# taz.de -- Warum das Ende von „Fine Dining“ gut ist: Nie wieder ne Currywurst für 30 Euro!
> Missbräuchliche Köche, vegane Currywurst für 30€ und pseudo-ökologische
> Küche. Fine Dining ist am Ende. Zum Glück, schreibt taz FUTURZWEI-Autor
> Jörn Kabisch in seiner Gastrokolumne.
(IMG) Bild: Früher Imbiss, heute Spitzengastro? Die gute Küche braucht Ideen, die über die Currywurst hinausgehen
[1][taz FUTURZWEI] | Ich habe vor Kurzem einen alten, leicht vergilbten
Quittungsblock im Tresen gefunden: Der Mehrwertsteuersatz ist mit 14
Prozent angegeben, die Postleitzahl vierstellig – der Block stammt aus den
1980er-Jahren, der [2][Bonner Republik]: Das Gasthaus zum Schwan wirbt
darauf mit „Gutbürgerliche Küche – moderne Fremdenzimmer“. Interessante
Paarung, dachte ich: Beim Essen dockt die Reklame an die Vergangenheit an,
beim Wohnen an die Aktualität.
Fast fünfzig Jahre später werben auf dem Land zwar immer noch Gasthäuser
mit der „Gutbürgerlichkeit“ der Mahlzeiten, doch selbst ich habe inzwischen
Mühe, mir vorzustellen, was damit gemeint ist.
Vor den Teller im Kopf schiebt sich gleich das Bild vom Gutbürger,
abschätzig auch oft Gutmensch genannt. Sein öko-pragmatischer Lebensstil
ist nicht mehr mit Rouladen, Burgunderbraten oder Jägerschnitzel
zusammenzubringen, einst die Insignien der gutbürgerlichen Küche. Eher
genießt er Bio-Gyros, medium gebratenen Burger und Pasta in allen möglichen
Formen, Hauptsache al dente.
## Die Veränderung der Kulinarik
Die Esskultur hat sich in den vergangenen Jahrzehnten enorm entwickelt,
geholfen hat dabei, dass sie sich nicht mehr als Ausweis einer
gesellschaftlichen Klasse begreift. Erklären lässt sich das immer wieder
gut an der Currywurst: Ihr gilt noch immer die Liebe großer Teile der
[3][SPD], in der Partei wird sie noch immer als identitätsstiftendes
Lebensmittel der [4][Arbeiterklasse] angesehen. Gegessen wird sie aber
heutzutage in allen Schichten.
Dazu trinkt man dann Crémant oder Bio-Limo genauso wie eine „Flasche Bier“
([5][Gerhard Schröder]), niemand denkt aber deswegen daran, auch die Partei
der Currywurst zu wählen. Weil die kulinarisch-sozialen Grenzen so
verschwimmen, hat auch [6][der identitätspolitische Fleischpopulismus eines
Markus Söder keine Chance].
Eine Grenze gibt es allerdings noch. Es ist die des Geldes. Auch wenn
standesbewusste Küchen nicht mehr existieren und also kaum noch jemand zu
sagen vermag, worin sich Hausmannskost, bürgerliche Küche oder die ehemals
aristokratische „[7][Haute Cuisine]“ unterscheiden, hat sich eine
performative Ebene gehalten, und auf dieser gibt es noch starke
Distinktionsmerkmale.
## Essen zu saftigen Preisen
„Fine Dining“ ist der Begriff, der das abgelöst hat, was früher mit „Haute
Cuisine“ gemeint war. Wörtlich übersetzt also Feines Dinieren statt
Gehobene Küche. In der Begrifflichkeit steckt eine wichtige Verschiebung.
Denn selbstverständlich haben Fine-Dining-Lokale noch immer hohe Ansprüche
an ihre Küche, der alten Zeit der „Haute Cuisine“ sind sie aber viel mehr
bei Tisch verpflichtet.
Da kann schon mal die teure, vegane Interpretation einer Currywurst auf dem
Teller liegen, drumherum aber darf nichts an Imbissstube erinnern. Ganz im
Gegenteil: Ambiente und Einrichtung, die Ausstattung der Tische, die
Ansprache der Gäste konstruieren eine ruhige, weltabgewandte Gediegenheit,
formulieren weiterhin aber auch einen exklusiven Code aus Dos und Don‘ts.
Wer ihn lesen kann, ist schnell im Bilde, mit welchem Besteck sich die
Nobel-Currywurst am besten verträgt und hat ein gutes Gefühl, ob man dem
Sommelier nun bei der Getränkebegleitung freie Wahl gibt oder frech nach
einer Flasche Bier fragt.
