# taz.de -- Religion in den Medien: Glaube im Gegenlicht
       
       > Bei einem Dokuprojekt bekommen Gläubige die Möglichkeit, authentisch über
       > Religion zu sprechen. Es sind Perspektiven, die oft ungesehen bleiben.
       
 (IMG) Bild: Bei einem Videodreh für „Voices of Faith“ im Cemevi, dem alevitischen Gemeindehaus in Berlin-Kreuzberg
       
       Vor dem meterhohen Porträt Alis – Vetter und Schwiegersohn des Propheten
       Mohammed – spielen sich ungewohnte Szenen im Cemevi, dem alevitischen
       Gemeindehaus in Kreuzberg, ab. Vier Personen recken die Köpfe zum kleinen
       Klappdisplay einer Videokamera, die sie für ein Dokuprojekt mitgebracht
       haben. Vor der Linse steht der 32-jährige Alevit Uğurcan.
       
       Für das Projekt Voices of Faith der Neuen Deutschen
       Medienmacher*innen (NDM) erzählt Uğurcan von seinem Glauben. Seine
       Augen sind gerötet, er ist heute etwas kränklich. Doch seine religiöse
       Haltung zu zeigen, über Konflikte und Vielfalt seiner Gemeinde zu sprechen,
       ist Uğurcan wichtig. Denn wann haben junge Menschen schon mal die
       Möglichkeit, sich in den Medien authentisch über ihren Glauben zu äußern?
       
       Bei Voices of Faith sollen die Geschichten von Menschen aus Berliner
       Religionsgemeinschaften glaubwürdig in Videoreportagen von jungen Leuten
       erzählt werden, die sich zuvor auf das Projekt beworben haben. Insgesamt
       vier Teams befassen sich für das Projekt mit unterschiedlichen Perspektiven
       von Religionen aus jesidischen, christlichen und alevitischen Gemeinden.
       
       Die 27-jährige Leila ist eine der Personen hinter der Kamera. Sie hat
       selbst muslimischen Hintergrund und kennt das Gefühl, als religiöse Person
       anders wahrgenommen zu werden. „Ich habe vor allem an der Schule eine
       Stigmatisierung erlebt, die mit meinem Glauben zu tun hat“, sagt sie. Das
       habe auch mit der medialen Berichterstattung zu tun und dem Kontext, in dem
       etwa über muslimischen Glauben gesprochen wird.
       
       ## 89 Prozent Negativberichterstattung
       
       Über den Islam wird in der deutschen TV-Berichterstattung zu 89 Prozent im
       negativen Kontext berichtet, das zeigt ein Bericht des Unabhängigen
       Expertenkreises Muslimfeindlichkeit von 2024. Das bestätigt auch die
       mediale Aufmerksamkeit wie vor Kurzem beim islamistisch motivierten
       Anschlag auf den CSD. Abseits davon kommen Muslim*innen laut dem Bericht
       aber selten selbst zu Wort.
       
       Das, was die Allgemeinbevölkerung in den Medien über Glauben vermittelt
       bekomme, sei teilweise stark stigmatisierend, sagt auch Eren Akosman von
       der Projektleitung des Drehs. Eren sitzt beim Dreh aber nur beobachtend
       dabei – die vier Nachwuchsmedienmacher*innen Maria, Leila, Nilda
       und Jasmin sollen einfach „mal machen“. Dabei setzen sie um, was sie zuvor
       in Workshops gelernt haben, die der kooperierende [1][Berliner offene Kanal
       ALEX] organisiert hat. Außerdem beteiligt am Projekt sind das [2][Junge
       Forum der Religionen] und das [3][Interkulturelle Zentrum Neukölln].
       
       Während des Drehs schauen die wenigen Besucher*innen, die sich mittags im
       alevitischen Gemeindezentrum aufhalten, interessiert in Richtung Videodreh.
       Die Nachwuchsjournalist*innen kennen sich erst seit ein paar Wochen,
       umso freundschaftlicher wirkt ihre Zusammenarbeit. Nicht eine*r schraubt
       an den Beinen des Kamerastativs, sondern jede*r an einem. Die
       Berührungsängste gegenüber der professionellen Fernsehkamera stehen sie
       zusammen so lange durch, bis auch der Weißabgleich und die richtige
       Einstellung geglückt sind. So dauert alles zwar länger, ermöglicht aber die
       Teilhabe aller an dem Projekt.
       
       ## Eigenständige Glaubens- und Religionsgemeinschaft
       
       Marias blaues Bandana flattert über ihren braunen Locken, als sie Uğurcan
       zuhört. Ihr Nicken bekräftigt den 32-Jährigen darin, immer noch ein paar
       mehr Details über seinen Glauben zu erzählen. Es fällt ihm leicht, davon zu
       schwärmen, was er mit dem Porträt hinter sich im Cemevi verbindet. Er ist
       stolz auf seinen Glauben. Vor allem deshalb, weil seine Eltern es nicht
       sein konnten.
       
