# taz.de -- RAF-Gründungsmitglied Astrid Proll: „Mein Leben hat mich entertained“
> Astrid Proll hat die RAF mitgegründet. Jetzt ist sie Ende siebzig und hat
> ihre Biografie geschrieben. Spürt sie Reue, wenn sie an diese Zeit denkt?
(IMG) Bild: Astrid Proll und Andreas Baader in Paris, 1969
taz: Frau Proll, Sie sind 79 Jahre alt und haben Ihre Autobiografie
geschrieben. Warum musste das sein?
Astrid Proll: Ganz einfach: Ich wurde gefragt, von einem Verlag. Ich hatte
erst Angst, dass ich schlecht schlafe, wenn ich mich mit Dingen
beschäftige, die vergraben sind. Aber es ging besser, als ich dachte.
taz: Für Jahre im Untergrund gibt es bekanntlich keine Rentenpunkte und
[1][RAF-Geschichten verkaufen sich gut]. Polemisch gefragt: Sind Sie
einfach alt und brauchten das Geld?
Proll: Was für Geld?
taz: Es gibt doch bestimmt einen Vorschuss für das Buch.
Proll: Das ist ein Witz! Nein, darum geht es nicht. Es stimmt, ich bekomme
nicht viel Rente. Aber ich habe ein bisschen was geerbt von meinem Vater.
Ich komme schon durch. Und die Arbeit an dem Buch hat mir gut getan. Als
Rentnerin hockt man ja viel rum. Das Buch hat mich vitalisiert. Und ich
freue mich, wenn sich nun eine neue Generation dafür interessiert.
taz: Im Untertitel heißt das Buch „Wie ich der RAF entkam“. Das klingt, als
wären Sie selber ein Opfer der RAF gewesen.
Proll: Das hat der Verlag auch gesagt. Aber die wollten, dass RAF im Titel
vorkommt. Die ist bekannter als Astrid Proll. Aber die RAF ist so
kontaminiert mit Mord und Totschlag. Das will ich gar nicht auf mich
stülpen.
taz: Mir geht es um das Wort „entkommen“.
Proll: Ich bin lange der Polizei entkommen. Und bei dieser Flucht bin ich
eben auch der RAF entkommen.
taz: Mit dem Buch treten Sie wieder als „die eine von der RAF“ an die
Öffentlichkeit. Wer sind Sie, wenn Sie sich selbst beschreiben müssen?
Proll: Ich bin eine Frau, die mit sehr jungen Jahren in diesen militanten
Kontext geraten ist. Und diese kurze Zeit hat mein ganzes Leben bestimmt.
Ich habe versucht, ein Berufsleben zu haben, dabei ist mir die
Vergangenheit immer wieder in die Quere gekommen. Aber ich will mich nicht
beschweren: Bei allem Mist, den wir gemacht haben, bin ich letztlich für
mich selbst verantwortlich. Und es hatte auch Vorteile, „die von der RAF“
zu sein. Ich habe spannende Leute kennengelernt.
taz: Sie waren Teil der ersten Generation der RAF und [2][an den schweren
Verbrechen, die die RAF später begangen hat], nicht beteiligt. Würden Sie
sagen, Sie haben Glück gehabt, dass Sie so früh verhaftet wurden?
Proll: Was ist das für eine blöde Frage?
taz: Dafür bin ich zuständig.
Proll: Das ist, als würdest du fragen: Hättest du jemanden umgebracht, wenn
du in die Situation gekommen wärst? Ich gehe lieber von dem aus, was war.
Du sitzt eben nicht einer Person gegenüber, die drei Leute umgebracht hat.
Sei froh!
taz: Sie können froh sein!
Proll: Ja, ich weiß, ich weiß.
taz: Lassen Sie uns vorne anfangen. Sie wurden 1947 in einen bürgerlichen
Haushalt geboren. Ihre Eltern haben sich früh getrennt, Sie kamen dann zu
Nonnen ins Internat. „Das erste Gefängnis meines Lebens“, schreiben Sie.
Proll: Das Internat war in einem Kloster hinter dicken Mauern. Es gab
strenge Regeln. Wir haben im Schlafsaal geschlafen, mussten dauernd beten.
taz: Im Internat haben Sie sich zum ersten Mal verliebt, in Sylvia. Sie
haben sich nachts heimlich besucht.
