# taz.de -- Neuer Folk-Pop aus Spanien: Frauenpower im Windschatten Rosalías
       
       > Von Katalonien über La Palma bis Andalusien und Menorca: In Spanien
       > bringen junge Musikerinnen eigenwillige zeitgenössische Folkpop-Alben
       > heraus, die Tradition und Moderne miteinander verbinden.
       
 (IMG) Bild: Sympathisch minimalistisch: Sängerin Valeria Castro bei einer Performance in Madrid im Januar 2026
       
       [1][taz Thema] | Bei den Weltmeisterschaften der Rhythmischen
       Sportgymnastik in Frankfurt am Main im August 2026 räumten die Spanierinnen
       in diversen Disziplinen ab, unter anderem zur Musik von Superstar Rosalía
       aus Katalonien.
       
       Neben ihrem zur Hymne avancierten Song „Berghain“ enthielt die Playlist der
       Sportlerinnen aber auch das Lied „[2][Cuídate]“ der fünf Jahre jüngeren
       Valeria Castro.
       
       Die kanarische Singer-Songwriterin und Pianistin Castro sorgte zu
       Pandemiezeiten mit gelungenen Covers in den sozialen Medien für viel
       Aufmerksamkeit. In ihrer feinnervigen Art zu singen, in Songs wie dem
       Latin-Grammy-nominierten „[3][La raíz]“, den sie ihrer Heimatinsel La Palma
       nach dem Ausbruch eines Vulkans an der Cumbre Vieja gewidmet hat, legen
       heimische Traditionen ihre Spur.
       
       ## Intensive Turbokarriere
       
       Castros sympathisch minimalistische, hier und da mit subtiler Elektronik
       versehene Songs liegen auf mittlerweile drei vielfach prämierten Alben in
       nur vier Jahren vor. Eine intensive Turbokarriere, welche die erschöpfte
       und um ihre mentale Gesundheit besorgte Kanarin 2025 temporär aus der
       Musikwelt aussteigen ließ. Seit einigen Monaten wieder zurück tourt sie im
       Oktober durch vier europäische Metropolen, stoppt jedoch leider nicht bei
       uns.
       
       Auf ihrem zusammen mit dem spanischen Starproduzenten Carles Campi Campón
       erarbeiteten Album „el cuerpo después de todo“ (2025) ist auch die ihr
       stimmlich und spirituell teils ähnliche Sílvia Pérez Cruz (bis 2011 erste
       Leadsängerin der Frauenband Las Migas) zu hören.
       
       Die längst weltweit geschätzte Vokalistin und Komponistin Pérez Cruz ist zu
       einer Art weibliche Galionsfigur der zeitgenössischen innovativen Folklore
       in Spanien geworden. Allein in ihrer Heimat Katalonien gibt es weitere
       experimentierfreudige junge Musikerinnen wie Judit Nedderman, Rita Payés,
       Queralt Lahoz oder María Arnal, die auf ihrem Album „AMA“ (2026) sehr
       eigenwillig mit Polyfonie und Elektronik operiert.
       
       ## Vor allem von Frauen befeuert
       
       Sílvia Pérez Cruz, die (wenn auch nur hintergründig) auf Rosalías Album
       „Lux“ gefeatured wird, verbindet mit dem Weltstar die Zusammenarbeit mit
       dem Produzenten Raül Refree aus Barcelona, der kreativer Wegbereiter beider
       Karrieren war. Um ihn reißen sich seit Jahren die charismatischsten
       Sängerinnen – nicht nur Spaniens – für die Arbeit an ihren Alben. Der so
       gewiefte wie introvertierte Refree, der an den Produktionen oft auch als
       elektronikaffiner Multiinstrumentalist beteiligt ist, sorgte für einige der
       innovativsten Veröffentlichungen der letzten Jahre.
       
       Refrees vielgestaltiges, atmosphärisches Folktronica-Duoprojekt Gala i
       Ovidio („Un Final Que Parece Un Principio“, 2025) ist die neueste Frucht
       seiner spät geweckten Liebe für Galicien. In den höchsten Tönen lobt Refree
       die überaus reichhaltige, ebenso rootsige wie futuristische Musikszene dort
       im hohen Norden der Iberischen Halbinsel. Diese wird von jeher vor allem
       von Frauen befeuert – den Tambur spielenden, dazu mit besonderer Intensität
       singenden Pandeireteiras.
       
