rolle? Wenn ich mich
       innerhalb dieses Rollenmodells verhalte, kann ich ja Macht ausüben.
       
       Güner Balcı: Definitiv. Meine Macht liegt zwischen den Beinen der Frau. Sie
       steht und fällt mit der Kontrolle über die Sexualität der Frau. Schwächer
       geht’s eigentlich gar nicht. Und das bezeichne ich dann auch noch als
       Liebe! Das ist auch so geil: Wenn man religiöse Menschen fragt, warum sie
       daran festhalten, Frauen zu unterdrücken, dann kommt immer: weil Frauen
       kostbar sind, weil sie heilig sind, weil das Paradies unter ihren Füßen
       ist, weil wir Frauen ehren, weil sie bei uns Würde haben. Das ist komplett
       wider die menschliche Natur.
       
       taz FUTURZWEI: Und kann man das diesen Männern erklären?
       
       Güner Balcı: Man kann es ihnen abtrainieren. Man kann sie anders
       konditionieren und so läuft das auch. Die Leute, die ausbrechen, wurden
       anders eingestellt, und zwar je früher, desto besser.
       
       taz FUTURZWEI: Die meisten Eltern werden das nicht tun?
       
       Güner Balcı: Davon muss man ausgehen. Das geht aber, wenn die in einem
       Kindergarten sind, in einer Ganztagsschule, wo man ein Gespür hat für die
       Lebensrealität dieser Kinder. Wenn man die sexuelle Selbstbestimmung als
       Grundbedürfnis von Menschen sieht und als Grundverpflichtung einer freien
       Demokratie wie unserer, die das Individuum ins Zentrum stellt. Man muss es
       gewährleisten, dass die Kinder zumindest erfahren, dass es das gibt. Auch
       wenn sie sich später anders entscheiden.
       
       taz FUTURZWEI: In Ihrem Buch schreiben Sie, dass wir den Zeitpunkt verpasst
       hätten, gerade politisch, um Frauen und auch Männer aus muslimischen
       Ländern im Widerstand gegen die ihnen auf-gezwungenen Lebensentwürfe zu
       unterstützen. Wie ist das passiert?
       
       Güner Balcı: Als in den 1960er-Jahren zum ersten Mal eine große Gruppe von
       Menschen aus muslimischen Ländern nach Deutschland kam, hat man wirklich
       noch jahrelang geglaubt, dass die wieder gehen. Dadurch hat die Politik
       sich nicht damit beschäftigt, was das bedeutet, dass die jetzt da sind.
       Unsere jetzige Gesellschaft ist entstanden aus einer christlich-jüdischen
       Tradition. Sie hat sich unter hohen Kosten über die Aufklärung zu der
       freien Gesellschaft entwickelt, die wir heute haben. All das steht in
       Kontrast zu dem, wie Gesellschaften in muslimischen Ländern funktionieren.
       Und dann hat man in den 60er-Jahren ausgerechnet Millî Görüş hier
       etabliert, eine türkische Organisation der Muslimbruderschaft, die sogar in
       der Türkei verboten war, weil die Türkei damals noch versucht hat, an
       diesem harten Laizismuskurs festzuhalten.
       
       taz FUTURZWEI: Millî Görüş will laut Manifest die „westliche Ordnung des
       Unrechts“ durch eine islamische ersetzen.
       
       Güner Balcı: Diesen reaktionären politischen Verein hat man hier etabliert.
       Da haben die Politiker hier gesagt: Ach, da ist einer von der Millî Görüş,
       der kann ein bisschen Koran und der spricht Türkisch, der soll jetzt mal
       die ganzen Schäfchen um sich scharen und wir geben ihm noch einen Raum und
       dann kann er seine Moschee gründen. So fing das an. Und heute haben wir
       weit über tausend Moscheen, die von der Türkei gesteuert werden. Und viele
       andere, die aus arabischen Ländern gesteuert werden. Nur ein Bruchteil
       dieser Moscheen versucht, sich rauszuhalten aus diesen harten politischen
       Debatten, die von den ganzen Funktionären der anderen geführt werden. Da
       hat sich etwas etabliert, das eine reaktionär-religiöse Ausrichtung für
       viele Menschen vorschreibt. Das sind Gegengesellschaften, immer eng
       gebunden an irgendein Herkunftsland, mit dem man sich gefälligst zu
       identifizieren hat, und verbunden mit Werten, die oft wenig mit westlichen
       Werten zu tun haben. Schon gar nicht mit Gleichberechtigung der
       Geschlechter. Wir haben keinen politischen Kurs gefunden, damit umzugehen.
       
       taz FUTURZWEI: Konkret?
       
