# taz.de -- Integrationsbeauftrage über Männergewalt: Wozu Männer, Güner Balcı?
> Die männlichen Gewalttaten an Frauen werden wenig reportiert, sagt Güner
> Balcı im großen taz-FUTURZWEI-Interview. Wie legitimiert sich das
> Patriarchat und was kann gegen einen Backlash getan werden?
(IMG) Bild: Einwanderungsgesellschaften und ihre Herausforderungen: Neuköllns Integrationsbeauftrage Güner Balcı
[1][taz FUTURZWEI] | Güner Balcı ist Schriftstellerin, Journalistin und
Integrationsbeauftragte von Berlin-Neukölln. Damit ist sie, laut
Definition, zuständig für die Belange und erfolgreiche Integration von
Migranten und Menschen mit Migrationshintergrund. Das Gespräch mit Peter
Unfried und Harald Welzer fand in einer Sitzecke in einem Café in
Berlin-Mitte statt, an einem Freitag im Sommer, es war schweineheiß.
taz FUTURZWEI: Wozu Männer, Frau Balcı?
Güner Balcı: Ich verstehe die Frage überhaupt nicht. So ganz flach kann das
ja nicht gemeint sein.
taz FUTURZWEI: Das ist so flach gemeint.
Güner Balcı: Das ist so ein bisschen wie die Frage, wozu Menschen auf der
Welt? Naja, also, ich mag Männer und ich bin ganz froh, dass es sie gibt.
Das ist doch jetzt eine ganz flache Antwort.
taz FUTURZWEI: Auch wenn man die Männer mag, werfen sie ja im realen
Zustand eine Reihe von Problemen auf.
Güner Balcı: Klar, ich bewundere und bemitleide sie zugleich. Und ich
stelle mir manchmal schon auch die Frage, wie es wohl wäre, wenn Männer
weniger Macht hätten. Ob dann wirklich alles sehr viel besser oder sehr
anders wäre? Aber egal, in welcher Gesellschaft man ist, ein ausgewiesenes
Matriarchat mal ausgenommen: Am Ende kommt man natürlich immer wieder an
den Punkt, dass Männer ein sehr problematisches Verhältnis zu Macht und
Gewalt haben. Frauen sind jetzt nicht die besseren Menschen. Aber trotzdem,
auch in Gesellschaften, in denen der Alltag von Gewalt geprägt ist, zum
Beispiel von Geschlechterapartheid und Unterdrückung und einem autoritären
Regelwerk, sind es relativ selten Frauen, die tatsächlich gewaltbereit
aufbegehren.
taz FUTURZWEI: Welche Erklärung haben Sie?
Güner Balcı: Es gibt oft so eine Ursprungssituation, dass man in einem –
Wie nennt man das immer? – sozial schwierigen Milieu oder in schwierigen
Familien aufwächst, und die Jungs schlagen dann nach draußen und die
Mädchen unterdrücken das, fügen sich selbst Gewalt zu und werden krank. Das
ist eine Form von Anpassung, weil in diesen Fällen Mädchen dazu erzogen
werden, ganz klar. Manchmal sieht man auch Mädchen, die da ausbrechen. Die
sind dann in ihrer Gewaltbereitschaft ebenbürtig – als Mädchen, die auch
Mädchen umbringen, die bereit sind, übelste Gewalt anzuwenden, auch gegen
ihren Partner. Das gibt es, aber das hat sich in unserer Zivilisation nicht
so durchgesetzt.
taz FUTURZWEI: In Ihrem Buch Heimatland, eine Art autobiografisches
Sachbuch, erzählen Sie über Ihr Aufwachsen in den islamisch geprägten
Milieus von Berlin-Neukölln und diagnostizieren Verachtung und Hass
gegenüber den Mädchen. Warum ist diese Form von veralltäglichter Gewalt
kein Thema in der öffentlichen Kommunikation?
Güner Balcı: Das betrifft in der Wahrnehmung vieler Menschen eigentlich
immer nur die anderen. Die vermeintlich Fremderen. Diese Fremde ist ganz
klar konnotiert mit Einwanderung, anderen Regeln, Religionen und anderer
Kultur. Tenor: Die sind halt anders. Nicht so wie wir. Und dann hat man da
auch keine Verantwortung und vielleicht auch weniger Empathie.
taz FUTURZWEI: Erstmal offenbar auch keine Aufmerksamkeit.