Proll: Das hat mich erst mal ratlos gemacht: Es gab damals keine schwulen
Schauspieler und keine lesbische Chefredakteurin. Ich fühlte mich, als wenn
ich damit alleine auf der Welt wäre.
taz: Hat es eine Rolle gespielt für Ihren Weg in die RAF, dass Sie lesbisch
sind?
Proll: Ich glaube schon. Ich war eine Außenseiterin. Und damit war ich
interessant für [3][Andreas Baader] und Gudrun Ensslin. Die waren ja ein
ganz normales weißes Heteropaar, auch wenn man das damals nicht so genannt
hat. Ich konnte gut Auto fahren, ich war burschikos, ich war anders.
taz: Der Umgangston in der RAF war rau. Es war normal, sich gegenseitig als
„Fotze“ zu bezeichnen.
Proll: Ja, das war nicht toll, aber das ist uns gar nicht aufgefallen. Es
sollte wohl proletarisch klingen. Auch diese furchtbaren Decknamen, die wir
uns gegeben haben! Ich hieß Rosi oder Peggy. Das waren damals so Namen von
Prostituierten.
taz: Wenn man sich diese Kerngruppe vom Anfang der RAF anschaut, sind da
drei bürgerliche Frauen, Ensslin, Meinhof, Sie. Und Baader, der Prolet.
Proll: Baader? Der ist doch nur mit Frauen aufgewachsen, ein verwöhnter
Junge aus dem Mittelstand, der war kein Proletarier. Aber woher sollten die
Proletarier auch kommen? Niemand in der Studentenbewegung war Proletarier.
Im Gegenteil, wir sind hinter denen hergelaufen.
taz: Ihr Bruder Thorwald ist sechs Jahre älter als Sie, über ihn sind Sie
in die RAF gekommen. Sie haben ihn besucht in seinem „Berliner Sumpfleben“.
Proll: Ich wusste damals nicht, wo ich hingehöre. Nach der Scheidung meiner
Eltern war mein Bruder meine wichtigste Stütze. Ich habe dann seine Freunde
kennengelernt, auch Baader, nachts in der Kneipe. Ich hatte noch nie
jemanden getroffen, der so überzeugend war wie er.
taz: Was war so überzeugend an Baader?
Proll: Die meisten Leute, die ich in Berlin kennenlernte, waren immer
bekifft. Aber er und Ensslin, die wollten was!
taz: Was denn?
Proll: Baader wollte jede Mauer einreißen! Und Ensslin hatte schon einen
kleinen Verlag. Ich wusste damals nicht mal, was ein Journalist ist.
taz: Ihr Bruder hat mit Ensslin und Baader einen [4][Brand in einem
Kaufhaus in Frankfurter am Main gelegt, um gegen den Vietnamkrieg zu
protestieren]. Sie halfen den Dreien nach der Entlassung aus der U-Haft bei
der Flucht nach Paris. War das eine politische Entscheidung? Oder wollten
Sie einfach Ihrem Bruder helfen?
Proll: Was heißt politisch? Ich war ja nicht bei den Falken oder so. Man
lebte in dieser Zeit. Ich weiß noch, wie mal Helme besorgt werden sollten,
für eine Demo am 1. Mai. Und ich hatte immer ein Auto. Da bin ich dann eben
nach Ostberlin gefahren und habe Helme besorgt.
taz: Man stolpert so rein.
Proll: Das hört sich so negativ an! Wie alt sind Sie jetzt? 30, 40?
taz: 38.
Proll: Ich war Anfang 20. Wir waren Nachkriegskinder. Wir waren nicht
besser oder schlechter als junge Menschen heute. Aber wir haben uns anders
eingelassen. Wir waren mutig und hätten alles gemacht. Was wir aber nicht
begriffen haben: Dass wir uns auf etwas einlassen, das nicht mehr aufhört
und mit dem Tod enden kann.
taz: In Paris entschieden Ensslin und Baader, dass Ihr Bruder nicht gemacht
sei für den Untergrund, sie haben ihn aus der Gruppe geschmissen. Das muss
ihn sehr verletzt haben.
Proll: Ja, das habe ich erst später erfahren.
taz: Haben Sie sich mit ihm ausgesprochen?
