# taz.de -- Tötungsdelikt in Bremen-Vegesack: Psychische Erkrankung bleibt Spekulation
> Ein 22-Jähriger soll seine Nachbarn getötet haben. Die Innenbehörde will
> anders mit gewalttätigen psychisch Kranken umgehen – dabei soll er gesund
> sein.
(IMG) Bild: Der Blick ins Innere ist manchmal schwierig: In der forensischen Psychiatrie werden psychisch kranke Straftäter untergebracht
Hätte [1][der gewaltsame Tod von zwei Menschen], Eltern eines Kleinkinds,
in Bremen-Vegesack verhindert werden können? Und wenn ja: Eignet sich der
Fall, um auf [2][strukturelle Probleme in der Versorgung] psychisch kranker
Menschen aufmerksam zu machen?
Aktuell lassen sich diese Fragen – anders als es Opposition und die
Lokalzeitung Weser-Kurier wiederholt suggerieren – nicht mit Ja
beantworten. So hatte sich der mutmaßliche Täter, ein 22-jähriger Nachbar
des Paares, vor der Tat Ende Juni nur einmal so auffällig verhalten, dass
die Polizei eingeschritten war. Das geht aus einem [3][Bericht für die
parlamentarische Innendeputation] hervor, der am Donnerstag vorgestellt
werden soll.
Bei dem Vorfall im April hatten laut der Polizei Nachbar:innen nachts
Schüsse aus einer Druckluftwaffe gehört. Der 22-Jährige soll bei der
Fahndung mit „einer Langwaffe mit einem Messer an der Spitze in der Hand“
Stichbewegungen in Richtung von Polizisten gemacht, und einen Polizisten in
die Hand gebissen haben. Danach hatte das Ordnungsamt ein allgemeines
Waffenbesitzverbot gegen ihn ausgesprochen – so steht es im Bericht der
Innenbehörde.
Offen ist, ob die Klinik in Bremen-Nord, in die ihn die Polizei zur
Begutachtung gebracht hatte, einen Fehler gemacht hat. Denn die Klinik
stellte weder Eigen- noch Fremdgefährdung fest, auch keine psychische
Erkrankung.
## „Weser-Kurier“ erstellt Ferndiagnosen
Für psychisch gesund hält ihn auch die sachverständige Person, die den
Beschuldigten nach der Tötung seiner Nachbarn untersucht hatte und derzeit
ein Gutachten über ihn erstellt. „Wir gehen davon aus, dass er voll
schuldfähig ist“, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft der taz.
Der psychologische Psychotherapeut Axel Janzen bezweifelt, dass das richtig
ist. Der Weser-Kurier zitiert den Therapeuten in zwei Artikeln in einer
Weise, die zum einen danach klingt, als erstelle er eine Ferndiagnose, und
zum anderen, [4][als kritisiere er die Bremer Psychiatriereform], die unter
anderem das Ziel hatte, mehr Patient:innen ambulant zu Hause zu
behandeln anstatt im Krankenhaus.
„Nein“, sagt Janzen im Gespräch mit der taz, „ich finde den Grundsatz der
Psychiatriereform richtig.“ Zudem behaupte er nicht, es besser zu wissen
als zwei Sachverständige, die anders als er mit dem mutmaßlichen Täter
selbst gesprochen haben.
Aber ihn treibe der Fall sehr um, sagt er hörbar aufgebracht am Telefon. Er
könne sich nicht vorstellen, dass ein psychisch gesunder Mensch die Tat
begangen hat. Laut Polizei wiesen die Getöteten mehrere Schnitt- und
Stichverletzungen auf. Besonders auffällig findet Janzen, dass der
mutmaßliche Täter anschließend versucht haben soll, sich selbst zu töten.
Er war mit lebensgefährlichen Verletzungen in einem Maisfeld gefunden
worden.