Güner Balcı: Gar keine Wahrnehmung. Ich glaube, man hat immer eine feine
Wahrnehmung, wenn man sich identifiziert mit Leuten, wenn das Gegenüber
einem so nah ist, dass man einfach auch mitkriegt, wie derjenige lebt und
tickt. Und wenn jemand da außenvor ist, dann lebt man an dem vorbei. Und so
ist das mit dem Milieu, das ich immer wieder zu beschreiben versuche. Das
ist ja überhaupt gar kein fremdes Milieu, das sind auch unsere Nachbarn,
unsere Freunde, unsere Bekannten, die Kinder in unseren Schulen und so
weiter.
taz FUTURZWEI: Die Botschaft kommt nicht an.
Güner Balcı: Am Ende ist es erst relevant für eine große Gruppe von
Menschen in Deutschland, weil eine Person zum Beispiel zu Schaden kommt,
mit der man sich total identifizieren kann, wie zum Beispiel Hatun Sürücü.
taz FUTURZWEI: Die Berlinerin, die 2005 im Alter von 23 Jahren von ihrem
Bruder an einer Bushaltestelle mit drei Kopfschüssen getötet wurde.
Güner Balcı: Das war der erste wirklich sehr prominente Ehrenmordfall in
Berlin, in Deutschland, bei dem es ganz viel Presseaufmerksamkeit,
politische Statements aus allen Parteien gab, wo jeder dachte, es muss sich
jetzt etwas ändern.
taz FUTURZWEI: Woher kam die Aufmerksamkeit?
Güner Balcı: Sie kam, weil sie wie eine von uns wirkte. Wie die eigene
Tochter oder das Mädel von nebenan, voller Lebensfreude, voller Zuversicht,
ihr eigenes Leben zu gestalten. Das war ein Berliner Mädchen. Sie hat sogar
berlinert. Und da kommt der kleine Bruder, den sie früher gewindelt hat,
und er richtet sie hin vor ihrer eigenen Haustür. Es hätte weniger
Aufmerksamkeit erzeugt, wenn das jetzt ein Mädchen gewesen wäre, das nicht
so sichtbar und selbstbewusst ausgebrochen wäre und vielleicht noch mit
einem Schleier irgendwo in einem Frauenhaus gelandet wäre. Wenn so eine
Frau dann umgebracht wird, findet sie in der öffentlichen Wahrnehmung als
Individuum viel weniger statt.
taz FUTURZWEI: Das wird ignoriert?
Güner Balcı: Die Fälle hatten wir ja jetzt auch. Etwa eine
afghanischstämmige Frau, Mutter von sechs Kindern, die am helllichten Tag
in dem Kiez, wo sie gelebt hat, von ihrem Mann vor aller Augen mit dem
Messer ermordet wird. Darüber wurde nur ganz wenig gesprochen, die Frau hat
kaum einen Namen bekommen in der Berichterstattung. Was mit den Kindern
passiert, hat gar keine Rolle mehr gespielt.
taz FUTURZWEI: Was sagt das?
Güner Balcı: Es sagt, dass es schon erschreckend ist, dass sich da so wenig
entwickelt hat und stattdessen wieder Gleichgültigkeit eingekehrt ist.
Eigentlich müsste ein Aufschrei durchs Land gehen, dass Kinder Halbwaisen
werden, wenn einer einfach durchgedreht ist, weil die Frau nicht mehr
Kopftuch tragen wollte und was auch immer. Aber das waren halt die fremden
anderen in einer Fluchtunterkunft, die gehören ja eh gar nicht dazu.
taz FUTURZWEI: Wie kommt es, dass diese Männer ihre Frauen umbringen?
Güner Balcı: Das ist die Spitze des Eisbergs namens Patriarchat. Einer, der
Vater ist, entscheidet über das Leben und Sterben seiner Frau, seines
Kindes und all der Menschen, die meinen, ihm diese Regel entziehen zu
wollen, nach der er über die Familie herrscht. Wir haben ja viele Morde
nach diesem Schema, dass da einer sagt, ich bin auserkoren, ich bestimme
über diesen Bereich und da ist mir völlig egal, welche Gesetzeslage es hier
gibt oder wer noch der Meinung ist, er könne etwas bestimmen. Nur ich
entscheide. Ohne Kompromisse. Die Regeln sind einfach. Wenn das, was ich
sage, nicht eingehalten wird, darf ich entscheiden, was passiert.
taz FUTURZWEI: Begründung?