Proll: Mein Bruder existiert seit Jahren nicht mehr in meinem Leben. Das
ist nicht gut. Aber das will ich jetzt nicht in der taz klären. Und es
hatte auch pragmatische Gründe, dass Baader und Ensslin mich, anders als
ihn, brauchten.
taz: Welche?
Proll: Ich konnte Auto fahren. Ich habe die beiden von Paris quer durch
Italien gefahren. Und letztlich hat meinen Bruder das auch gerettet vor
diesem RAF-Wahnsinn.
taz: Baader wurde 1970 bei einer Verkehrskontrolle verhaftet. Seine
Befreiung gilt als Gründung der RAF. Es heißt immer, Sie hätten den
Fluchtwagen gefahren, einen Sportwagen von Alfa Romeo. Bestätigt wurde das
nie. Im Buch schreiben Sie nur: So ein Sportwagen eignet sich eigentlich
nicht als Fluchtwagen. Warum machen Sie jetzt noch so ein Geheimnis daraus?
Proll: Geheimnisse sind doch schön! Sonst kann ich kein weiteres Buch
schreiben.
taz: Aber eine Autobiografie könnte man ja nutzen, um offene Fragen zu
klären.
Proll: Sie sind doch ein intelligenter Typ: Es gibt die Medien – aber es
gibt auch die Justiz. Und die behandelt diese Fragen anders.
taz: Bei der Baader-Befreiung wurden der Justizbeamte Günter Wetter und der
Institutsmitarbeiter Georg Linke schwer verletzt. Fühlen Sie da eine
Verantwortung?
Proll: Das würde ja voraussetzen, dass ich dabei war. Grundsätzlich kann
ich aber sagen: So unschuldig bin ich nicht, wie ich jetzt hier sitze. Wir
haben schließlich auch Banküberfälle gemacht. Aber dafür habe ich auch
gebüßt.
taz: Ich habe nach Verantwortung gefragt.
Proll: Das ist doch so lange her! Wir reden von Anfang der 70er Jahre.
taz: Sie schreiben ein Buch darüber.
Proll: Ich habe so viel gekämpft, damit ich hier heute sitze. Ich könnte
längst tot sein. Aber ja, ich habe kein Problem anzuerkennen, dass Leute zu
Schaden gekommen sind. Ich habe eben nicht so ein harmloses Leben gelebt.
taz: Sie schreiben: „Selbstkritik ist keine Kritik mehr, wenn man dazu
aufgefordert werden muss.“ Warum hatten Sie nie das Bedürfnis, sich zu
entschuldigen?
Proll: Ich finde, man soll Leute nicht nach ihrem Gerede bewerten, sondern
nach dem, was sie tun. Ich bin dann später nie mehr straffällig gewesen.
taz: Sie sind nach der Baader-Befreiung mit der RAF nach Jordanien, um dort
von den Palästinensern den Umgang mit Waffen zu lernen. Der Chef der
Einheit, Ali Hassan Salameh, war zwei Jahre später für das Olympia-Attentat
verantwortlich, bei dem elf israelische Sportler starben.
Proll: Der rote Prinz, so wurde er genannt. Ja, wir wurden an Kalaschnikows
ausgebildet. Das waren furchtbare Waffen. Wir wollten lieber Pistolen
haben.
taz: Sie schreiben, dass in der [5][RAF über vieles diskutiert wurde, aber
nicht übers Töten und getötet werden]. Spätestens in Jordanien muss Ihnen
doch klar gewesen sein, dass es darum geht, das Töten zu lernen.
Proll: Ja, so kann man das heute sehen. Wir haben das damals als
Selbstverteidigung gesehen. So haben wir uns das zurechtgelegt. Die ersten
Toten der RAF, das kam ja später, da war ich schon raus. Wir waren sehr von
den Black Panthers geprägt, die haben sich auch bewaffnet. Wir wollten
unseren Genossen zeigen: Wir sind eine Gruppe, die sich bewaffnet. Ihr
könnt reden und demonstrieren. Aber wir sind entschlossener als ihr.
taz: Ulrike Meinhof hat später im Gefängnis über das Olympia-Attentat
geschrieben. In Ihrem Buch nennen Sie es [6][„hellsichtig“, dass sie schon
damals das „Tabu“ von Israel als „Apartheidstaat“ benannte]. Aber Meinhof
schreibt in dem Brief auch, Israel habe „seine Sportler verheizt wie die
Nazis die Juden“.
