# taz.de -- Filmfestspiele in Venedig: Liebe in Zeiten der Revolution
> In Venedig versucht sich Regisseur Nicolas Pariser in „Un peu avant
> minuit“ an einem Gesellschaftspanorama rund um menschliche Beziehungen.
(IMG) Bild: Sie diskutieren kurz vor Mitternacht: v.l.n.r.: Éléonore (Léonie Simaga), Léo (Melvil Poupaud) und Emma (Clara Pacini)
Eine Reihe von Filmen des Wettbewerbs in Venedig handeln dieses Jahr von
Familien und Beziehungen. Nicht wenige von ihnen spielten vorwiegend in
geschlossenen Räumen: [1][„The Echo Chamber“ von Andrea Pallaoro], Florian
Zellers „Bunker“ oder [2][Edoardo De Angelis’ „Il fuoco che ti porti
dentro“] etwa. Von Beziehungen erzählt auch Nicolas Pariser in „Un peu
avant minuit“, wobei die Kleinfamilie bei ihm lediglich einen losen Rahmen
bildet, um den sich die Hauptfiguren arrangieren. Im Unterschied zu den
genannten Filmen hält es die Protagonisten bei Pariser jedoch nie lange in
ihren vier Wänden. Sie flanieren lieber auf der Straße. Oder sie rennen,
wenn die Umstände es gebieten.
Zu Beginn des Films sieht man eine Plakatfläche mit Zeitungsschlagzeilen.
Von „Schlachten in der Banlieue“ ist die Rede, und auch wenn sich die
Handlung in den zentraleren Regionen von Paris abspielt, gehören
Sirenengeräusche, Blaulichter und Polizeipatrouillen zur ständigen
Hintergrundkulisse des Geschehens. Frankreich scheint kurz vor einem
Bürgerkrieg zu stehen.
Léo, ein klassischer Antiheld, steht im Zentrum des Figurengeflechts des
Films. Melvil Poupaud gibt den Hochschulassistenten Ende 40 mit leicht
vernachlässigter Eleganz, ein altmodischer Regenmantel gehört ebenso zu
seiner Grundausstattung wie die ans Tageslicht drängende Platte auf seinem
Hinterkopf. Man erfährt gleich am Anfang, dass er zu einem Anwaltstermin
nach Italien muss, es geht um das Testament seines verstorbenen Vaters. Man
erfährt auch, dass er eigentlich nicht in Paris lebt, sondern in Nancy, wo
er zudem eine Freundin hat. Wobei er nicht so recht weiß, ob sie wirklich
noch zusammen sind.
## Liebe, nur eine männliche Fiktion?
Mit jeder neuen Figur, auf die Léo trifft, beginnt er ein Gespräch über
Liebe oder ähnliche Formen des menschlichen Miteinanders. Seine Tochter
Emma (Clara Pacini), mit der er den ersten Spaziergang unternimmt, ist
fassungslos, als sie erfährt, dass ihr Opa ihre Oma als große Liebe seines
Lebens sah, obwohl die beiden nur wenige Zeit zusammen waren. Liebe, so ihr
aufgebrachtes Plädoyer, sei nicht bloß eine bürgerliche Konstruktion,
sondern eine männliche Fiktion, bei der die Frau auf ein Objekt der
Fantasie des Mannes reduziert werde.
Von da schlendert Léo weiter zu seinen alten Freunden, mit denen er kurz
nach dem Studium eine Zeitschrift betrieb. Von den Praktikantinnen ist viel
die Rede, die wenig journalistische Arbeit verrichten durften, dafür jedoch
stets Begehrlichkeiten bei den Männern weckten. Éléonore (Léonie Simaga),
die Frau eines ehemaligen Kollegen, ist von dieser Macho-Nostalgie genauso
gelangweilt wie Léo, man beschließt, ein paar Schritte zu gehen. Dabei
entlockt Éléonore ihrem Gesprächspartner ein paar unbequeme Einsichten, die
offenlegen, dass sein Frauenbild damals nicht viel besser war als das
seiner Freunde.
Éléonore scheint Léo am Ende ihrer Begegnung zum Teufel zu schicken, gibt
ihm aber den Rat, zwei der von ihm einst bewunderten Frauen aufzusuchen.
Die eine, Armelle (Anaïs Demoustier), ist inzwischen in die Politik
gegangen und verwickelt Léo in ein Gespräch über den desaströsen Zustand
der Linken in Frankreich. Die andere, Tina, von der Léo insbesondere ihre
übernatürliche Schönheit erinnert, bleibt unauffindbar.
## Die Liebe verändert sich mit der Gesellschaft
Léo trifft indes nicht allein Frauen von damals, sondern desgleichen
weitere ehemalige Kollegen. Der eine ist Fernsehproduzent geworden und
dreht eine Serie über ihre gemeinsame Zeit, in der sogar Léo einen kleinen
Part hat. Statt mit dem alten Freund zu sprechen, hängt er allerdings
ständig am Telefon. Der andere, einst ein Filmkritiker, den Léo nie leiden
konnte, hat sich vom Journalismus und Filmnerdtum verabschiedet, um ein
jüdisch orthodoxes Leben zu führen. Bei ihm arbeitet anscheinend bloß die
Ehefrau. Von romantischer Liebe hält er noch weniger als Léos Tochter,
wenngleich aus anderen Gründen.
Die Liebe, demonstriert Nicolas Pariser in stark ausgedehnten Dialogen,
verändert sich mit der sich verändernden Gesellschaft. Ob es am Ende einen
Bürgerkrieg gibt, bleibt offen. Dafür erfährt Léo, wie seine früh
verstorbene Mutter über Liebe dachte.
12 Sep 2026
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## AUTOREN
(DIR) Tim Caspar Boehme
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