Für das breite Publikum heißt „Fine Dining“ oft nur „sauteuer essen“. Um im
Bild zu bleiben: Currywurst ist Currywurst – warum man dafür also, sagen
wir, 30 Euro hinblättern soll, bleibt vielen Menschen verborgen. Da können
sich kulinarische Korrespondenten wie ich jahrelang die Finger wund
schreiben.
Essen zu saftigen Preisen wird von vielen oft nur als Eintritt in einen
seltsamen Abendklub wahrgenommen, in dem man nicht richtig satt wird, aber
irgendwie unter sich ist.
## Das ausbeuterische Verhalten des Spitzenkochs
Es gab einen Hoffnungsschimmer, als Köche und Gastronomen auftauchten, die
ihr Wirken als Endpunkt einer ökologischen Wende begriffen. Eine
Landwirtschaft, die keinen Raubbau mehr an der Natur betreiben will, eine
weitere Nahrungsmittelproduktion, die sich der Nachhaltigkeit verpflichtet
sieht und daher auf Regionalität und Saisonalität setzt. Muss sich das
nicht auch in einer radikal anderen Küche zeigen, fleischloser,
ressourcenschonender, sozialer, fairer, nicht nur, was Zutaten betrifft,
sondern auch Energie und Personal? Doch, fand ich, es sollte möglich sein,
mehr Menschen zu vermitteln, dass eine solche, an Qualität wie an Werten
orientierte Küche einen Preis hat, der es lohnt.
In diesem Frühjahr hat ein Skandal die westliche gastronomische Welt
erschüttert, den ich mit [8][Harvey Weinstein] und [9][#MeToo] vergleiche.
Protagonist ist René Redzepi, einer der weltweit bekanntesten Vorreiter
dieser neuen, nachhaltigen Küche. Sein Sterne-Restaurant NOMA in
[10][Kopenhagen] führte jahrelang die weltweiten Restaurantlisten an. Man
aß dort richtig teuer, durfte aber das Gefühl haben, es für eine Erneuerung
einer Küche zu tun, die im besten Sinne gutmenschlich ausgerichtet war –
Rückgrat war die Verwendung lokaler Zutaten hoch im unwirtlichen
skandinavischen Norden. Und um ihnen Geschmack abzutrotzen, modernisierte
diese Küche traditionelle Verarbeitungsverfahren, unter anderem Trocknen,
Fermentieren, Räuchern.
Redzepi wurde zur Galionsfigur einer Bewegung, die begann, Nachhaltigkeit
in der Gastronomie ganzheitlich zu denken, bis zum letzten Spüler. Motto:
Ist das Team nicht glücklich, wird der Gast nicht glücklich. Der Drive
inspirierte sogar Management- und Unternehmensberater. Der
Innovationsforscher Franz Liebl versuchte das veränderte Denken in den
Küchen vor zwei Jahren als „Steakholder Management“(sic!) auch für andere
Dienstleistungssektoren in einem Buch fruchtbar zu machen (Steakholder
Management: Bausteine eines Culinary Turn in der Strategie, Logos Verlag,
239 Seiten, 49 Euro). Der Titel war nicht ironisch gemeint.
Doch wie sich nun herausstellt: Redzepi hat seinen Erfolg auf die
Ausbeutung von Hundertschaften junger Köchinnen und Köchen gebaut. Gierig
nach dem neuen Wissen verdingten sich viele von ihnen monatelang ohne
Bezahlung in der Küche NOMA, zahlten in einer teuren Stadt wie Kopenhagen
die Miete von den eigenen Ersparnissen, hatten oft nicht genug Geld, um
sich selbst anständig zu ernähren, während die Gäste das Gefühl vermittelt
bekamen, hochanständig versorgt zu werden. Und nicht nur das: Redzepi
entpuppte sich in der Küche als detailversessener, überkontrollierender und
von Willkür getriebener Bully, der die Mannschaft hin und her schubste und
dabei auch gewalttätig wurde.
Der genauso weitermachte wie Generationen von Küchenchefs vor ihm, mit der
Form von Machtmissbrauch, der die Welt so überdrüssig ist.
Man kann die Geschichte von René Redzepi als die vom gefallenen Guru und
Genie lesen, er hat sich inzwischen übrigens aus seinem Restaurant
verabschiedet. Aber es ist ein Fortschritt: In der gastronomischen Welt
wird sie nicht nur so verstanden, sondern sehr deutlich als symptomatisch
für ein System. Wenn schon Ausbeutung auf dem Acker so schwer zu bekämpfen
ist, warum soll es leichter sein, ihr am anderen Ende der Lieferkette, im
Restaurant, ein Ende zu bereiten?
Doch ich gebe nicht auf. Ich wünsche mir, dass „Fine Dining“ bald auch ein
Begriff der Vergangenheit ist, aber Menschen wieder damit etwas anfangen
können, wenn in neuem Sinne von gutbürgerlicher Küche die Rede ist.
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26 Aug 2026
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