Güner Balcı: Legitimiert wird das immer ganz unterschiedlich. Kulturell,
religiös oder als Sippenkult sowieso schon immer gelebt und nie infrage
gestellt. Oft wissen die Leute gar nicht mehr, warum sie ihre Schwester
eigentlich umbringen. Es gibt diesen Gedanken gar nicht. Das Einzige, was
man dann immer hört, ist: Das war eine Familienangelegenheit und irgendwie
taucht dann immer das Wort Ehre auf. Das ist ja eine recht schlichte
Erklärung, aber es gibt natürlich lange Vorgeschichten und ein soziales
Konzept dahinter. Das ist das, was eigentlich bei uns immer auf Seite eins
in den Medien landen müsste.
taz FUTURZWEI: Was ja genau nicht passiert.
Güner Balcı: Es kann nicht passieren, weil wir nämlich im Moment ein
Erstarken einer rechtsextremen Partei haben, die alles, was kritisch
passiert in der Migrationsgesellschaft, sofort zum Anlass nimmt, übelste
Hetze zu betreiben, die fruchtet. Wir sind im Moment so unter Druck als
Gesellschaft, dass wir fast nicht mehr die Möglichkeit bekommen, uns mit
den Unzulänglichkeiten innerhalb unserer Gesellschaft zu beschäftigen. Wir
nehmen die Position ein von jemandem, der immer das Setting der
Rechtsextremen mitdenken muss.
taz FUTURZWEI: In einer taz-Rezension Ihres Buches wird kritisiert, dass
Sie „unbeabsichtigt rechte Narrative“ stärkten.
Güner Balcı: Das würde ja bedeuten, dass man immer einen Katalog mit den
Narrativen der Rechten gegenliest und all das, was die dort jemals auch nur
erwähnt haben, tunlichst vermeidet. Damit demontiert man Demokratie. Und
zwar ganz ohne Zutun der AfD. Weil man nämlich den Meinungskorridor
einengt, für alle Beteiligten, völlig egal, ob das jemand wie ich ist oder
ob das ein CDU-, SPD- oder ein Linken-Politiker ist. Deswegen wird auch der
Stadtbild-Satz von Kanzler Merz sofort zu etwas, bei dem lauter Leute vor
der Parteizentrale gegen Rassismus demonstrieren. Das ist völlig bekloppt,
weil die ganzen arabischen und türkischen und kurdischen Männer, mit denen
ich täglich Kontakt habe, viel offensiver über dieses sogenannte Stadtbild
streiten.
taz FUTURZWEI: Was sagen die?
Güner Balcı: Sie finden es zum Kotzen, dass sich Dinge verändern, hin zu
einer Gesellschaft, die sie hinter sich gelassen zu haben glaubten.
taz FUTURZWEI: Sie erzählen im Buch von dem Backlash, den es mit der
arabischen Zuwanderung in sich liberalisierenden muslimischen Milieus
gegeben hat. Was ist da passiert?
Güner Balcı: Diese zugewanderten arabischen Milieus sind besonders geprägt
durch ein patriarchales Gesellschaftskonzept und dadurch hat sich auch
etwas bei uns verschoben, weil Menschen natürlich auch ihre Nachbarschaft
prägen. Da steht nicht das Individuum im Mittelpunkt, sondern wieder das
Kollektiv. Was wir so krampfhaft erarbeitet haben, vom
Geschlechterverhältnis bis zur Anerkennung der Grundrechte, erlebt einen
Rollback. Letztens kommt ein kurdischer Mann auf mich zu und sagt, Güner,
wir leben in Berlin 2026, das kann nicht sein, dass unsere Töchter sich
jetzt wieder so anpassen müssen, als wären sie in einem ostanatolischen
Dorf 1950. Der Grund dafür sind patriarchale Strukturen, die sich in den
Milieus, in denen Migration sehr sichtbar ist, im öffentlichen Raum
abbilden.
taz FUTURZWEI: Wie genau?
Güner Balcı: Sie sehen zu bestimmten Tageszeiten weniger Frauen allein auf
der Straße. Oder nur bestimmte Frauen allein auf der Straße. Oder auch
bestimmte Konsequenzen, wenn queere Menschen in bestimmten Milieus, zu
bestimmten Tageszeiten auf der Straße vielleicht sogar Händchen haltend
gesichtet werden. Das alles sind knallharte Fakten. Es kann für normal
tickende Menschen kein Maßstab sein, dass Rechte diese Fakten rauf und
runter instrumentalisieren und populistisch für sich nutzen. Dann steht man
erst recht in der Pflicht, sich weiterzuentwickeln, weil, die sind nun mal
da. Und die werden demnächst Landesregierungen übernehmen.
taz FUTURZWEI: Heißt?