Proll: Ja. Das war typisch für diese Zeit. Aber ich, Astrid Proll, bin
nicht dafür da, Ulrike Meinhof heute dafür zu kritisieren. Das können
andere machen.
taz: Warum ist es so schwer zu sagen: Diese Aussage ist problematisch?
Proll: Ulrike war mir sehr nah. Wenn es mir um jemanden leid tut, dann ist
es sie. Da will ich nicht nachtreten. Leute wie ich, die überlebt haben,
haben auch mit Schuldgefühlen zu tun.
taz: Ein knappes Jahr nach der Befreiung von Baader wurden Sie
festgenommen.
Proll: So ist es. Ich war ein Jahr aktiv in der RAF. Nicht dass die Leute
jetzt denken: Nur ein Jahr! Warum schreibt die ein Buch?
taz: Sie waren von 1971 bis 1974 im Gefängnis, als erstes Mitglied der RAF
sechs Monate in Isolationshaft, im toten Trakt in der JVA Köln-Ossendorf.
Das hat Sie krank gemacht.
Proll: Dort herrschte absolute Stille. Es war so, wie Ulrike Meinhof es
später einmal gesagt hat: Was soll eine isolierte Gefangene tun, wenn sie
ihre Meinung geändert hat? Sie kann nur die Seiten wechseln und aussagen –
oder sich umbringen. Ich wollte beides nicht. Und dann hatte ich einfach
wahnsinniges Glück. Und gute Anwälte.
taz: Was war Ihr Glück?
Proll: Ich war kurz davor, mich umzubringen. Aber es gab einen Pfleger im
Gefängnis, mit dem konnte ich sprechen. Ich habe angefangen, zuerst auf
mich zu schauen und dann auf die Gruppe.
taz: Als die anderen aus der RAF auch im Gefängnis saßen, hat Baader Ihnen
Briefe geschrieben und Druck gemacht, dass Sie sich am Hungerstreik
beteiligen.
Proll: Mir hat geholfen, dass im September 73 mein Prozess begann. Da
konnten die nicht sagen: Astrid, da gehst du nicht hin, du musst jetzt hier
mit uns hungern. Ich kam aus dem Loch an die Öffentlichkeit. Deshalb haben
sie mich dann in Ruhe gelassen.
taz: Der Prozess hat Sie von den Ansprüchen der RAF gerettet?
Proll: Ich war am Arsch! Ich war kaputt. Ich war der Beweis, dass
Isolationshaft die Leute fertigmacht. Dann wurde ich völlig überraschend
während des Prozesses ins Krankenhaus entlassen. Die wollten, dass der
Prozess durchgezogen werden kann. Die wollten nicht, dass die Leute im
Knast reihenweise umfallen.
taz: Als Sie vom Gefängnis ins Krankenhaus verlegt wurden, halfen Ihre
Genossen Ihnen, zu fliehen.
Proll: Die haben gesagt, ich muss abhauen. Im Nachhinein war es das Beste,
was mir passieren konnte. Das hat mir zehn Jahre Knast gespart. Wäre ich
nicht untergetaucht, hätten die mich zu 15 Jahren verurteilt. Bei meinem
späteren Prozess war das politische Klima ein anderes. Und ich hatte tolle
Jahre in London.
taz: Sie haben in London als Mechanikerin in einer Autowerkstatt
gearbeitet. Vom Tod von Meinhof, Baader und Ensslin haben Sie aus den
Nachrichten erfahren.
Proll: Das Positive an meiner Biografie ist für mich, dass ich lebend aus
der RAF herausgekommen bin, aus eigener Kraft. Das habe ich geschafft, weil
ich in London untergetaucht bin.
taz: Sie wurden 1978, nach viereinhalb Jahren, doch noch erkannt, verhaftet
und nach Deutschland ausgeliefert.
Proll: Der Staatsanwalt kam zu mir, so ein sonnengebräunter Frankfurter
Tennisspieler. Er wollte mit mir dealen. Die Anklage wegen versuchten
Mordes wurde fallengelassen. Ich glaube, das Gericht war auch überrascht.
taz: Der damalige Innenminister Gerhart Baum von der FDP hatte sich für Sie
eingesetzt.
