# taz.de -- Graphic Novel über die Bewegung 2. Juni: „Die Linkspartei belügt die Menschen“
       
       > Gabriele Rollnik engagierte sich im bewaffneten Kampf und saß im
       > Gefängnis. Verändernde Politik, sagt sie, geht nur über
       > außerparlamentarische Opposition.
       
 (IMG) Bild: Als Benno Ohnesorg 2. Juni 1967 erschossen wurde, war Gabriele Rollnik klar, dass man sich wehren muss: Sie ging in den Widerstand
       
       taz: Frau Rollnik, Sie waren Mitglied der [1][Bewegung 2. Juni]. Nach Ihrer
       Entlassung aus der Haft 1992 haben Sie in einem Kinderhaus gearbeitet und
       Ihr Studium wieder aufgenommen. Warum haben Sie sich dafür entschieden?
       
       Gabriele Rollnik: Ich musste mein Leben organisieren, nachdem ich wieder in
       Freiheit war, und ich musste meinen Lebensunterhalt verdienen. Natürlich
       habe ich mich weiterhin politisch engagiert und mich 1992 als Erstes um die
       Freilassung der weiteren Gefangenen gekümmert. Ich habe da Demos mitgemacht
       und Gespräche geführt. Das hatten wir auch in unserem letzten Hungerstreik
       gefordert: Freiheit für alle Gefangenen.
       
       taz: Wie blicken Sie auf Ihre Beteiligung an der Bewegung 2. Juni zurück?
       
       Rollnik: Ich bin froh, dass ich das damals gemacht habe. Die 68er-Bewegung
       hatte einen großen Aufbruch in das Land gebracht. An diesem Aufbruch wollte
       ich festhalten: den Kapitalismus und die Herrschaft der Besitzenden
       abschaffen und auf der Seite der unteren Schichten stehen. Das war kurz
       gefasst mein Interesse. Ich habe den Kontakt zu dem 2. Juni bekommen und
       freudig zugegriffen, weil ich den Kampf weiterführen wollte.
       
       taz: Gibt es Dinge in Ihrer politischen Laufbahn, die Sie bereuen oder gern
       anders gemacht hätten?
       
       Rollnik: Meine politische Laufbahn? Ob ich mein Engagement im bewaffneten
       Kampf und die 15 Jahre im Gefängnis, wo ich mit Hungerstreiks gegen die
       Sonderhaftbedingungen für politische Gefangene gekämpft habe, bereuen
       würde? Nein. Als ich 1992 rausgekommen bin, hatte ich das Gefühl, ich habe
       überlebt. Ich habe gesiegt in meinem Kampf. Sie haben mich nicht klein
       gekriegt.
       
       taz: In der Graphic Novel „Ella. N ichts haben, alles ändern“ blickt Ella
       auf ihr Leben zurück und sagt, es gäbe in Europa keine Linke mehr oder nur
       eine ganz schwache. Wie blicken Sie auf die gegenwärtige Linke in
       Deutschland? 
       
       Rollnik: In Deutschland gibt es keine richtige Linke mehr. Die Linkspartei
       und das [2][Bündnis Sahra Wagenknecht] sind ins Parteiensystem
       eingegliedert. Sobald man am Parlamentarismus teilnimmt, ist man an Zwänge
       gebunden. Wirklich verändernde Politik geht nur durch außerparlamentarische
       Opposition. Die ist aber sehr schwach geworden. Die radikale Linke oder die
       Linke, die sich nicht Parteien zuordnet, besteht aus einer hilflosen
       [3][Antifa].
       
       taz: Was müsste die Linke in Deutschland anders machen? 
       
       Rollnik: Die Linkspartei belügt die Menschen. Sie hat ein Programm, wie es
       früher die SPD hatte. Sie versucht, besser zu verteilen, statt das ganze
       Wirtschaftssystem zu ändern. Der Kapitalismus muss ewig wachsen. Durch das
       Wachstum werden die Ressourcen der Erde verbraucht und es gibt eine
       ökologische Krise. Auch der Wohlfahrtsstaat, den es nach dem Zweiten
       Weltkrieg in Deutschland gab, ist heute nicht finanzierbar. Und dann tut
       die Linke so, als könnte sie das, was da ist, besser verteilen. Das wird
       nicht gelingen. Ich sehe keine Linke in Deutschland, die sagt: Wir brauchen
       eine Transformation. So wird es eher einen Systemkollaps geben, als dass es
       von der linken Seite reformiert wird. Vielleicht muss man sagen, die Linke
       ist nicht radikal genug.
       
       taz: Am Ende von der Graphic Novel heißt es: „Widerstand ist immer
       wichtig.“ Inwiefern leisten Sie heute Widerstand?
       
       Rollnik: Ich leiste Widerstand. Natürlich nicht in dem Maße wie früher, als
       ich mein ganzes Leben eingesetzt habe. Mein Widerstand beschränkt sich
       jetzt auf bestimmte Dinge. Zum Beispiel gehe ich demnächst zur [4][Demo
       „Keinen Nato-Hafen“ in Hamburg]. Ich versuche, mich auch gegen die
       Entwicklung zum Krieg und Aufrüstung zu stellen. Ich bin nicht apolitisch,
       sondern nach wie vor sehr radikal.
       
       26 Aug 2026
       
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