Güner Balcı: Wenn ich über Ehrenmorde rede, dann auf der Grundlage, dass
diese Menschen immer ein Teil meiner Gesellschaft sind, dass sie immer eine
Minderheit darstellen innerhalb der Migrationsgesellschaft, dass sie vor
allem innerhalb der Mi-grationsgesellschaft Opfer produzieren und dass die
Gewalt sich meist innerhalb des Milieus abspielt und im seltensten Fall
außerhalb. Und dann muss ich immer ausholen und sagen, trotzdem ist die
größte Bedrohung, die wir haben, die rechtsextreme Bedrohung. Wir wissen,
dass die das Thema ausnutzen. Genau deshalb müssen wir offen darüber reden
und brauchen eine Haltung dazu.
taz FUTURZWEI: Warum benutzen Sie das Wort Ehrenmord?
Güner Balcı: Weil die Täter, die ihre Tochter, Frau, Schwester oder Kusine
umbringen, ihre Tat so gut wie immer mit der eigenen und der Familienehre
begründen. In der arabischen Sprache sagen sie zum Beispiel Al-qatl difāʿan
ʿan ash-sharaf (Mord zur Verteidigung der Ehre) oder im Türkischen heißt es
Onur cinayeti und töre cinayeti, und das bedeutet Ehrenmord oder
Traditionsmord. Das muss man akzeptieren und man muss es erklären.
taz FUTURZWEI: Unsere Milieus benutzen das Wort nicht.
Güner Balcı: Ja, ich hatte letztens eine lange Diskussion darüber mit einer
Grünen-Frau, die fand das ganz schrecklich, das hätte ja gar nichts mit
Ehre zu tun, also wirklich. Da habe ich gesagt, Moment, für die Männer ist
das ihre Ehre, das muss man erst einmal verstehen, sonst kommt man nie an
die Ursachen. Dann kommen die wieder mit dieser Wischiwaschi-Rhetorik: „Das
sind alles Femizide. Ein deutscher Arzt bringt seine Frau auch um.“ Die
Leute, die über das Wort streiten, sind in der Regel Leute, die der Meinung
sind, dass eigentlich jeder Umgang mit dem Thema Rassismus befördert. Das
heißt, dass man bei der Ursachenanalyse auch niemals thematisieren sollte,
welche Rolle Religion und Kultur eigentlich spielen. Tenor: Männer sind
Männer, und die bringen halt Frauen um. Das hört man ja ganz oft.
taz FUTURZWEI: Ein Vater liebt ja häufig seine Tochter über alles, würde
ich jetzt mal unterstellen. Was passiert da, dass er sie unterdrückt,
schlägt, sogar umbringt?
Güner Balcı: Es gibt den Vater, der seine Tochter liebt, aber nicht über
alles. Und es gibt den Vater, der seine Tochter wirklich über alles liebt.
Konkret: Da gibt es zum Beispiel einen Vater, der seine Tochter
bedingungslos liebt, aber in einem System lebt, wo die gesamte
Verwandtschaft, die eigene Frau, das ganze Umfeld, die Sippe, mitbestimmt,
wo die Liebe Grenzen finden muss. Spätestens dann, wenn die Tochter nicht
mehr nach den Regeln lebt, die da eingeübt wurden über Jahrhunderte. Wenn
sie, um das an einem realen Beispiel konkret zu machen, als Nicht-Jungfrau
in die Ehe geht oder gar nicht in die Ehe geht mit jemandem, den man ihr
ausgesucht hat, sondern einen Freund hat, den sie nicht haben darf.
taz FUTURZWEI: Was passiert dann?
Güner Balcı: Dann wird dem Vater nahegelegt, dass er das schnell klären
müsse, weil er als Erster, als Oberhaupt diese Chance bekommt, zu zeigen,
dass er auch tatsächlich ein Oberhaupt ist. Und seine Frau legt ihm das
auch nahe. Das ist alles Teil eines perfiden Systems. Und dann ist es ein
Vater, der heimlich zu einer Hilfsorganisation geht und heimlich mit der
Polizei kooperiert, damit seine Tochter gerettet wird. Damit er dann
dasteht als jemand, der gar nichts dafür kann, dass sie plötzlich
verschwunden ist. Er versucht beides, sein Gesicht zu wahren und das Leben
seiner Tochter zu retten. Wenn ich darüber rede, kriege ich Gänsehaut.
taz FUTURZWEI: Was wäre in diesem System die Alternative?