       Uğurcan ist einer von geschätzt 40.000 Alevit*innen in Berlin. Der
       alevitische Glaube entwickelte sich laut Deutscher Welle aus einer
       Verbindung von vorislamischen Religionen, schiitischen Ideen und
       islamischem Mystizismus zu einer eigenständigen Glaubens- und
       Religionsgemeinschaft. Das Alevitentum ist nach dem sunnitischen Islam die
       zweitgrößte Religionsgemeinschaft in der Türkei.
       
       In seinen religiösen Vorstellungen und Praxen unterscheidet sich das
       Alevitentum sowohl vom sunnitischen als auch vom schiitischen Islam.
       Deshalb ist die Frage der Zugehörigkeit zum Islam seit jeher umstritten,
       auch unter den Alevit*innen. „Aleviten sind eine Minderheit innerhalb des
       Islams, die seit Generationen strukturell unterdrückt wird. Vor allem die
       Generation meiner Eltern wurde in ihrer Jugend in der Türkei
       diskriminiert“, erzählt Uğurcan.
       
       Druck, Zwang, Angst – all das seien Gefühle, die seine Eltern mit der
       Religion verbinden und bis heute nicht überwinden können. Ihren Kindern
       hätten sie deshalb mehr oder weniger bewusst nichts vom alevitischen Islam
       erzählen und sie stattdessen „frei“ erziehen wollen, sagt Uğurcan. Seiner
       Identitätsfindung habe das geschadet, viele Alevit*innen in seinem Alter
       wüssten gar nicht klar, was das Alevitentum überhaupt ist.
       
       Und doch erlebt er als alevitischer Religionslehrer, wie interessiert
       gerade jüngere Menschen wieder an dem Glauben sind. „Die meisten
       Jugendlichen, die zu mir in den Unterricht kommen, wollen über den Koran,
       den alevitischen Islam, den Propheten und dessen Familie lernen“, sagt
       Uğurcan. Mit ihren Eltern könnten sie darüber nicht sprechen.
       
       ## Religiöse Perspektiven fehlen in der Berichterstattung
       
       Diese Perspektiven fehlen nicht nur innerhalb der Familien, sondern auch in
       der Berichterstattung, schreibt die Journalistin Magdalena Thiele in einem
       Beitrag 2024. Insbesondere in der westlichen Medienwelt sei das Verhältnis
       zwischen Journalismus und Religion schwierig. Wenn es das Thema auf die
       Titelseite schaffe, dann sei entweder ein deutscher Papst gewählt oder ein
       terroristischer Anschlag verübt worden, so ihre These.
       
       Dieses Bild zeigt sich auch in der Forschung: Nach einer Studie des
       US-amerikanischen Meinungsforschungsinstituts HarrisX von 2022 besteht
       weltweit ein eindeutiger Wunsch nach mehr Berichterstattung über religiöse
       Themen. Unter den Befragten herrsche zudem die starke Wahrnehmung, dass
       Medien religiös bedingte Stereotype aufrechterhalten.
       
       Das sind etwa die Ablehnung von Homosexualität, Kindesmissbrauch durch
       Geistliche sowie die Annahme, Religion befördere Radikalisierung. Ebenso
       stark ist deshalb der Wunsch nach mehr Differenzierung und echten
       Geschichten aus den Glaubensgemeinschaften.
       
       Die Reproduktion von religiösen Stereotypen in den Medien findet auch
       Projektleitung Eren problematisch. Die Neuen Deutschen
       Medienmacher*innen wollen das besser machen, vor allem mit einem
       Fokus auf diskriminierungssensible Berichterstattung: „In den
       Videoreportagen soll es um die Leute gehen, nicht um Statistiken“, sagt
       Eren.
       
       Was bei den Drehs am Ende entstanden ist, wird ab Herbst im Programm von
       ALEX Berlin zu sehen sein. So ein Projekt hätte auch Eren im Kindesalter
       viel bedeutet: „Ich bin selbst muslimisch sozialisiert, in meiner
       Grundschule waren auch viele muslimische Kinder. Erst später, als ich auf
       die Oberschule gekommen bin, habe ich das Gefühl gehabt, dass meine
       Mitschüler*innen mich anders wahrnehmen.“ In den Serien und Filmen, die
       sie alle damals gesehen hätten, sei es bei muslimischer Repräsentation
       hauptsächlich um Terrorismus gegangen. „Ich habe mich oft gefühlt, als
       müsste ich mich rechtfertigen, aber so bin ich nicht.“
       
       11 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://about.alex-berlin.de/
 (DIR) [2] https://junges-forum-religionen.de/
 (DIR) [3] https://www.interkulturelleszentrum.de/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Laura Mies
       
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