# taz.de -- Chinesische Reisediplomatie: Xi Jinpings diplomatische Charmeoffensive
       
       > Während US-Präsident Trump seine Verbündeten verschreckt, weitet Chinas
       > Machthaber Xi seinen globalen Einfluss aus – von Bischkek über Kairo und
       > Delhi nach Washington.
       
 (IMG) Bild: Autoritäre Freunde kann niemand trennen: Porträt der Präsidenten Ägyptens und Chinas, Abdel Fattah al-Sisi und Xi Jingping
       
       Im kirgisischen Bischkek haben sich die Staatschefs der Shanghaier
       Organisation für Zusammenarbeit (SOZ) versammelt, um das 25-jährige
       Bestehen des De-facto-Bündnisses zu feiern. Es war eine Show, bei der vor
       allem eine Person im Mittelpunkt stand: Chinas Parteichef Xi Jinping.
       
       Diesen Eindruck mussten zumindest all jene Chinesen gewinnen, die das
       Staatsfernsehen eingeschaltet haben. Denn die Berichte des Senders CCTV
       waren mit Lobeshymnen auf den 73-Jährigen gespickt. [1][Der usbekische
       Präsident Schawkat Mirsijojew] sagte demnach zu Xi: „Alle herausragenden
       Errungenschaften des heutigen Chinas sind von Ihrer Weisheit geprägt.“
       [2][Sein mongolischer Amtskollege Uchnaagiin Chürelsüch] lobte wiederum Xis
       Konzept einer „Gemeinschaft mit einer gemeinsamen Zukunft für die
       Menschheit“, welche eine wichtige Rolle für die Wahrung von Frieden spielen
       würde.
       
       ## Gipfel als Baustein einer alternativen Weltordnung
       
       Im politischen Westen bleibt der Gipfel der SOZ weitgehend unbeachtet.
       Weltpolitisch hat er jedoch Signalwirkung: Die Organisation, die 2001 mit
       China, Russland und vier zentralasiatischen Staaten gegründet wurde und der
       inzwischen unter anderem Iran, Indien, Pakistan und Belarus angehören, ist
       zu einem Baustein einer alternativen Weltordnung geworden.
       
       Hinter der Propagandafassade wird allerdings deutlich, dass es sich um
       einen eher losen Staatenbund mit teils widersprüchlichen Interessen
       handelt. So gibt es [3][nicht nur zwischen Pakistan und Indien offene
       Konflikte]. Beide Staaten haben zudem ungelöste Grenzfragen mit China.
       
       ## Kein Konsens unter SOZ-Mitgliedern
       
       Auch die Charakterisierung der SOZ als antiwestliches Bündnis greift
       deutlich zu kurz. Unter den Mitgliedern herrscht keineswegs Konsens
       darüber, inwieweit die von den USA geprägte internationale Ordnung
       tatsächlich herausgefordert werden soll. Selbst beim Ukrainekrieg
       unterscheiden sich die offiziellen Positionen erheblich.
       
       Der indische Premier Narendra Modi wählte etwa – in Anwesenheit Putins –
       relativ deutliche Worte: „Wir müssen vom endlosen Krieg zu einem Ende des
       Krieges und zur Beendigung der Kampfhandlungen gelangen. Und genau diese
       Richtung müssen wir einschlagen.“ Xi Jinping hingegen kehrte das Thema
       erneut unter den Teppich. Laut der Sendung der staatlichen chinesischen
       Nachrichtenagentur Xinhua haben er und Putin lediglich über „internationale
       und regionale Fragen von gemeinsamem Interesse“ gesprochen.
       
       ## Bischkek, Kairo, Delhi und Washington
       
       Für Xi bildete Bischkek nur den Auftakt für einen bemerkenswerten
       Reisemarathon. So wird der chinesische Staatschef anschließend weiter nach
       Ägypten reisen, einem der zentralen Vermittler im Irankonflikt, gefolgt vom
       Gipfeltreffen der sogenannten Brics-Staaten in Delhi. Wenig später wird Xi
       schließlich erstmals seit einer Dekade wieder Washington besuchen, wo er
       auf US-Präsident Donald Trump treffen wird. Möglicherweise könnte er sogar
       noch eine Rede bei der in New York stattfindenden UN-Generalversammlung
       halten.
       
       Ein solch strammes Reiseprogramm wäre bereits für einen gewöhnlichen
       Staatschef anstrengend. Doch der 73-jährige Xi ist bekannt dafür, seit der
       Coronapandemie nur mehr selten die hohen Mauern des Pekinger
       Regierungsviertels Zhongnanhai zu verlassen. Stattdessen lässt er die
       Präsidenten dieser Welt lieber zur Großen Halle des Volkes zitieren, wo er
       als Gastgeber Audienz gibt.
       
       Wieso also holt Xi ausgerechnet jetzt zu einer solch umfangreichen
       diplomatischen Charmeoffensive aus?
       
       ## Xi weitet mit der Reise seinen Einfluss aus
       
       „Xis Reiseplan vermittelt eine unmissverständliche Botschaft“, argumentiert
       der Sinologe Julian Gewirtz, der unter der Biden-Regierung für
       Chinaangelegenheiten im Nationalen Sicherheitsrat des Weißen Hauses tätig
       war. China sei in der Lage, ein nicht auf Washington ausgerichtetes
       internationales Umfeld aufzubauen und zugleich seine Beziehungen zu den USA
       zum eigenen Vorteil zu gestalten, schreibt der Experte in seinem
       Substack-Newsletter. Während Trump also seine Verbündeten verschreckt,
       weitet Xi seinen Einfluss aus – von Eurasien bis zum Globalen Süden.
       
       Ryan Hass von der Washingtoner Denkfabrik Brookings sieht darin ein
       erkennbares Muster: „Peking hat schon [4][Trumps Staatsbesuch im Mai] mit
       Besuchen anderer Staats- und Regierungschefs flankiert, wobei Putin
       unmittelbar auf Trump folgte“, kommentiert der Sicherheitsexperte. Nun
       wiederholt sich ein ganz ähnliches Szenario. Ehe die zwei mächtigsten
       Männer der Welt zum Handschlag ansetzen, hat Xi den Kontext für das Treffen
       bereits gesetzt.
       
       1 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Praesidentenwahl-in-Usbekistan/!5810400
 (DIR) [2] /Praesidentschaftswahl-in-der-Mongolei/!5774537
 (DIR) [3] /Kaschmirkonflikt/!6084702
 (DIR) [4] /Donald-Trump-besucht-China/!6178554
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Fabian Kretschmer
       
       ## TAGS
       
 (DIR) China
 (DIR) Xi Jinping
 (DIR) Kirgistan
 (DIR) Staatsbesuch
 (DIR) Washington
 (DIR) GNS
 (DIR) Nordkorea
 (DIR) Lateinamerika
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Gipfeltreffen von China und Nordkorea: Die Atomwaffenfrage ist keine Frage mehr
       
       Chinas Staatschef Xi besucht erstmals seit sieben Jahren Nordkoreas
       selbstbewussten Machthaber Kim Jong Un, der ein erstaunliches Comeback
       hingelegt hat.
       
 (DIR) Neue Studie: Europa verblasst neben China
       
       Die Strahlkraft der Europäischen Union hat merklich nachgelassen. In
       Lateinamerika haben aber auch Russland und die USA an Zuspruch eingebüßt.