Güner Balcı: Ich würde meine Tochter nehmen und abhauen und nie
wiederkommen. Meine anderen Kinder vielleicht auch. Dass das nicht
passiert, zeigt, wie tief man drin steckt und wie wenig man Anschluss
gefunden hat an das, was wir normalen Umgang miteinander nennen, nach
westlichen Werten, sage ich jetzt mal unscharf.
taz FUTURZWEI: Was ist mit dem anderen Vater?
Güner Balcı: Der andere Vater liebt seine Tochter und hat das System so
tief verinnerlicht, dass er sagt: Wenn sie gegen diese Regeln verstößt,
wenn sie meine Ehre zerstört, indem sie einen Freund hat, dann ist sie
diese Liebe auch nicht wert, dann kann sie gar nicht meine Tochter sein.
Wie ein Mann so wird, dass er auf der einen Seite seine Tochter liebt und
auf der anderen bereit ist, sie in den Tod zu schubsen, das frage ich mich
immer.
taz FUTURZWEI: Was ist Ihre Antwort?
Güner Balcı: Ich gebe da Frauen eine sehr große Verantwortung. Am Ende
erziehen die Mütter die Kinder, also auch die Söhne. Auch in jeder
patriarchalen Gesellschaft sind die ersten Jahre immer sehr stark von der
Mutter geprägt. Das ist zwangsläufig so, weil die Väter oft gar keine Lust
haben, die Kinder zu versorgen. In diesen Jahren entscheidet sich auch, wie
eine Geschwisterliebe aufgebaut ist, wie überhaupt das Verhältnis von
Jungen und Mädchen geprägt ist. Ich kriege das auch bestätigt von meinen
männlichen Freunden aus arabischen Ländern. Mütter haben da sehr große
Macht.
taz FUTURZWEI: Wir kommt es zu dieser Jungfräulichkeitsobsession in der
muslimischen Kultur?
Güner Balcı: Ich habe eine sehr besondere Antwort mal bekommen von Dalil
Boubakeur, dem ehemaligen Leiter der Großen Moschee in Paris.
taz FUTURZWEI: Ein führender Vertreter des säkularen Islam und der Trennung
von Religion und Politik.
Güner Balcı: Er hat das ganz schlicht so erklärt, dass die Männer ihre
präödipale Phase nie ganz verarbeiten, es nur diese überdimensionale Mutter
gibt und sie deshalb ihr Leben lang ein krankhaftes Verhältnis zu Frauen
mitschleppen, auch in ihre nächste Beziehung. Da kommt mein Mitleid ins
Spiel mit diesen Männern, denn es ist auch einfach so traurig, dass es nur
diese heilige Verehrung gibt, wenn eine Frau für sie in Betracht kommt. Die
andere Frau ihrer sexuellen Wünsche ist halt die Verstoßene, die gar nicht
in Betracht kommt. Das zeigt einfach, wie schwach Männer sind. Und es zeigt
auch, wie schwer es diesen Männern fällt, da auszubrechen.
taz FUTURZWEI: Und Frauen?
Güner Balcı: Frauen fällt es viel leichter, auszubrechen, vielleicht auch,
weil sie ständig ihre Libido unter Kontrolle haben müssen, wenn sie nicht
ausbrechen. Weil sie viel bereiter sind, zu erkennen, dass diese Grenzen
sie auch körperlich einschränken. Männern wird ja wenigstens freigestellt,
dass sie rumvögeln dürfen, auch wenn das dann nicht die Frau ist, die sie
heiraten dürfen. Männer tragen diese Systeme immer, immer, immer mit. Und
man fragt sich ja irgendwann mal: Warum tun die das? Warum schaffen es so
wenig Männer zu sagen, what the fuck? Ich mach das jetzt nicht mehr. Okay,
dann habt ihr keinen Respekt vor mir, aber dann gehe ich halt woanders hin.
taz FUTURZWEI: Spielt da die Macht eine große Rolle? Wenn ich mich
innerhalb dieses Rollenmodells verhalte, kann ich ja Macht ausüben.
Güner Balcı: Definitiv. Meine Macht liegt zwischen den Beinen der Frau. Sie
steht und fällt mit der Kontrolle über die Sexualität der Frau. Schwächer
geht’s eigentlich gar nicht. Und das bezeichne ich dann auch noch als
Liebe! Das ist auch so geil: Wenn man religiöse Menschen fragt, warum sie
daran festhalten, Frauen zu unterdrücken, dann kommt immer: weil Frauen
kostbar sind, weil sie heilig sind, weil das Paradies unter ihren Füßen
ist, weil wir Frauen ehren, weil sie bei uns Würde haben. Das ist komplett
wider die menschliche Natur.
taz FUTURZWEI: Und kann man das diesen Männern erklären?
