# taz.de -- Essay über patriarchale Gewalt: Wozu Männer?
       
       > Patriarchale Gewalt ist ein gesellschaftliches Phänomen, das häufig
       > straffrei bleibt. taz FUTURZWEI-Herausgeber Harald Welzer sucht in seinem
       > neuen Essay nach Wegen aus der Gewalt auszusteigen.
       
 (IMG) Bild: Patriarchale Gewalt kommt in vielen Formen und trifft fast immer Frauen
       
       [1][taz FUTURZWEI] | Ich bin Boomer. Was in meiner eigenen und der
       Vorgängergeneration an sexualisierter Gewalt ausgeübt wurde, ist nach wie
       vor von einem Nebel des Schweigens umgeben.
       
       Genau den mussten die Opfer katholischer und evangelischer Geistlicher
       äußerst mühsam und schmerzhaft lichten, bis heute sind viele Fälle
       unbekannt. Das gilt noch mehr für die alltägliche Gewalt, die im Rahmen von
       Ehe, Arbeit, Ehrenamt gegen Frauen ausgeübt wurde.
       
       Eine Alltagsgeschichte der sexualisierten Gewalt in der Bundesrepublik gibt
       es, soweit ich sehe, bis heute nicht, nur eine Menge Eisbergspitzen. Und
       zwar nicht nur aus der Generation der Nazi-Eltern, sondern eben auch ihrer
       Söhne. Für die Eltern der Boomer galten Ideale von Härte, Ordnung und
       Unterordnung, Gefühllosigkeit und Körperstrafen, alles Dinge, die eine eher
       unfrohe Weltbeziehung herstellen.
       
       Die Tiefenwirksamkeit dieser unfrohen Weltbeziehung ist nachhaltig, und sie
       zeigte sich zum Beispiel in Gewalt und Missbrauch auch dort, wo im
       Fahrwasser der 1968er-Kulturrevolution Ideale von Empathie, Autonomie,
       Vertrauen und Verletzlichkeit gepredigt, aber desto brutaler unterlaufen
       wurden.
       
       ## Prominente Missbrauchsfälle
       
       Namen hierzu sind Gerold Becker, Leiter der Odenwaldschule, an der weit
       mehr als hundert Schüler missbraucht wurden, oder Helmut Kentler,
       prominenter Erziehungswissenschaftler an der Universität Hannover, der
       unter anderem das perfide Konzept der »Leihväter« entwickelt hatte und
       damit Kinder hochoffiziell Pädophilen zuführte. Beide sind niemals
       strafrechtlich für den Missbrauch an Menschen, die ihnen anvertraut waren,
       belangt worden, beide fanden selbst Schutz und Rückendeckung in vorgeblich
       humanistisch gesonnenen, linksliberalen, heute würde man sagen:
       »progressiven« Umfeldern.
       
       Zu solch einem Umfeld gehörte ich, als ich dreißig war. Kentler hat im Amt
       des Fakultätsvorsitzenden meine Promotionsurkunde unterschrieben, niemand
       aus der Fakultät hat ihn je angezeigt. Auch ich nicht, auch dann nicht, als
       mir eines seiner Opfer später über die Taten erzählt hat, als Kentler zwar
       nicht mehr lehrte, aber noch lebte. So wirksam war die herrschende Kultur
       des schweigenden Einverständnisses, der Komplizenschaft, dass ich das
       Naheliegendste nicht tat: ein Verbrechen zur Anzeige zu bringen. Ich schäme
       mich dafür.
       
       Becker und Kentler waren besonders exponierte Täter, aber sexualisierte
       Gewalt, besonders gegen Frauen, war, so muss man es von heute aus sagen,
       ein Verhaltensstandard.
       
       Wir sprechen hier von den 1990ern und den Nullerjahren. Immer vom sozialen
       Umfeld gedeckt und beschwiegen, bagatellisiert und in Komplizenschaft
       toleriert. Die Opfer blieben meist allein, die Täter blieben straflos. Was
       beides nur deshalb möglich war, weil die Gewalt in Verhältnissen stattfand,
       die sie tolerierte und in denen man sich eher mit den Tätern solidarisierte
       als mit den Opfern.
       
