# taz.de -- taz🐾thema: Chakra sorgt für Schatten
       
       > Kakao-Anbau angesichts des Klimawandels: Die indigene Genossenschaft
       > Wiñak in Ecuadors Amazonasregion hat dafür ein gutes Modell. Gefördert
       > von der deutschen Entwicklungspolitik exportiert sie Biokakaobohnen nach
       > Europa. Doch es gibt ein Risiko
       
 (IMG) Bild: Jorge Grefa führt durch seinen Waldgarten und zeigt die Kakaoschoten
       
       Von Knut Henkel
       
       Etwas aufgeregt war Enrique Salazar, als sich im April der deutsche
       Botschafter zur Visite im Büro in Archidona angesagt hatte. „Wir haben
       vorab etwas mit den Kollegen von der Gesellschaft für internationale
       Zusammenarbeit (GIZ) geprobt, denn so was kommt ja nicht jeden Tag vor“,
       sagt Salazar lachend. Der kräftige Mann mit den pechschwarzen Locken ist
       der Geschäftsführer von Wiñak, einer ecuadorianischen Genossenschaft mit
       exakt 263 Mitgliederfamilien aus der Kleinstadt Archidona. Die kaum 10.000
       Einwohner:innen zählende Stadt liegt nur zwanzig Kilometer entfernt von
       Tena, der Hauptstadt der Amazonasprovinz Napo, und ist von dichtem
       Regenwald umgeben.
       
       Dort produzieren viele der in Wiñak organisierten Familien Kakao und
       Guayusa, eine koffeinhaltige Liane, aus der Tee und Limonade hergestellt
       werden. Chakra nennen die Kichwa ihre Waldgärten, wo sie alles Nötige für
       die Selbstversorgung, aber auch mehr und mehr für den Export anbauen. Kakao
       und Guayusa sind derzeit die Produkte, die international vermarktet werden,
       aber auch Vanille, Chilis, Bananen, Ananas und Medizinalpflanzen werden
       angebaut. „Eine typische Chakra ist zwischen einem halben und drei Hektar
       groß. Dort wachsen zwischen 60 und 120 unterschiedliche Kulturpflanzen im
       Schatten der Bäume“, erklärt der 47-jährige Salazar.
       
       Wiñak bedeutet so viel wie Fortschritt und der basiert auf der
       Produktivität und der Pflege der Chakra. Die ist so etwas wie das
       Gegenmodell zu agroindustrieller Produktion, denn typische Schädlinge wie
       der Pilz Monilia, können sich kaum ausbreiten, weil der nächste Kakaobaum
       eben nicht gleich daneben steht. „Zwei, drei Meter weiter steht er erst,
       und so fällt es Pilzen aber auch anderen Schädlingen schwer, sich zu
       verbreiten“, erklärt Jorge Grefa bei einer Führung durch seinen Waldgarten.
       Der liegt nur ein paar Kilometer von Archidona entfernt hinter einem
       kleinen Weiler mit kaum mehr als einem Dutzend Häusern direkt am Regenwald.
       
       Wie zum Beweis deutet Grefa auf ein paar Kakaoschoten, die auf der einen
       Seite der Schote dunkel angelaufen sind und weißlich schimmern. Die sind
       von Monilia befallen“, sagt Grefa und sorgt mit einem gezielten Hieb dafür,
       dass die Schoten zu Boden fallen. Dort werden sie zwischen Blättern und
       Ästen verfaulen. „Mit Kakao habe ich in den letzten beiden Jahren gut
       verdient. Dieses Jahr wird es etwas weniger sein, weil der Weltmarktpreis
       gesunken ist“, berichtet er und deutet auf die langen, schlanken Schoten,
       die neben einem Chilistrauch sprießen.
       