       Güner Balcı: Wir sind jetzt an einem Punkt, wo jüdische Schüler an
       staatlichen Schulen unsicher sind. Nicht nur, weil wir da deutsche Neonazis
       haben, die haben wir auch. Aber hauptsächlich ist das Problem, dass Gruppen
       von muslimischen Schülern der Meinung sind, dass die Juden eigentlich nicht
       leben sollten. Punkt. Und wir haben die Politik, dass Hilfsorganisationen
       explizit nicht in Fluchtunterkünfte gehen und die Hilfsangebote in alle
       Sprachen übersetzen und den Leuten niedrigschwellig anbieten, weil sie die
       Ressourcen nicht haben, die Frauen aufzufangen. Die Frauenhäuser sind jetzt
       schon überfüllt. Worüber reden wir, solange das so ist?
       
       taz FUTURZWEI: Diese Dinge, die Sie in Ihrem Buch darlegen, die tauchen im
       gehobenen Mittelstandsdiskurs nicht auf. Wir reden über Harvey Weinstein,
       #MeToo, Christian Ulmen, aber wenig über das, was in der Großzahl der
       Familien vor sich geht, die Sie hier beschreiben.
       
       Güner Balcı: Immer da, wo es keine Lobby gibt oder zu wenig Lobby, da gibt
       es auch keine Wahrnehmung. Die Betroffenen von Zwangsehe, zum Beispiel,
       können nicht in die Öffentlichkeit treten. Oder nur, wenn sie ganz viel
       hinter sich gelassen haben und die Versicherung bekommen vom LKA, dass sie
       sicher sind. Dadurch sind in der öffentlichen Debatte jene hörbar, die
       nichts mit dem Thema zu tun haben, oder jene, die das Thema für sich
       instrumentalisieren, um es umzukehren und das Thema „antimuslimischen
       Rassismus“ nach vorn zu schieben. Die erzählen dann, ja, ja, es gäbe auch
       ein paar Zwangsehen und durchaus ab und zu mal ein Kind, das vielleicht
       auch mal gezwungen wird, Schleier zu tragen, aber eigentlich läuft es
       prima. Und die betroffenen Mädchen finden halt nicht statt. Bei der
       häuslichen Gewalt haben wir noch eine bessere Wahrnehmung, weil das ja
       etwas ist, was mittlerweile auch in breiten Teilen unserer Gesellschaft
       wirklich geächtet ist. Das heißt, wenn es mal sichtbar wird, fühlen sich
       auch alle unter Reaktionszwang. Da muss man eine Haltung haben, dass das
       nicht geht.
       
       taz FUTURZWEI: Wir haben den Eindruck, dass auch die Milieus, die sich als
       aufgeklärt und solidarisch, womöglich feministisch, betrachten, etwa Teile
       der Grünen und der Linkspartei, Ihren Argumenten eher skeptisch
       gegenüberstehen.
       
       Güner Balcı: Hören Sie, ich fühle mich von diesem links-grünen Milieu total
       im Stich gelassen, aber nicht nur ich. Breite Teile säkularer Migranten
       fühlen sich von denen komplett im Stich gelassen. Eigentlich alle Menschen,
       die sich zu diesem Thema aktiv einbringen und selbst Migrationsgeschichte
       haben, die wirklich einfordern, dass wir da weiterkommen, damit es den
       Kindern irgendwann besser geht. Dieses links-grüne Milieu hat überhaupt
       keinen Sinn für diese Debatten und will sie immer wegschieben. Da ist zum
       Beispiel eine hochrangige Politikerin der Grünen, jemand, die mir mit
       Begeisterung gesagt hat, dass sie viele Sachen toll findet, die ich mache.
       Wir sehen auch viele Dinge ähnlich. Sie hat am Hermannplatz um die Ecke
       gelebt und mir erzählt, dass sie das total schlimm fände, dass da immer
       diese Typen abends abhingen, und sie wurde auch schon öfter belästigt. Die
       zieht dann aber weg, weil sie es kann – und stellt sich vor die Zentrale
       der CDU, um gegen Friedrich Merz zu demonstrieren, mit dem Slogan „Wir sind
       die Töchter“.
       
       taz FUTURZWEI: Politischer Opportunismus gehört zum Geschäft.
       
       Güner Balcı: Ja, genau. Aber so eine Stadtbild-Debatte wäre eine
       Steilvorlage gewesen, zu sagen, wissen Sie was, Herr Merz, so geht es
       nicht, aber ich habe am Herrmannplatz diese ganzen Typen. Das ist echt
       ziemlich scheiße, wenn man da abends als Frau allein langläuft. Was hindert
       sie daran, darüber zu reden?
       
       taz FUTURZWEI: Was?
       
       Güner Balcı: Sie tun es nicht, weil das keine deutschen Männer sind.
       Deswegen redet man nicht darüber. Das ist doch verrückt, oder? Ich kriege
       das nicht in meine Birne.
       
       taz FUTURZWEI: Die Grüne Partei besteht doch aber aus Feministinnen und
       Feministen.
       