       ## Die Unverdächtigkeit der Eliten
       
       Überhaupt verortete man Gewalt nicht in den gehobenen Kreisen, in
       akademischen Umfeldern, im Management und in Vorstandsetagen, sondern vor
       allem in den Unterschichten – eine achtsame Exotisierung des engen
       Zusammenhangs von Gewalt und Macht, die gerade die Eliten der Gesellschaft
       in den Nimbus der Ehrenhaftigkeit und Unverdächtigkeit versetzte.
       
       Unten, ja da ging es schmuddeliger zu und härter, da herrschten eben
       »andere Sitten«. Aber Gewalt, sexualisierte zumal, gab und gibt es in allen
       Schichten, in allen Berufen, in allen gesellschaftlichen Sphären. Denn: Wo
       Macht ist, wird sie auch angewendet. Das Gefüge von Gelegenheit,
       Komplizenschaft und schützenden Umfeldern ermöglicht straflose Täterschaft,
       oben und unten, damals und heute.
       
       Zivilisation bestimmt sich danach, inwieweit sie Gewalt einhegt und wie
       hoch die Schutzstandards sind, die alle Mitglieder einer Gesellschaft
       genießen.
       
       Die Bundesrepublik war früher, das zeigen die seither unter vielen Mühen
       und Kämpfen sichtbar gewordenen Missbrauchsfälle, nicht besonders gut in
       ihren Schutzstandards, und es ist zivilisatorisch eine entscheidende Frage,
       ob sie heute besser geworden ist.
       
       Mit dieser Frage ist man unmittelbar beim Geschlechterverhältnis und bei
       der sexualisierten Gewalt heute, ein, zwei Generationen später. Ein Fall
       unter heute Dreißigjährigen, der mir begegnet ist, drehte sich um eine
       Hochzeitseinladung. Kurz vor dem Fest, das groß gefeiert werden sollte,
       belästigte der Bräutigam eine Frau aus dem Freundeskreis bei einer Party
       sexuell.
       
       In Folge wurde bekannt, dass er in der Vergangenheit bereits mehrfach
       übergriffig geworden war. Der Freundeskreis berief daraufhin ein Treffen
       unter Ausschluss des Täters ein, bei dem alle, die wollten, sich zu der
       Situation äußern konnten. Einen gemeinsamen Beschluss, wie man sich
       bezüglich des anstehenden Festes verhalten sollte, ergab das Treffen nicht.
       Der Freundeskreis zerbrach, ein Teil sagte die Teilnahme ab, ein Teil
       feierte.
       
       ## Wie umfassend ist heute der Fortschritt?
       
       Auch hier ein komplexes Gefüge von Wissen, Komplizenschaft, Toleranz, aber
       doch wenigstens Sprechen, Anklage, Konflikt – also etwas, was es so in
       meiner Generation nicht gegeben hätte: das Offenlegen der
       Gewalthandlungen, eine Thematisierung der Tat, eine offene Frage an die
       gesamte Gruppe, eine Beschämung des Täters. Insofern: ein Fortschritt. Die
       Frage ist nur, wie umfassend er ist. Und warum der eine Teil der Gruppe
       sich immer noch fürs Feiern entscheiden mochte.
       
       Sexualisierte Gewalt, ein extremes Machtgefälle im Geschlechterverhältnis,
       eine veralltäglichte Gleichgültigkeit gegenüber Übergriffigkeit,
       Geschlechterapartheit, Frauenhass, Mädchenhass – alles dies sind soziale
       Tatsachen, auch im Jahr 2026.
       
       Dass extrem viel mehr Männer alle Arten von Gewalt gegenüber Frauen ausüben
       als umgekehrt, ist eine soziale Tatsache. Dass Homophobie,
       Transfeindlichkeit und Frauenhass nicht nur in islamistischen Kreisen
       verbreitet und wirksam sind, ist eine soziale Tatsache. Die Forschung
       belehrt uns über all das, genauso wie die Medien über spektakuläre Fälle,
       bei denen die Unschuldsvermutung gilt oder Haupttäter vorteilhafterweise
       tot sind.
       
