# taz.de -- Was wir von Alexander Kluge lernen können: Gefühle, Krieg, Arbeit
       
       > Der große Chronist der BRD, Alexander Kluge, ist dieses Jahr verstorben.
       > Harald Welzer, Herausgeber des taz-Magazins FUTURZWEI, blickt in seiner
       > Kolumne „Welzer liest“ auf drei wegweisende Bücher des Schriftstellers
       > Alexander Kluge.
       
 (IMG) Bild: Einer der wichtigste Denker der Bundesrepublik: der Regisseur und Schriftsteller Alexander Kluge
       
       ## „Wir wohnen in unseren Gefühlen wie in Häusern. Sie haben eine
       Architektur, in der leben wir.“
       
       – Alexander Kluge (1932–2026)
       
       [1][taz FUTURZWEI] | In seiner Kolumne „Welzer liest“ nimmt sich
       Sozialpsychologe Harald Welzer in jeder neuen Ausgabe des taz-Magazins
       FUTURZWEI literarischer Arbeiten an, die helfen können, die sehr komplexe
       und oft auch problematische Gegenwart besser zu verstehen.
       
       Folge 37 widmet Harald Welzer Klassikern des Filmemachers und
       Schriftstellers Alexander Kluge. Drei Bücher, die zum Verständnis
       beitragen, in welch gefährlicher Lage sich Demokratie und Rechtsstaat
       befinden.
       
       ## 1981
       
       OSKAR NEGT, ALEXANDER KLUGE: Geschichte und Eigensinn (Verlag
       Zweitausendeins, 1981)
       
       Ein Steinbruch, der von der „politischen Ökonomie der Arbeitskraft“
       handelt, also von der subjektiven Seite der [2][Arbeit]. Wie schon der
       überfrachtete Untertitel (siehe unten) andeutet, geht es um viel zu viel.
       Wir haben im Studium (beim unvergesslichen Ernst Theodor Mohl) mehrere
       Semester damit zugebracht, in diesem Steinbruch zu lernen. Gelernt haben
       wir a), dass das Denken im Zusammenhang weiter führt als das Denken im
       Getrennten und b), dass es die Menschen sind, die Geschichte machen,
       erleiden, verarbeiten oder ihr zum Opfer fallen, und nicht die beliebten
       „Strukturen“, weshalb die gelebte Geschichte aus anderen Elementen besteht
       als die geschriebene Geschichte, und vor allem c), dass zur politischen
       [3][Ökonomie] der Arbeitskraft wesentlich die Produktivkraft „Gefühl“
       gehört. Kein Vorgang, der mit Menschen zu tun hat, ist ohne die
       Berücksichtigung der Gefühle zu verstehen, mit denen sie in eine Situation
       hineingehen und mit denen sie aus der Situation herausgehen.
       
       Die politische Ökonomie der Gefühle hat [4][Alexander Kluge] lebenslänglich
       beschäftigt. Das ist kein Forschungsgegenstand, der sich einer linearen
       Betrachtung erschließt – Gefühle haben eine eigene Logik, weshalb Menschen
       eigensinnig sind. Kluge hat deshalb keine erklärenden Sachbücher
       geschrieben, sondern Filme gedreht, Interviews geführt, Montagen aus
       Geschehenem und Erfundenem angefertigt. Überall in diesem merkwürdigen
       Aufklärungsuniversum konnte es einem passieren, dass man auf etwas stieß,
       was man vorher nie gedacht hatte und auch nie gedacht hätte.
       
       Geschichte und Eigensinn ist die Mutter aller folgenden Bücher von Kluge,
       ein Regalbieger, den man beliebig aufschlagen und sich sofort festlesen
       kann.
       
       Zehn Minuten [5][Negt]/Kluge tragen mehr zum Verständnis von Gesellschaft
       bei als drei Wochen [6][Bude], Reckwitz und Mau. „Gegenstand der
       Theoriearbeit sind – entgegen der Annahme – zunächst Vertrauensverhältnisse
       und nicht gleich Erkenntnis.“ (S. 487)
       
       ## 1984
       
       ALEXANDER KLUGE: Die Macht der Gefühle (Verlag Zweitausendeins, 1984)
       
       Das waren ein Film und ein Buch. Im Vorwort schreibt der Autor: „Der Name
       meines letzten Films heißt: Die Macht der Gefühle. Die Macht gibt es
       wirklich, und die Gefühle gibt es auch wirklich. Die schärfste
       Herausforderung für das Gefühl ist der Krieg. Er ist übrigens auch die
       schärfste Herausforderung gegenüber allen Projekten der Macht, solange er
       zu beweisen vermag, dass keine Macht ihn aufhalten kann; und historisch
       konnte bisher keine Macht ihn halten.“
       
       Ich vermute, dass dieses Buch an Militärakademien nicht gelesen wird.
       Weshalb sie immer wieder immer dasselbe machen.
       
       ## 2015
       
       ALEXANDER KLUGE: 30. April 1945 (Verlag Suhrkamp, 2015)
       
       Noch ein Steinbruch. Ähnlich wie in Walter Kempowskis Echolot ordnet Kluge
       alles in diesem Buch um einen einzigen Tag. Der Krieg und was er
       hinterlässt, bilden ein Universum, das niemand zuvor erahnen, geschweige
       denn erschließen kann.
       
       „Verirrt in einen einzelnen Tag, den ich selbst mit 13 Jahren miterlebt
       habe und den ich zu kennen glaubte, fand ich mich, je mehr ich darüber
       schrieb, in einer ganz unvertrauten Welt.“
       
       🐾 Lesen Sie weiter: Die aktuelle Ausgabe unseres Magazins taz FUTURZWEI
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       19 Aug 2026
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Harald Welzer
       
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