       Ihre Tradition führen junge Galicierinnen auf zeitgenössische Weise fort:
       Neben Pionierin Mercedes Peón heutzutage auch Refrees Duopartnerin Aida
       Tarrío, die mit den Zwillingsschwestern Olaia und Sabela Maneiro die Band
       Tanxugueiras bildet. Eine von nicht wenigen Frauenformationen, die den so
       archaisch wie vital anmutenden Klangkosmos der Pandeireteiras samt deren
       Repertoire per Elektronik und teils modernem, gern explizit feministischem
       Songwriting hin zur Zukunft und zur Welt öffnen.
       
       ## Musik über Stil- und Landesgrenzen hinweg
       
       Tanxugueiras haben bislang vier Alben veröffentlicht und auch schon
       gemeinsame Sache mit Valeria Castro und dem Folkpopstar Rozalén gemacht.
       2022 wurden sie im Vorentscheid für den Eurovision Song Contest massiv
       gefeiert, aber letztlich von der Jury abgelehnt. Drei Jahre später
       überzeugten sie dann bei einer KEXP-Liveradiosession. Kein Zweifel –
       musikalische Frauenpower made in Spain entfaltet sich trotz ihrer
       jeweiligen regionalen Verwurzelung mühelos über Stil- und Landesgrenzen
       hinweg.
       
       Das Pilgerziel Santiago de Compostela, wo die Tanxugueiras 2016 gegründet
       wurden, ist auch die Geburtsstadt der Singer-Songwriterin und Gitarristin
       Antía Muíño. Sie beschreitet musikalisch einen ähnlich angenehm
       unklassifizierbaren, möglichst klischeefernen Weg wie die Kanarin Valeria
       Castro, nur eben von ihrer eigenen Materia prima ausgehend.
       
       Die galicisch- und spanischsprachigen Songs der klassisch ausgebildeten,
       von früh an mit den heimischen Traditionen vertrauten Mittdreißigerin sind
       von Indiepop, Jazz und diverser iberoamerikanischer Populärmusik
       imprägniert und bis dato auf zwei Alben versammelt („Carta Aberta“ 2022,
       „Anfibia Por Veces“ 2026). Nachdem Muíños Debüt viel Beachtung und
       vergleichsweise sensationelle Streamingzahlen erzielte, verschafft sich die
       Galicierin auch außerhalb Spaniens Gehör, etwa in Tschechien, Marokko und
       im nahen und seelenverwandten Portugal. Und auch mit den
       Flamenco-fusionierenden Las Migas hat sie schon mal das Mikrofon geteilt.
       
       ## Flamenco trifft Urban Music
       
       Bei der aus der Provinz Córdoba, einem der Flamenco-Epizentren, stammenden
       María José Llergo steht diese originär andalusische Musik im Zentrum ihres
       Tuns. Allerdings versetzt auch sie – ähnlich wie die Cordobesa Mariola
       Membrives – den Flamenco und seine Tradition in größere, unkonventionelle
       Kontexte, bis hin zu Urban Music. Die profund flamenco-geschulte, später
       durchs Studium auch jazzkundige Künstlerin kann es mit ihrem expressiven
       Gesang durchaus mit einer Rosalía aufnehmen. Und die Andalusierin Llergo
       erhielt auch schon eine Art Ritterschlag, als sie 2024 zur populären
       Tiny-Desk-Konzertreihe eingeladen wurde, als damals erst fünfter spanischer
       Act überhaupt.
       
       Anna Ferrer von der kleinen Baleareninsel Menorca „dekomponiert“ und
       „dekonstruiert“ währenddessen „Lieder aus anderen Zeiten“, wie sie über
       sich im Bandcamp-Portal schreibt. Mit dem komplett selbstverfassten
       Material ihres vierten Longplayers „PA“ (2026), das mal wie altes Liedgut
       anmutet, mal wie imaginäre Folklore, huldigt Ferrer dem Brot und dem damit
       verbundenen Bäckerhandwerk. Das hat in ihrer Familie eine lange Tradition
       und wird nach vier Generationen womöglich mit dem Vater zu Ende gehen.
       
       Ferrer sieht Zusammenhänge zwischen ihrem kreativen Schaffensprozess und
       dem beharrlichen, ehrwürdigen Tagwerk ihres Vaters. Zur Pflege des eigenen
       kulturellen Erbes kommt bei ihr aber auch die Lust am Experimentieren und
       Grenzüberschreiten. Im Grunde ist es genau diese Verbindung, die all die
       jungen spanischen Neofolk-Visionärinnen an- und umtreibt: Wertvolle alte
       Traditionen am Leben erhalten und sie zugleich mit neuen Impulsen versehen.
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       8 Sep 2026
       
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