Güner Balcı: Man kann es ihnen abtrainieren. Man kann sie anders
konditionieren und so läuft das auch. Die Leute, die ausbrechen, wurden
anders eingestellt, und zwar je früher, desto besser.
taz FUTURZWEI: Die meisten Eltern werden das nicht tun?
Güner Balcı: Davon muss man ausgehen. Das geht aber, wenn die in einem
Kindergarten sind, in einer Ganztagsschule, wo man ein Gespür hat für die
Lebensrealität dieser Kinder. Wenn man die sexuelle Selbstbestimmung als
Grundbedürfnis von Menschen sieht und als Grundverpflichtung einer freien
Demokratie wie unserer, die das Individuum ins Zentrum stellt. Man muss es
gewährleisten, dass die Kinder zumindest erfahren, dass es das gibt. Auch
wenn sie sich später anders entscheiden.
taz FUTURZWEI: In Ihrem Buch schreiben Sie, dass wir den Zeitpunkt verpasst
hätten, gerade politisch, um Frauen und auch Männer aus muslimischen
Ländern im Widerstand gegen die ihnen auf-gezwungenen Lebensentwürfe zu
unterstützen. Wie ist das passiert?
Güner Balcı: Als in den 1960er-Jahren zum ersten Mal eine große Gruppe von
Menschen aus muslimischen Ländern nach Deutschland kam, hat man wirklich
noch jahrelang geglaubt, dass die wieder gehen. Dadurch hat die Politik
sich nicht damit beschäftigt, was das bedeutet, dass die jetzt da sind.
Unsere jetzige Gesellschaft ist entstanden aus einer christlich-jüdischen
Tradition. Sie hat sich unter hohen Kosten über die Aufklärung zu der
freien Gesellschaft entwickelt, die wir heute haben. All das steht in
Kontrast zu dem, wie Gesellschaften in muslimischen Ländern funktionieren.
Und dann hat man in den 60er-Jahren ausgerechnet Millî Görüş hier
etabliert, eine türkische Organisation der Muslimbruderschaft, die sogar in
der Türkei verboten war, weil die Türkei damals noch versucht hat, an
diesem harten Laizismuskurs festzuhalten.
taz FUTURZWEI: Millî Görüş will laut Manifest die „westliche Ordnung des
Unrechts“ durch eine islamische ersetzen.
Güner Balcı: Diesen reaktionären politischen Verein hat man hier etabliert.
Da haben die Politiker hier gesagt: Ach, da ist einer von der Millî Görüş,
der kann ein bisschen Koran und der spricht Türkisch, der soll jetzt mal
die ganzen Schäfchen um sich scharen und wir geben ihm noch einen Raum und
dann kann er seine Moschee gründen. So fing das an. Und heute haben wir
weit über tausend Moscheen, die von der Türkei gesteuert werden. Und viele
andere, die aus arabischen Ländern gesteuert werden. Nur ein Bruchteil
dieser Moscheen versucht, sich rauszuhalten aus diesen harten politischen
Debatten, die von den ganzen Funktionären der anderen geführt werden. Da
hat sich etwas etabliert, das eine reaktionär-religiöse Ausrichtung für
viele Menschen vorschreibt. Das sind Gegengesellschaften, immer eng
gebunden an irgendein Herkunftsland, mit dem man sich gefälligst zu
identifizieren hat, und verbunden mit Werten, die oft wenig mit westlichen
Werten zu tun haben. Schon gar nicht mit Gleichberechtigung der
Geschlechter. Wir haben keinen politischen Kurs gefunden, damit umzugehen.
taz FUTURZWEI: Konkret?
Güner Balcı: Wir sind jetzt an einem Punkt, wo jüdische Schüler an
staatlichen Schulen unsicher sind. Nicht nur, weil wir da deutsche Neonazis
haben, die haben wir auch. Aber hauptsächlich ist das Problem, dass Gruppen
von muslimischen Schülern der Meinung sind, dass die Juden eigentlich nicht
leben sollten. Punkt. Und wir haben die Politik, dass Hilfsorganisationen
explizit nicht in Fluchtunterkünfte gehen und die Hilfsangebote in alle
Sprachen übersetzen und den Leuten niedrigschwellig anbieten, weil sie die
Ressourcen nicht haben, die Frauen aufzufangen. Die Frauenhäuser sind jetzt
schon überfüllt. Worüber reden wir, solange das so ist?
taz FUTURZWEI: Diese Dinge, die Sie in Ihrem Buch darlegen, die tauchen im
gehobenen Mittelstandsdiskurs nicht auf. Wir reden über Harvey Weinstein,
#MeToo, Christian Ulmen, aber wenig über das, was in der Großzahl der
Familien vor sich geht, die Sie hier beschreiben.