## Innenbehörde verspricht Konsequenzen
Auch der Vorfall im April klinge für ihn nicht nach einem psychisch
Gesunden. „Ich will wissen, welche Qualifikation die Person hatte, die ihn
damals untersucht hat, wie lange sie das getan hat und ob sie weitere
Informationen über ihn eingeholt hat.“ Bisher hat sich die Klinik dazu mit
Verweis auf das laufende Strafverfahren nicht geäußert.
Die Expertise des oder der dafür beauftragten forensischen Sachverständigen
zweifelt Janzen ebenfalls an. Der Sprecher der Staatsanwaltschaft äußert
sich nicht zu deren oder dessen Qualifikation.
Janzen selbst hat bis vor anderthalb Jahren in der Justizvollzugsanstalt
gearbeitet und erstellt nach eigenen Angaben seit 25 Jahren forensische
Gutachten. In diesen geht es unter anderem um die Wahrscheinlichkeit, dass
eine Person aufgrund einer psychischen Erkrankung Straftaten begeht.
In der Innendeputation am Donnerstag wird es auch um Konsequenzen aus dem
Vorfall gehen: Inwiefern er Anlass bietet, anders mit potenziell
gewalttätigen psychisch kranken Menschen umzugehen. Die Innenbehörde hält
dies für geboten, heißt es im Bericht an die Innendeputation, den die CDU
angefordert hatte. Und das, obwohl die psychische Erkrankung des
mutmaßlichen Täters bisher nur eine Vermutung ist, die diejenigen nicht
bestätigt haben, die ihn untersucht haben.
## Bremen soll Strategie prüfen – jetzt aber wirklich
Eine „gemeinsame Taskforce“ solle jetzt „konkret“ geplant werden, steht in
dem Bericht. Zudem werde ein Prüfauftrag an die vor anderthalb Jahren
etablierte „Ständige Konferenz zu psychisch kranken Menschen mit
Gefährdungspotential“ (Stäko) vergeben. Die Stäko dient dazu, die
Verantwortlichen aus den Bereichen innere Sicherheit, Gesundheit und Justiz
zu vernetzen.
Im Bericht steht, sie solle „kurzfristig prüfen, ob die Strategie des
‚Hamburger Netzwerks für personenbezogenes Risikomanagement‘ auch auf
Bremen anwendbar ist, und sodann die erforderlichen Maßnahmen umsetzen“.
Das ist eine erstaunliche Aussage, weil die Hamburger Strategie laut eines
[5][Zwischenberichts der Stäko] bereits im November auf einer Sitzung
erörtert werden sollte. Drei Monate später, im Februar, hatte die
Gesundheitsbehörde auf taz-Nachfrage mitgeteilt, die Implementierung der
Strategie in Bremen solle geplant werden.
Eine Sprecherin der Innenbehörde sagte der taz, es gehe in erster Linie um
die Weitergabe von Daten zwischen den unterschiedlichen Stellen, die mit
dem genannten Personenkreis zu tun haben. Das ist nicht ohne Weiteres
möglich, da gesundheitsbezogene Informationen dem Datenschutz unterliegen.
8 Sep 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Nach-Mord-an-einem-Elternpaar-in-Bremen/!6191723
(DIR) [2] /Bremer-Psychiatriereform/!5901353
(DIR) [3] https://sd.bremische-buergerschaft.de/sdnetrim/UGhVM0hpd2NXNFdFcExjZaUN-PYSRUoLQ8Vp5X2YVfwzun3VckV31p3KI9Re5icj/Teil_A_DV_Innendepu_Toetungsdelikt_Bremen-Vegesack.docx.pdf
(DIR) [4] /Toetungsdelikt-in-Bremen/!6192011
(DIR) [5] https://sd.bremische-buergerschaft.de/sdnetrim/UGhVM0hpd2NXNFdFcExjZRcdBXOuk7su_1I5_yC7HITJWjCxHyLC0yp3qn0XLe1T/Teil_A_Zwischenergebnisse_der_Staendigen_Konferenz_zu_psychisch_kranken_Menschen_mit_Gefaehrdungspotential.pdf
## AUTOREN
(DIR) Eiken Bruhn
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