# taz.de -- Krankschreibung ab dem ersten Tag: Bas bezweifelt Sinn und stellt Bedingungen
> Die geplante Pflicht zur Krankschreibung ab dem ersten Tag geht auf den
> Wunsch der Union zurück. Arbeitsministerin Bärbel Bas rüttelt jetzt an
> dem entsprechenden Koalitionsbeschluss.
(IMG) Bild: Bezweifelt den Sinn einer Krankschreibung am ersten Krankheitstag: Bärbel Bas
afp | Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) hat die Sinnhaftigkeit der
mit der Union vereinbarten Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag
angezweifelt und Bedingungen für die Umsetzung gestellt. „Wenn ich eine
Pflicht einführe und anschließend 95 Ausnahmen reinschreibe, stellt sich
die Frage, ob man das überhaupt noch braucht“, sagte sie den Zeitungen der
Funke-Mediengruppe (Samstagausgaben). Sie werde die Vereinbarung nur
umsetzen, wenn im Gegenzug Gesundheitsminister Carsten Linnemann (CDU)
weitere Regelungen vorlege.
„Es soll etwa eine Ausnahme für tarifgebundene Unternehmen geben, die
andere Regelungen haben“, führte die SPD-Chefin aus. Sie forderte die Union
grundsätzlich zu Gesprächen über einen Verzicht auf die umstrittene
Neuregelung auf: „Ich bin koalitionstreu, aber wir sollten uns schon
nochmal fragen, ob das sinnvoll ist.“
Union und SPD hatten sich darauf verständigt, Arbeitnehmer zu verpflichten,
[1][ein Attest bereits ab dem ersten Fehltag] vorzulegen. Bundeskanzler
Friedrich Merz (CDU) verwies insbesondere auf den hohen Krankenstand.
Ursprünglich hatten CDU und CSU Einschnitte bei der Lohnfortzahlung im
Krankheitsfall gefordert, etwa mittels eines Karenztages, was die SPD
jedoch ablehnte.
Im Gegenzug habe ihre Partei „zähneknirschend der Pflicht zur
Krankschreibung ab dem ersten Tag zugestimmt, obwohl wir sie inhaltlich für
falsch halten“, sagte Bas dazu. „Meine Sorge ist, dass dann Menschen mit
einem leichten Infekt am ersten Tag zum Arzt gehen und aus einem kurzen
Ausfall am Ende eine ganze Woche Krankschreibung wird.“
Als Arbeitsministerin ist Bas für die gesetzliche Umsetzung der
Vereinbarung zuständig, fordert aber erst Vorschläge in anderer Sache von
Gesundheitsminister Linnemann. „Die Pflicht zur Krankschreibung ab dem
ersten Tag ist mit einer Termingarantie bei den Ärzten und der
Schlaganfallvorsorge gekoppelt“, erläuterte sie. „Das ist der Kompromiss,
der ein Gesamtpaket ist.“
Zu dem Einwand, dass die Vorlage des Primärversorgungsgesetzes des
Gesundheitsministers, das für die Termingarantie nötig wäre, noch Zeit in
Anspruch nehme, sagte Bas: „Das liegt nicht in meiner Hand.“
Der Chef des CDU-Sozialflügels, Dennis Radtke, kritisierte die SPD-Chefin.
„Ich finde es fragwürdig, wenn getroffene Verabredungen nach kurzer Zeit
öffentlich wieder in Frage gestellt werden“, sagte er dem „Kölner
Stadt-Anzeiger“. Er sei auch nicht von allen Verabredungen der Koalition
restlos begeistert, „aber was man gemeinsam entscheidet, sollte man auch
gemeinsam vertreten“.
[2][Inhaltlichen Zuspruch] erhielt die Arbeitsministerin vom Deutschen
Gewerkschaftsbund. Sie bezweifle „zu Recht die Krankschreibung ab dem
ersten Tag“, erklärte DGB-Vorstandsmitglied Anja Piel. „Niemand kann
wollen, dass sich noch mehr Beschäftigte als jetzt schon krank zur Arbeit
schleppen, um dort unkonzentriert und fehleranfällig zu arbeiten und
obendrein noch das übrige Team anzustecken.“
Wirtschaftsforscher erwarten derweil kaum Veränderungen durch die
Attestpflicht. „Ob der Krankenstand damit sinkt, bleibt offen“, erklärte
Jochen Pimpertz vom Institut der Deutschen Wirtschaft (IW Köln). Rechtlich
ändere sich wenig, denn ein Attest ab dem ersten Tag könnten Arbeitgeber
schon heute verlangen. Mit Blick auf den Verwaltungsaufwand könnten
Betriebe auch künftig darauf verzichten.
29 Aug 2026
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