# taz.de -- Streitthema Hausaufgaben: Grundschulen erproben das Ende der Hausaufgaben
       
       > Ein Paradigmenwechsel: Grundschulen in Norddeutschland verzichten
       > vermehrt auf klassische Hausaufgaben und verlagern das Üben in den
       > Schulalltag.
       
 (IMG) Bild: Hausaufgaben in der Schule: ein eingereichtes Endprodukt, vielleicht mithilfe von KI geschaffen?
       
       An der Grundschule Nortorf in Schleswig-Holstein startet der Unterricht mit
       einer freien Arbeitsstunde. Was die Kinder lesen und woran sie arbeiten,
       entscheiden sie dabei selbst. Schulleiterin Astrid Krüger [1][berichtete
       dem NDR zuletzt], dass es einen längeren Prozess der Auseinandersetzung
       darüber gab, welchen Nutzen Hausaufgaben überhaupt hätten. Seit Februar
       vergangenen Jahres verzichtet die Schule auf klassische Hausaufgaben, da
       sie auch zur Ungleichheit beim Lernen beitrage.
       
       Die Schule steht damit nicht allein. In Schleswig-Holstein [2][gibt es laut
       Bildungsministerium] mehrere Schulen, die bereits ohne Hausaufgaben
       arbeiten oder vorhaben sie im klassischen Sinne abzuschaffen. Erfasst wird
       die Anzahl dieser Schulen nicht, auch bundesweit fehlt eine Statistik. Laut
       einer [3][Antwort des niedersächsischen Kultusministeriums auf eine Kleine
       Anfrage] der CDU vom November vergangenen Jahres verzichteten neun
       Grundschulen in Hannover auf Hausaufgaben, 13 weitere planten den Schritt.
       Als Gründe führen sie vor allem Chancengerechtigkeit an, weil viele Kinder
       zu Hause keine Unterstützung bekämen, sowie den entfallenden
       Kontrollaufwand für Lehrkräfte.
       
       Hausaufgaben scheinen so selbstverständlich zur Schule zu gehören wie die
       Lehrkraft zum Klassenzimmer. Sie sollen Stoff festigen, selbstständiges
       Arbeiten einüben und Verantwortung fürs eigene Lernen fördern, so die Idee.
       Dabei setzen sie voraus, was längst nicht jedes Kind zu Hause hat: einen
       ruhigen Arbeitsplatz, Zeit und, wenn nötig, Unterstützung bei der
       Bearbeitung.
       
       Wie ungleich schon die räumlichen Voraussetzungen verteilt sind, zeigen
       [4][Zahlen des Statistischen Bundesamtes]: 2025 lebten 19 Prozent der
       Minderjährigen in Deutschland in einer überbelegten Wohnung, bei
       Alleinerziehenden und ihren Kindern waren es knapp 30 Prozent. Zwar sagt
       dies nicht zwangsläufig etwas über den Lernerfolg einzelner Kinder, zeigt
       aber, dass ein Modell, das Ruhe und Rückzug voraussetzt, für viele unter
       erschwerten Bedingungen beginnt.
       
       ## Noch lange keine Chancengerechtigkeit
       
       Ob Hausaufgaben den Lernerfolg verbessern, ist seit Jahrzehnten umstritten.
       Entscheidend sind Alter und Leistungsstand der Kinder, Qualität und Umfang
       der Aufgaben, und ob sie im Unterricht überhaupt besprochen werden.
       
       Nach einem langen Unterrichtstag – oder einem langen Arbeitstag der Eltern
       – würden Hausaufgaben in nicht wenigen Familien vor allem als Stress
       erlebt, unabhängig vom Lerneffekt, sagt Claudia Pick vom Landeselternbeirat
       Schleswig-Holstein für Gymnasien. Wichtig sei vor allem, dass der
       aufgegebene Stoff im Unterricht auch reflektiert werde. „Durch die
       Möglichkeit, die Ergebnisse mit KI zu erarbeiten, stellt sich die Frage,
       wie sinnvoll Hausaufgaben noch sind“, sagt sie.
       
       Verlagert man die Aufgaben in die Schule, verschwinden manche Konflikte
       möglicherweise aus den Familien. Eltern verlieren damit aber auch Einblick
       in das, was ihre Kinder lernen, so die Sorge einiger. „Viele Kinder
       verbringen durch den Ganztag ohnehin schon einen langen Tag in der Schule“,
       sagt Simone Kohl, Vorsitzende der Elternkammer Hamburg. Aus ihrer Sicht
       kommt es vor allem darauf an, wie Hausaufgaben eingesetzt werden: Vertiefen
       sie bereits Gelerntes, hält sie das für sinnvoller, als wenn Kinder zu
       Hause neuen Stoff eigenständig erarbeiten sollen.
       
       Ohnehin lassen sich mit Künstlicher Intelligenz viele klassische Aufgaben
       in Sekunden lösen. Der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Stefan Düll,
       warnte im April [5][gegenüber der Neuen Osnabrücker Zeitung], alles
       außerhalb des Klassenzimmers könne theoretisch von einer KI erledigt worden
       sein, für Lehrkräfte kaum kontrollierbar.
       
       Letztlich waren Hausaufgaben auch vor dem Einzug von KI ein eingereichtes
       Endprodukt, von dem Lehrkräfte nie genau wussten, wie es entstanden ist. KI
       verschärft aber den Druck darauf, eine Diskussion zu führen, wie Leistung
       und Kompetenzen künftig sowohl zu definieren als auch zu bewerten sind.
       
       7 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/schleswig-holstein_magazin/alltag-in-grundschule-nortorf-schule-ohne-hausaufgaben,shmag-12826.html
 (DIR) [2] https://www.ndr.de/nachrichten/schleswig-holstein/hausaufgaben-abschaffen-warum-grundschulen-in-sh-neue-wege-gehen,hausaufgaben-100.html
 (DIR) [3] https://www.landtag-niedersachsen.de/drucksachen/drucksachen_19_10000/09001-09500/19-09114.pdf
 (DIR) [4] https://www.destatis.de/Europa/DE/Thema/Bevoelkerung-Arbeit-Soziales/Soziales-Lebensbedingungen/Ueberbelegung.html
 (DIR) [5] https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/panorama/schule-lehrerverband-sieht-hausaufgaben-durch-ki-bedroht-15444043.html
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Noel Urcan
       
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