# taz.de -- Angriffskrieg in der Ukraine: Die Russen rüsten um
       
       > Trotz aller jüngsten Mutmaßungen dürfte die Ukraine den brutalen
       > Angriffskrieg Russlands nicht gewinnen können. Putins Regime hat
       > dazugelernt.
       
 (IMG) Bild: Es ist und bleibt hart an der Front für die Ukraine und ihre Soldat*innen wie hier im Bild, auch weil Putins Russland langsam dazu lernt
       
       Noch Ende Juni wähnten der stellvertretende US-Außenminister Jeremy Levin
       und Bundeskanzler Friedrich Merz die [1][Ukraine schon auf der Straße des
       Sieges]. Entsprechende Vermutungen schienen nicht ganz unberechtigt. Die
       russische Bodenoffensive in der Ukraine war gescheitert, Kyjiw hingegen
       hatte Erfolge bei Angriffen mit Drohnen großer und mittlerer Reichweite zu
       verbuchen. Doch so einfach ist es nicht: Die vergangenen drei Monate haben
       zu einer [2][brutalen Eskalation] geführt, die nicht nach einem Sturm vor
       der Ruhe aussieht. Ende Juni hatte der ukrainische Präsident Wolodymyr
       Selenskyj eine 40-tägige Operation angekündigt, um Russland an den
       Verhandlungstisch zu zwingen. Doch auch das ist bislang nicht von Erfolg
       gekrönt.
       
       Laut UN-Daten verzeichnete die Ukraine in diesem Mai mit 274 Toten jeden
       Monat im Vergleich zum Jahresbeginn einen heftigen Anstieg ziviler Opfer.
       Der Juni war mit 293 Toten der blutigste Monat seit April 2022. Im Juli
       waren sogar 437 Getötete zu beklagen. In den Sommermonaten wurden mehrere
       Tausend Zivilisten verletzt. Die Ukraine hat ihre Patriot-Raketenbestände
       ausgeschöpft. Demgegenüber haben die Russen dazu gelernt – und rüsten
       völlig veraltete, ausgemusterte Flugabwehrraketen so um, dass die sogar
       Kyjiw erreichen. Darüber hinaus hat der Aggressor alte Fliegerbomben in
       noch größerem Ausmaß zu gelenkten Munitionstypen mit Gleitmodul
       umfunktioniert. Die russische Luftwaffe wirft diese Bomben zunehmend aus
       sicherer Entfernung ab und muss so nicht mehr verstärkt mit Bodentruppen
       vorrücken. Dennoch bleiben die Verluste für die ukrainische Armee an der
       Front weiterhin hoch.
       
       Hinzu kommt, dass ein wachsender Teil der Ukrainerinnen und Ukrainer den
       Eindruck hat, das Mobilisierungspotenzial des Landes sei erschöpft. Davon
       zeugen Gewaltausbrüche von zunehmend radikal agierenden Zivilisten gegen
       Regierungsvertreter. Der brisanteste Vorfall ereignete sich Anfang Juli in
       der westukrainschen Stadt Lwiw. Zwischen Anwohnern und dem Personal eines
       Rekrutierungszentrums kam es zu handfesten Auseinandersetzungen. Bis zu 200
       Menschen stellten sich dem Militär und der Polizei entgegen. Diese war
       angerückt, um die Menge zu beruhigen. Aber die aufgeregten Menschen
       stürzten einen Militärkleinbus um.
       
       Laut den Angaben eines Kyjiwer Anwalts, der auf die Verteidigung von
       Männern im wehrpflichtigen Alter und von aktiven Militärangehörigen
       spezialisiert ist, hätten die Razzien zur Erfassung von Männern im Sommer
       selbst in der Hauptstadt ein beispielloses Ausmaß angenommen. In den
       östlichen Stadtbezirken seien wahllos alle aufgegriffen worden: Männer mit
       Ausnahmegenehmigungen oder Zurückstellungen von der Wehrpflicht, Menschen
       mit Behinderungen sowie Reserveoffiziere, die älter sind als 50 Jahre.
       
       Darüber hinaus seien Personen nicht wie früher vom Militär, sondern
       mittlerweile häufig auch von Polizeibeamten festgesetzt worden. Die
       Betroffenen seien aber nicht in Rekrutierungszentren, sondern in
       Untersuchungshaft gebracht worden. Dort wurden sie mitunter fünf Tage lang
       festgehalten, nur um ihre Identitäten festzustellen. Das Gesetz sieht
       hierfür lediglich drei Tage vor. In den Hafteinrichtungen wurden die Männer
       untersucht, um ihre Diensttauglichkeit festzustellen. Ein Zeuge berichtete,
       wie Reservisten im Rang eines Polizeimajors als einfache Soldaten an die
       Front gesendet wurden, weil sie keinen Offiziersrang der ukrainischen Armee
       hatten. All das sorgt für zusätzlichen Unmut.
       
       ## Die Ukraine kämpft de facto allein
       
       Dass sich viele Ukrainer dem Dienst in der Armee zu entziehen versuchen,
       ist nachvollziehbar. Und genau darin liegt Kyjiws Dilemma. Denn trotz der
       Unterstützung durch die westlichen Staaten führt das Land bereits seit über
       viereinhalb Jahren einen Kampf auf Leben und Tod gegen das flächenmäßig
       größte Land der Erde – allein und quasi im direkten Duell.
       
       Eine Nachricht, die die Bürgerinnen und Bürger der noch jungen Demokratie
       kürzlich erreichte und zusätzlich für Bestürzung gesorgt haben dürfte,
       schaffte es übrigens nicht in die deutschen Medien: Die derzeit von Kyjiw
       kontrollierten Landesteile der Ukraine zählen inzwischen nur noch 22 bis 25
       Millionen Einwohner. Bis 2025 schätzten die Behörden etwa 29 Millionen.
       Diese Zahlen nannte unlängst der ukrainische Sozialminister Denys Uljutin.
       Demgegenüber leben in Russland und in den von Putin annektieren
       ukrainischen Gebieten, darunter die Krim, über 140 Millionen Menschen –
       circa sechsmal so viele.
       
       Doch auch für den Kreml läuft es allenfalls mäßig. Angesichts der
       [3][zunehmenden Zahl ukrainischer Angriffe auf russische Luftabwehrsysteme,
       militärische Einrichtungen und Ölraffinerien], darunter in Moskau, St.
       Petersburg, Sibirien, wird deutlich, dass Putin den technologischen
       Rüstungswettlauf gegen den Westen allmählich verliert. Putins
       Zustimmungswerte in der Bevölkerung sind gesunken – der Mangel an Benzin
       ist dafür lediglich ein Grund.
       
       Dennoch liegt der Zuspruch für den Staatschef weiterhin noch bei über 60
       Prozent. Zudem berichtete der ukrainische Nachrichtendienst, dass bereits
       im kommenden Herbst [4][erneut nordkoreanische Soldaten] in den russischen
       Grenzregionen stationiert werden sollen, diesmal könnten es Zehntausende
       sein. Sie sollen für direkte Angriffe vorgesehen sein, oder zumindest, um
       die in die Ukraine gesendeten russischen Truppen aufzufüllen.
       
       Unterm Strich bleibt: Selbst schmerzhafte Angriffe der Ukraine auf die
       Infrastruktur und militärische Ziele in Russland werden in absehbarer Zeit
       nicht zu einem Waffenstillstand, geschweige denn zu ernstzunehmenden
       Friedensverhandlungen führen. Tod und Zerstörung gehen weiter. Ein Ende des
       Krieges ist nicht in Sicht.
       
       18 Aug 2026
       
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