Güner Balcı: Immer da, wo es keine Lobby gibt oder zu wenig Lobby, da gibt
es auch keine Wahrnehmung. Die Betroffenen von Zwangsehe, zum Beispiel,
können nicht in die Öffentlichkeit treten. Oder nur, wenn sie ganz viel
hinter sich gelassen haben und die Versicherung bekommen vom LKA, dass sie
sicher sind. Dadurch sind in der öffentlichen Debatte jene hörbar, die
nichts mit dem Thema zu tun haben, oder jene, die das Thema für sich
instrumentalisieren, um es umzukehren und das Thema „antimuslimischen
Rassismus“ nach vorn zu schieben. Die erzählen dann, ja, ja, es gäbe auch
ein paar Zwangsehen und durchaus ab und zu mal ein Kind, das vielleicht
auch mal gezwungen wird, Schleier zu tragen, aber eigentlich läuft es
prima. Und die betroffenen Mädchen finden halt nicht statt. Bei der
häuslichen Gewalt haben wir noch eine bessere Wahrnehmung, weil das ja
etwas ist, was mittlerweile auch in breiten Teilen unserer Gesellschaft
wirklich geächtet ist. Das heißt, wenn es mal sichtbar wird, fühlen sich
auch alle unter Reaktionszwang. Da muss man eine Haltung haben, dass das
nicht geht.
taz FUTURZWEI: Wir haben den Eindruck, dass auch die Milieus, die sich als
aufgeklärt und solidarisch, womöglich feministisch, betrachten, etwa Teile
der Grünen und der Linkspartei, Ihren Argumenten eher skeptisch
gegenüberstehen.
Güner Balcı: Hören Sie, ich fühle mich von diesem links-grünen Milieu total
im Stich gelassen, aber nicht nur ich. Breite Teile säkularer Migranten
fühlen sich von denen komplett im Stich gelassen. Eigentlich alle Menschen,
die sich zu diesem Thema aktiv einbringen und selbst Migrationsgeschichte
haben, die wirklich einfordern, dass wir da weiterkommen, damit es den
Kindern irgendwann besser geht. Dieses links-grüne Milieu hat überhaupt
keinen Sinn für diese Debatten und will sie immer wegschieben. Da ist zum
Beispiel eine hochrangige Politikerin der Grünen, jemand, die mir mit
Begeisterung gesagt hat, dass sie viele Sachen toll findet, die ich mache.
Wir sehen auch viele Dinge ähnlich. Sie hat am Hermannplatz um die Ecke
gelebt und mir erzählt, dass sie das total schlimm fände, dass da immer
diese Typen abends abhingen, und sie wurde auch schon öfter belästigt. Die
zieht dann aber weg, weil sie es kann – und stellt sich vor die Zentrale
der CDU, um gegen Friedrich Merz zu demonstrieren, mit dem Slogan „Wir sind
die Töchter“.
taz FUTURZWEI: Politischer Opportunismus gehört zum Geschäft.
Güner Balcı: Ja, genau. Aber so eine Stadtbild-Debatte wäre eine
Steilvorlage gewesen, zu sagen, wissen Sie was, Herr Merz, so geht es
nicht, aber ich habe am Herrmannplatz diese ganzen Typen. Das ist echt
ziemlich scheiße, wenn man da abends als Frau allein langläuft. Was hindert
sie daran, darüber zu reden?
taz FUTURZWEI: Was?
Güner Balcı: Sie tun es nicht, weil das keine deutschen Männer sind.
Deswegen redet man nicht darüber. Das ist doch verrückt, oder? Ich kriege
das nicht in meine Birne.
taz FUTURZWEI: Die Grüne Partei besteht doch aber aus Feministinnen und
Feministen.
Güner Balcı: Ja, aber auf einem völlig anderen Level. Ich sage das als
Frau, die als Kind gelernt hat: Wenn man nicht bereit ist, zuzuschlagen,
muss man sich sehr schnell entscheiden zwischen Hure oder Heilige. So war
meine Kindheit.
taz FUTURZWEI: So wie Sie das sagen, haben Sie zugeschlagen. In welcher
Situation?