       „Das ist eine Vanille und die ersten Resultate sind positiv. Bei Wiñak
       überlegen wir immer wieder, welche Produkte für den Export geeignet sein
       könnten – Vanille gehört dazu“ sagt der kräftige Mann und pflückt eine
       goldgelbe reife Kakaoschote von einem Baum. Mit einem gezielten Hieb der
       Machete spaltet er die Schote, sodass die im weißen Fruchtfleisch
       eingebetteten Kakaobohnen zum Vorschein kommen. Wie in einer Erbsenschote
       liegen die dicken weißlich-beigen Kakaobohnen aufgereiht hintereinander.
       Geschickt kratzt Jorge Grefa etwas von dem weißen Fruchtfleisch aus der
       Schote und lässt es sich genüsslich in den Mund tropfen. Süß ist die
       gallertartige Masse, die die Bohnen schützen soll und von Kindern und
       Erwachsenen bei der Ernte konsumiert wird.
       
       Kakaobohnen und auch Kakaobutter gehören in Ecuador zu den wichtigen
       Exportprodukten. Das Gros der Produktion wird im Süden sowie rund um
       Guayaquil, der ökonomischen Drehscheibe des Landes, angebaut. In aller
       Regel auf großen Plantagen, in Monokultur und mit reichlich
       Pestizideinsatz, erklärt Jorge Grefa. Ganz anders geht es im Modell Chakra
       zu, dem von der indigenen Ethnie der Kichwa etablierten Anbausystem, das im
       Schatten des Regenwaldes funktioniert. Die großen Bäume sorgen dafür, dass
       Kakao-, aber auch Kaffeepflanzen den nötigen Schatten bekommen, der mit
       steigenden Temperaturen im Zuge des Klimawandels immer wichtiger wird, aber
       auch die Nährstoffe. Für die sorgt der dicke Teppich aus Blättern, der den
       Boden der Chakra bedeckt.
       
       Dieses nachhaltige Kreislaufmodell hat die Experten der GIZ beeindruckt.
       Sie haben lange überlegt, ob sie sich für die Schaffung eines
       Chakra-Siegels engagieren, dann aber angesichts der Vielzahl der Siegel
       davon Abstand genommen. Für Grefa und Wiñak-Geschäftsführer Salazar
       nachvollziehbar, gleichwohl würden sie sich etwas mehr internationale
       Unterstützung wünschen.
       
       „Uns macht der illegale Goldbergbau in der Region von Tena immer mehr
       Sorgen. Die Belastung der Gewässer mit Quecksilber, aber auch mit
       Schwermetallen hat spürbar zugenommen. Das Belegen die Studien der
       Universität IKIAM“, erklärt Salazar. In der Region von Archidona sind die
       Gewässer bisher nicht belastet, aber rund um Tena sind mindestens vier
       Flüsse kontaminiert. Das ist ein zentraler Grund, weshalb die Regierung in
       Quito im Februar die Reißleine zog und den Bergbau in der gesamten Region
       untersagte. Positiv aus Perspektive von Wiñak und anderer indigener
       Organisationen wie der Kaffeegenossenschaft Waylla Kuri aus Archidona oder
       den Kakaobauern der Genossenschaft Kallari aus Tena. Die drei
       Genossenschaften unterstützen sich gegenseitig, bauen alle im Chakra-Modell
       an und sind auf saubere Flüsse angewiesen. Ohnehin müssen sie ihren
       Importeuren immer öfter nachweisen, dass ihre Lieferung unbelastet ist.
       
       Regelmäßig nehmen daher die Agrartechniker Proben vom Wasser, von Blüten
       und den Früchten, die nach Lima zur Analyse geschickt werden. „Drei Wochen
       später kommt das Ergebnis und bisher sind alle Proben als unbelastet
       analysiert worden“, sagt Enrique Salazar. Das ist positiv, aber das muss
       nicht so bleiben. Deshalb haben Wiñak und eine Handvoll weitere
       Genossenschaften sich mit Umweltorganisationen zusammengetan und engagieren
       sich für die nachhaltige Zukunft der Amazonasprovinz Napo. Das könnte
       helfen den Goldbergbau zurückzudrängen.
       
       12 Sep 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Knut Henkel
       
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