# taz.de -- Midlife, jetzt anderswo: Was bleibt, ist Liebe
       
       > Unsere Kolumnistin verabschiedet sich und zieht Bilanz. Da ist ein
       > hübsches graues Haar, da ist Sorge und die Freundschaft. Und einer, der
       > tröstet.
       
 (IMG) Bild: Mit Liebe ins Schwimmbad
       
       Mein Midlife sieht [1][nach zwei Jahren] so aus: Ich komme mal wieder zu
       spät aus der Redaktion und schiebe mein Fahrrad über den Hackeschen Markt,
       wo mir ein Straßenbarde einen Herzschmerzsong von Bon Jovi
       entgegenschmettert. Ich lebe also immer noch in Berlin, obwohl mir diese
       Stadt mittlerweile oft auf die Nerven geht, und ich arbeite immer noch für
       die taz.
       
       Gerade erst wurde mir bei Social Media Prestige steigernde „Fettaneignung“
       vorgeworfen, weil mein Plädoyer für mehr körperliche Selbstakzeptanz mit
       dem Foto einer Frau bebildert wurde, die mehr wiegt als ich. Willkommen im
       Leben einer linken Kulturjournalistin. Ich schätze die meisten meiner
       Leser*innen trotzdem.
       
       Beim Blick in den Spiegel habe ich heute tatsächlich mein erstes graues
       Haar entdeckt. Fantastisch! Damit bin ich meinem Ziel, eine alte, weise
       Magierin zu werden, wieder ein Stück näher gekommen.
       
       Es ist halt immer für eine Überraschung gut, dieses Midlife. Ich finde,
       dafür halte ich mich ganz wacker. Okay, vor zwei Tagen hatte ich mal wieder
       einen Heulanfall. Ich habe wirklich Rotz und Wasser geheult und mit einer
       Klopapierrolle alles Mögliche in meiner Wohnung abgeworfen. Der Unterschied
       zu meinem verheulten Geburtstag von vor zwei Jahren war aber, dass es
       dieses Mal jemanden gab, der die Klopapierrolle für mich aufgehoben hat.
       
       ## Wofür ich dankbar bin
       
       Als ich mit der Kolumne begonnen habe, hätte ich nie gedacht, dass ich
       einmal so viel über die Liebe schreiben würde, aber es gibt viel mehr davon
       in meinem Leben, als mir vorher bewusst war – und dafür bin ich dankbar.
       
       Für meinen Freund A. und meine Geschwister, für meine Freund*innen und
       meine Mutter, die bei einer gemeinsamen Italienreise mal gesagt hat, dass
       sie zu mir hält wie verrückt.
       
       Kollegin A. hat mir neulich nach einem harten Moment bei der Arbeit einen
       Schokoriegel geschenkt. Ja, die Arbeit, darüber hätte ich gerne mehr
       geschrieben, denn dieses Thema ist ja bei uns allen omnipräsent. Die Arbeit
       am eigenen Körper, politische Arbeit, Broterwerb.
       
       Letztes Wochenende sitze ich mit Bekannten beim Kaffee und S. erzählt, dass
       sie [2][Angst um ihren Job] hat. Sie ist noch nicht lange bei dem
       Demokratieprojekt. Eine Kollegin von ihr sei bereits gekündigt worden, nun
       macht sie sich Sorgen, dass es sie als Nächste trifft.
       
       Ich versuche, sie aufzubauen, auch wenn mich die demokratiefeindliche
       Sparpolitik der Regierung genauso besorgt wie sie. „Es läuft nicht überall
       schlecht“, wirft ihr Freund ein und streichelt ihr übers Knie. Sie schmiegt
       sich an seine Schulter, weil sie glaubt, dass er ihre Beziehung gemeint
       hat. Meinte er aber nicht. Er meinte seinen Job bei einer Softwarefirma.
       „Sorry!“, sagt er und wird rot – dabei müssten sich eigentlich andere
       entschuldigen.
       
       Die Mitte, das sei eine Zeit im Leben, die für nichts stehe, sagte zu
       Beginn der Kolumne eine jüngere Kollegin, eine andere sagte, da müssten
       doch eigentlich alle gesettelt sein.
       
       Ich glaube, ich habe sie enttäuscht. Denn, wie man ja miterleben konnte,
       hat es mein Kolumnen-Ich zwischendurch ganz schön durchgeschüttelt. Dabei
       ist mein Midlife im Verhältnis zur Zeitspanne, die es umfasst, gerade erst
       losgegangen. Und trotzdem war von der Hormonschwankung bis zum
       Finanzdesaster einiges dabei.
       
       Aber keine Angst, es gibt auch viel Schönes im Midlife. Ich bin zum
       Beispiel cooler damit geworden, nicht immer cool sein zu müssen. Außerdem
       habe ich [3][das Schwimmen] für mich entdeckt. Also jetzt nicht nur im
       Leben, um mich von Dingen freizuschwimmen, sondern auch im Freibad. Und
       dort werde ich jetzt auch hinradeln. Tschüss, liebe Lesende. Bis bald!
       
       28 Aug 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Anna Fastabend
       
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