# taz.de -- momentaufnahmen: Wenn man Gespenster mit grünem Daumen sieht
Der Friedhof liegt direkt gegenüber der Schule, und immer wenn wir Schluss
hatten, kam uns auf dem Weg nach Hause „der schwarze Heerwurm“ entgegen. So
nannten wir die alten Damen in Schwarz, auf schwankenden Fahrrädern, die
Haken und Spaten wie Lanzen an der Seite trugen. Irgendwo zwischen runden
Rücken und rostigen Gepäckträgern fand oft auch noch ein Eimer Platz,
Gießkanne, Heckenschere, ein Sack Blumenende.
Diese Damen gibt es nicht mehr. Sie liegen jetzt selbst irgendwo hier,
neben meinen Eltern, deretwegen ich hier bin – und weil ich das Grab einer
Mitschülerin suchen wollte. Es war eine Herbstlaune, mal wieder
herzukommen, über die ich mich jetzt ärgere, weil ich trauriger werde, als
ich wollte.
Ich wundere mich, wo der Heerwurm hin ist. Gestorben wird ja immer noch und
die Gräber sehen auch nicht ungepflegter aus als damals. Da entdecke ich
plötzlich eine von ihnen: in Grün zwar und ohne Werkzeug – aber trotzdem.
Sie zieht einen kurzen Stab aus der Jackentasche, den sie mit drei
Handgriffen in einen hochmodernen Rechen verwandelt und damit aufs Unkraut
losgeht. Jan-Paul Koopmann
2 Oct 2026
## AUTOREN
(DIR) Jan-Paul Koopmann
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