       Wie Jeffrey Epstein, dessen sehr illustrer Missbrauchsclub Prinzen, CEOs,
       Philosophen, Botschafter und Präsidenten als Mitglieder hatte, von denen
       bis heute kein einziger im Gefängnis sitzt. Was uns einmal mehr darüber
       belehrt, dass sexualisierte Gewalt ganz und gar keine Angelegenheit
       prekärer Stadtviertel oder randständiger Milieus ist, sondern sich quer
       durch die ganze Gesellschaft zieht. Und Straflosigkeit normal ist.
       
       Auch wenn natürlich nicht alle Männer gewalttätig sind, sehr viele Gewalt
       sogar verabscheuen, leben wir in einer extrem ungleichen Gesellschaft, in
       der die in unterschiedlichen Formen erlebte Gewalt für Frauen eine Struktur
       ihres Lebens bildet und in der ausgeübte Gewalt für viele Männer eine immer
       noch lebbare Praxis ist.
       
       ## Die umfassende Manosphere
       
       Das ist ebenfalls eine soziale Tatsache. Und zwar eine sehr bedrückende,
       besonders in Zeiten des Rollbacks, gerade auch in den
       Geschlechterverhältnissen. Da ist eine sehr große Koalition zwischen
       rechtsextremen europäischen Parteien, der MAGA-Bewegung, den Mullahs, den
       Taliban und jeder Menge Typen entstanden, die im prä-ödipalen
       Entwicklungsstadium hängengeblieben sind: Influencer, Präsidenten oder nur
       Mitmänner in der Manosphere.
       
       Was erstaunlicherweise so gut wie nie gesagt wird: dass nahezu die
       komplette Internetwirtschaft, von Apple bis Meta, von amazon bis Open AI,
       selbst eine gigantische Manosphere ist: Alle die antizivilisatorischen CEOs
       der einschlägigen Konzerne, alle neuen Fantastillardäre sind – Männer!
       Glaubt irgendjemand, dass das Netz, seine Strukturen und seine Algorithmen
       geschlechtsneutral sind?
       
       Die in jeder Hinsicht gehypte KI wirkt aufgrund dessen, was sie »lernt«,
       als radikale Recyclingmaschine tradierter Stereotype und Strukturmerkmale.
       Und der zivilisatorische Rollback, das gerade in Gestalt von Putins Krieg,
       von frauentötenden Mullahs und Taliban, von Fossilindustriellen aller
       Nationen oder von den Dieter Nuhrs dieser Welt exekutiert wird, hat mit
       einem Strukturwandel von Öffentlichkeit und Politik zu tun, dessen
       Trägermasse Männer bilden, in neo-archaischer Ausführung. Gern auch
       tätowiert.
       
       ## Verantwortung aller Männer
       
       All das wirft unsere Frage »Wozu Männer?« in großer Dringlichkeit auf, und
       die kann überhaupt nur positiv beantwortet werden, wenn die ganze eklige,
       ostentative und gut eingeölte Gewaltkultur von Männern gegen alle, die
       keine Männer wie sie sind, endlich als Problem der Männer begriffen wird.
       
       Die zarten Ansätze in Gestalt von Männern organisierter Demos gegen
       sexualisierte Gewalt aus Anlass der aktuellsten Unschuldsvermutung sind
       genauso wie der oben zitierte Fall ein Anzeichen, dass sich generationell
       etwas zu verändern beginnt.
       
       Das ist sehr gut und als Beispiel zu verstehen: Es ist die Verantwortung
       aller Männer aller Generationen, endlich das zivilisatorische Projekt als
       ihre ganz persönliche Angelegenheit zu verstehen, und das besteht schlicht
       und einfach und nur scheinbar unerreichbar darin, dass Frauen ohne Angst
       leben können.
       
       🐾 Lesen Sie weiter: Die neue Ausgabe unseres Magazins taz FUTURZWEI N°38
       mit dem Titelthema „Wozu Männer?“ erscheint am 08. September. [2][Hier
       vorbestellen im taz Shop].
       
       2 Sep 2026
       
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 (DIR) Harald Welzer
       
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