Güner Balcı: Ich musste sagen: Pass mal auf, das ist meine Grenze, du hast
die mehrfach überschritten, jetzt kriegst du eine aufs Maul. Es war
existenziell für mich als Frau, dass ich entscheiden durfte, ob ich einen
Freund habe oder nicht, ob ich einen kurzen Rock trage oder nicht; das hat
mich immer Körpereinsatz gekostet. Und dann habe ich heute hochrangige
Grüne-, Linke- und SPD-Politikerinnen, die in eine Moscheegemeinde gehen
und Typen umarmen, die kleine Mädchen sexualisieren.
taz FUTURZWEI: Sie sind richtig angefressen.
Güner Balcı: Das regt mich tierisch auf. Mein Argument ist immer, ihr
konntet in eurem ganzen Leben rumvögeln, wie ihr Bock hattet. Und was mit
den anderen ist, interessiert euch nicht. Das sind nämlich gar nicht eure
Menschen. Die sind euch nämlich fucking egal. Das sind so eklatante
Menschenrechtsverletzungen, da können die auch nicht mit dem Argument
kommen, dass die Rechten das benutzen. Das ist mir zu billig.
taz FUTURZWEI: Ich will nicht glauben, dass es denen oder uns egal ist.
Güner Balcı: Ich glaube, das ist denen egal. Ich kann auch erklären, woran
ich das festmache. Das sind nämlich genau die Leute, die zu mir als
Integrationsbeauftragte kommen und sagen, sie würden jetzt in Neukölln
leben und das Kind müsste eingeschult werden, das sei ja alles so
schwierig, und sie wollen von mir wissen, ob es überhaupt eine Schule gebe,
die man empfehlen könnte. Oder das sind Leute, die mich kontaktieren und
sagen, mein Sohn hat jetzt eine muslimische Freundin, und wir sind sehr
unter Druck geraten. Und dann wachen die auf aus ihrem Traum. Auf einmal
trifft es sie knallhart persönlich. Und dann kriegen sie eine Haltung dazu,
aber eben nur dann.
taz FUTURZWEI: Und dann engagieren sie sich auch.
Güner Balcı: Für das eigene Kind.
taz FUTURZWEI: Cem Özdemir, der Grüne Ministerpräsident von
Baden-Württemberg, wird vom linksemanzipatorischen Milieu als Rassist
bezeichnet, wenn er darauf hinweist, dass die postmigrantische Gesellschaft
auch gewisse Probleme aufwirft. Wie bewerten Sie das?
Güner Balcı: Cem ist einer der besten Politiker, die Deutschland
hervorgebracht hat. Er schafft es wunderbar, all diese Projektionen und all
diese Konflikte in gute Politik umzuwandeln. Er hat sich mit Blick auf
Migrationsgesellschaft getraut, einfach mal zu sagen, dass seine Töchter
davon betroffen sind, weil das immer diese muslimischen Männer sind, die
ihnen nachstellen. Vielleicht sind wir in anderen Politik-Bereichen nicht
immer einer Meinung, aber wenn es um dieses Thema geht,
Geschlechterapartheid, reaktionäres Familienbild, islamistische Strukturen
und Organisationen, da ist er einfach glasklar.
taz FUTURZWEI: Bei der Grünen Jugend ist er auch als Rassist unten durch.
Güner Balcı: Ja, das ist bezeichnend für die Grüne Jugend. Das sind halt
auch alles Wohlstandsverwahrloste. Wie viel haben die zu tun mit der
Lebensrealität von Leuten, die sich tagtäglich mit dieser Repression
auseinandersetzen müssen, die in bestimmten Milieus herrscht? Gar nix. Das
ist halt so eine Blase. Und ganz ehrlich, ich bin stolz auf mein Land, weil
wir so eine Grüne Jugend haben können. Wir können uns das leisten. Die
gehören dazu.
taz FUTURZWEI: Ist das ironisch?
Güner Balcı: Nein, ich will da nicht missverstanden werden. Die
verschrobene Grüne Jugend repräsentiert nichts weiter als die Gruppe der
Grünen Jugend. Mit den allermeisten Jugendlichen in Deutschland hat das
nichts zu tun. Aber das ist für mich Teil einer vielfältigen demokratischen
Gesellschaft.
🐾 Lesen Sie weiter: Die neue Ausgabe unseres Magazins taz FUTURZWEI N°38
mit dem Titelthema „Wozu Männer?“ ist erschienen. [2][Hier bestellen im taz
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9 Sep 2026
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