       Güner Balcı: Ja, aber auf einem völlig anderen Level. Ich sage das als
       Frau, die als Kind gelernt hat: Wenn man nicht bereit ist, zuzuschlagen,
       muss man sich sehr schnell entscheiden zwischen Hure oder Heilige. So war
       meine Kindheit.
       
       taz FUTURZWEI: So wie Sie das sagen, haben Sie zugeschlagen. In welcher
       Situation?
       
       Güner Balcı: Ich musste sagen: Pass mal auf, das ist meine Grenze, du hast
       die mehrfach überschritten, jetzt kriegst du eine aufs Maul. Es war
       existenziell für mich als Frau, dass ich entscheiden durfte, ob ich einen
       Freund habe oder nicht, ob ich einen kurzen Rock trage oder nicht; das hat
       mich immer Körpereinsatz gekostet. Und dann habe ich heute hochrangige
       Grüne-, Linke- und SPD-Politikerinnen, die in eine Moscheegemeinde gehen
       und Typen umarmen, die kleine Mädchen sexualisieren.
       
       taz FUTURZWEI: Sie sind richtig angefressen.
       
       Güner Balcı: Das regt mich tierisch auf. Mein Argument ist immer, ihr
       konntet in eurem ganzen Leben rumvögeln, wie ihr Bock hattet. Und was mit
       den anderen ist, interessiert euch nicht. Das sind nämlich gar nicht eure
       Menschen. Die sind euch nämlich fucking egal. Das sind so eklatante
       Menschenrechtsverletzungen, da können die auch nicht mit dem Argument
       kommen, dass die Rechten das benutzen. Das ist mir zu billig.
       
       taz FUTURZWEI: Ich will nicht glauben, dass es denen oder uns egal ist.
       
       Güner Balcı: Ich glaube, das ist denen egal. Ich kann auch erklären, woran
       ich das festmache. Das sind nämlich genau die Leute, die zu mir als
       Integrationsbeauftragte kommen und sagen, sie würden jetzt in Neukölln
       leben und das Kind müsste eingeschult werden, das sei ja alles so
       schwierig, und sie wollen von mir wissen, ob es überhaupt eine Schule gebe,
       die man empfehlen könnte. Oder das sind Leute, die mich kontaktieren und
       sagen, mein Sohn hat jetzt eine muslimische Freundin, und wir sind sehr
       unter Druck geraten. Und dann wachen die auf aus ihrem Traum. Auf einmal
       trifft es sie knallhart persönlich. Und dann kriegen sie eine Haltung dazu,
       aber eben nur dann.
       
       taz FUTURZWEI: Und dann engagieren sie sich auch.
       
       Güner Balcı: Für das eigene Kind.
       
       taz FUTURZWEI: Cem Özdemir, der Grüne Ministerpräsident von
       Baden-Württemberg, wird vom linksemanzipatorischen Milieu als Rassist
       bezeichnet, wenn er darauf hinweist, dass die postmigrantische Gesellschaft
       auch gewisse Probleme aufwirft. Wie bewerten Sie das?
       
       Güner Balcı: Cem ist einer der besten Politiker, die Deutschland
       hervorgebracht hat. Er schafft es wunderbar, all diese Projektionen und all
       diese Konflikte in gute Politik umzuwandeln. Er hat sich mit Blick auf
       Migrationsgesellschaft getraut, einfach mal zu sagen, dass seine Töchter
       davon betroffen sind, weil das immer diese muslimischen Männer sind, die
       ihnen nachstellen. Vielleicht sind wir in anderen Politik-Bereichen nicht
       immer einer Meinung, aber wenn es um dieses Thema geht,
       Geschlechterapartheid, reaktionäres Familienbild, islamistische Strukturen
       und Organisationen, da ist er einfach glasklar.
       
       taz FUTURZWEI: Bei der Grünen Jugend ist er auch als Rassist unten durch.
       
       Güner Balcı: Ja, das ist bezeichnend für die Grüne Jugend. Das sind halt
       auch alles Wohlstandsverwahrloste. Wie viel haben die zu tun mit der
       Lebensrealität von Leuten, die sich tagtäglich mit dieser Repression
       auseinandersetzen müssen, die in bestimmten Milieus herrscht? Gar nix. Das
       ist halt so eine Blase. Und ganz ehrlich, ich bin stolz auf mein Land, weil
       wir so eine Grüne Jugend haben können. Wir können uns das leisten. Die
       gehören dazu.
       
       taz FUTURZWEI: Ist das ironisch?
       
       Güner Balcı: Nein, ich will da nicht missverstanden werden. Die
       verschrobene Grüne Jugend repräsentiert nichts weiter als die Gruppe der
       Grünen Jugend. Mit den allermeisten Jugendlichen in Deutschland hat das
       nichts zu tun. Aber das ist für mich Teil einer vielfältigen demokratischen
       Gesellschaft.
       
       🐾 Lesen Sie weiter: Die neue Ausgabe unseres Magazins taz FUTURZWEI N°38
       mit dem Titelthema „Wozu Männer?“ ist erschienen. [2][Hier bestellen im taz
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       9 Sep 2026
       
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