# taz.de -- Fährunglück vor Zypern: „Es gab so viel Geschrei und viele Menschen steckten fest“
> Augenzeuge berichten von dem Unglück, bei dem mindestens acht Menschen
> starben. Gegen die Besatzung wurden schwere Vorwürfe erhoben.
(IMG) Bild: Am Ufer in der Nähe des Hafens von Kyrenia: „Ich habe einige im Meer sterben sehen, die nicht schwimmen konnten“
ap/dpa | Nach dem [1][tödlichen Fährunglück vor der Küste Nordzyperns]
haben Überlebende ihre Erlebnisse während der Tragödie geschildert. Er habe
gesehen, wie Kinder und andere rund 7,5 Kilometer vor der Küste ertrunken
seien, berichtete Serkan Kunduraci, der sich über ein kaputtes Fenster aus
der Fähre rettete. „Ich habe einige im Meer sterben sehen, die nicht
schwimmen konnten“, sagte er der Nachrichtenagentur DHA. „Einige schnappten
sich in ihrer Panik keine Rettungsweste. Einige sprangen aus Angst sofort
(ins Meer)“, sagte er.
Bei dem Unglück kamen mindestens acht Menschen ums Leben. Rettungskräfte
suchten am Montag noch nach 18 Vermissten. Die Fähre war am
Sonntagnachmittag mit 267 Passagieren und Besatzungsmitgliedern an Bord auf
dem Weg von Kyrenia, einem Hafen im abtrünnigen Norden Zyperns, nach Tasucu
in der Türkei gekentert.
„Da war ein alter Mann, wir konnten nicht zu ihm gelangen“, sagte Kunduraci
weiter. „Wir haben versucht, ihn hochzuziehen, aber konnten es nicht. Er
ist auch ertrunken. Wir haben erlebt, wie die Kinder einer Familie, Jungen
und Mädchen, sehr junge Kinder, ertrunken sind.“
Überlebende erzählten, dass die Fähre in Schlagseite geraten und mit Wasser
vollgelaufen sei, nachdem sie laute Geräusche von unter Deck gehört hätten.
„Die Besatzung kam, sah nach und sagte uns, es gebe kein großes Problem,
nur eine lose Dichtung, die ein Leck verursache“, sagte Kunduraci. Als der
Evakuierungsbefehl kam, seien Menschen schon in Panik geraten. Das Schiff
geriet demnach in Schieflage, als der Kapitän offenbar versuchte, nach
Kyrenia zurückzukehren.
„Es gab so viel Geschrei und so viele Menschen steckten hinten fest – sie
waren hinten zurückgelassen worden“, sagte Kunduraci. „Sie konnten nicht
raus.“
## Rettung über eingeschlagene Fenster
Auch Deniz Özpolat sprach von Panik an Bord des Schiffs. „Wir sind zum
Ausgang gegangen“, sagte er der DHA. „Es hatte sich bereits eine
Menschentraube gebildet. Wir konnten die Rettungswesten nicht finden. Sie
haben die Türen zugemacht und wir konnten nicht nach draußen gelangen“,
sagte er. „Später haben sie sie aufgemacht. Wir sind ins Wasser gesprungen.
Das Schiff fing an unterzugehen, nachdem es sich zur Seite geneigt hatte.
Wir haben die Fenster eingeschlagen und Menschen gerettet.“
Die Rettungskraft Muhammed Özcelik, Betreiber einer Wassersportfirma, sagte
DHA, sein Boot sei eines der ersten vor Ort gewesen und habe Menschen aus
dem Meer gezogen. „Wir haben versucht, mehr zu tun, als wir konnten“, sagte
er. „Es gab Menschen, die sagten: ‚Nehmt mich auch mit, nehmt mich auch
mit‘, aber wir waren ausgelastet. Wir haben deutlich mehr genommen, als
(wir Kapazitäten hatten) … Menschen kämpften um ihr Leben.“
In den türkischen Medien waren Bilder zu sehen, auf denen Passagiere in
orangefarbenen Rettungswesten auf der umgekippten Fähre standen und auf
ihre Rettung warteten. Viele gingen später von kleinen Freizeitbooten in
einem Hafen von Bord.
## Regierungschef von Nordzypern kündigt Konsequenzen an
Der Ministerpräsident von Nordzypern, Ünal Üstel, dessen Regierung nur von
der Türkei anerkannt wird, teilte am Sonntagabend mit, dass Ermittlungen zu
dem Unglück eingeleitet worden seien. Die acht Besatzungsmitglieder der
Fähre seien festgenommen worden. „Selbst die geringfügigste Fahrlässigkeit
wird aufgedeckt werden“, sagte er. „Es bleibt niemand verschont, dem eine
Schuld oder Verantwortung nachgewiesen wird.“
Einige gerettete Passagiere erhoben schwere Vorwürfe gegen die Besatzung.
Der Kapitän soll von Bord geflüchtet sein, als sich das Unglück anbahnte,
außerdem hätten einige der rund 260 Schiffspassagiere von verschlossenen
Türen und Fluchtwegen berichtet, sagte der türkisch-zyprische
Verkehrsminister Erhan Arikli der staatlichen türkischen Nachrichtenagentur
Anadolu.
Das in mehr als 500 Meter Tiefe liegende Wrack soll durchsucht werden. Man
hoffe, dabei auch den Schiffsdatenschreiber zu finden, der Aufschluss über
den genauen Grund und Hergang des Unglücks geben könnte, sagte
Verkehrsminister Arikli dem Sender BRT. Nach seinen Worten hatte die Fähre
erst vor rund zwei Monaten eine Inspektion durchlaufen.
Laut Üstel handele sich um die schlimmste Schifffahrtstragödie in der
Geschichte Zyperns.
Die Insel Zypern wurde 1974 [2][geteilt]. 1983 erklärten die türkischen
Zyprer im Norden ihre Unabhängigkeit. Die Türkei hat im Norden Zyperns mehr
als 35.000 Soldaten stationiert. [3][Der international anerkannte Süden des
Landes] gehört zur EU.
31 Aug 2026
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