Proll: Das rechne ich ihm hoch an! Er hat Zeugenaussagen aus dem
Verfassungsschutz freigegeben. Die durften dann aussagen, dass ich nicht
geschossen habe.
taz: Sie wurden wegen Banküberfalls verurteilt, waren aber nach der
Verkündung des Urteils frei, weil Ihre Zeit in der Untersuchungshaft
angerechnet wurde. Haben Sie unterschätzt, wie liberal die Bundesrepublik
geworden war?
Proll: Liberal? Na ja. Ich bin jahrelang damit rumgelaufen, dass die
Staatsanwaltschaft behauptete, ich sei an einem doppelten Mordversuch
beteiligt gewesen. Ich hatte einfach Glück, dass Gerhart Baum gerade
Innenminister geworden war. Ich habe ihn später öfter getroffen, er war
immer interessiert. Das hat mich sehr versöhnt.
taz: Nach dem Urteil 1979 begann für Sie das Leben in Freiheit.
Gleichzeitig stand die dritte Generation RAF in den Startlöchern.
Proll: Die interessiert mich nicht.
taz: Sie schreiben: „Man hätte die wegen Copyrightverletzung anklagen
sollen.“
Proll: Ich rede eigentlich nicht mehr über die RAF.
taz: Jetzt schon.
Proll: Ja, wegen meiner Biografie! Da ist das wohl unvermeidbar.
taz: Sie haben die RAF mitgegründet. Auch wenn Sie nicht an Morden
beteiligt waren, haben Sie doch eine Verantwortung für das, was später im
Namen der RAF passierte.
Proll: Für mich und alle in meinem Umfeld war die RAF mit Stammheim vorbei.
Aber wenn später wieder ein Mord passiert ist, kamen trotzdem immer Leute
auf mich zu und sagten: Was habt ihr da schon wieder gemacht? Mit
zeitlichem Abstand verschmelzen die vielen Jahre und unterschiedlichen
Generationen und Intentionen immer mehr zu einer „RAF-Epoche“.
Differenzierungen gehen verloren.
taz: Viele Morde der RAF sind bis heute nicht aufgeklärt. [7][Angehörige
von Opfern fordern, dass die ehemaligen Mitglieder zur Aufklärung
beitragen]. Können Sie das verstehen?
Proll: Natürlich! Ich bin bereit, mit allen Leuten, die das wollen, zu
reden. Auch wenn es um Taten geht, mit denen ich nichts zu tun hatte. Ich
habe mich mit Michael Buback getroffen, der hat mich gefragt, ob ich ihm
helfen kann, den Mord an seinem Vater aufzuklären. Aber ich habe gesagt:
Ich weiß gar nichts.
taz: Wer etwas sagen könnte, ist Daniela Klette. Aber sie hat sich dazu
entschieden, vor Gericht nichts zur Aufklärung beizutragen.
Proll: Ich halte das alles für eine Katastrophe, auch für die historische
Betrachtung der RAF. Weil alles so emotional bleibt, wenn es kein Ende
gibt.
taz: Sie wurden beim Prozess gegen Klette selbst vorgeladen.
Proll: Nach 40 Jahren! Die Staatsanwaltschaft in Verden hat alle
vorgeladen, die sie kriegen konnte.
taz: Was wurden Sie gefragt?
Proll: Ob ich Klette aus Kreuzberg kenne, ich wohne ja nicht weit weg.
taz: Und?
Proll: So ein Quatsch! Das Interessante an Frau Klette ist für mich, dass
sie 20 Jahre in Berlin rumgelaufen ist, ohne dass sie jemand entdeckt hat.
Das ist doch eine Leistung! Ich finde das phänomenal. Aber ich will jetzt
mal die taz angreifen. Wieso druckt ihr diesen Quatsch von Burkhard Garweg,
habt ihr sie nicht mehr alle?
taz: [8][Er hat einen Brief aus dem Untergrund geschickt], das fanden wir
interessant.
Proll: Ach, dieser Professorensohn! Da kenne ich einige. Aber gut, es gibt
bestimmt Leute, die so was lesen wollen.
taz: Bald ist Wahl in Sachsen-Anhalt. Viele haben Angst vor einem neuen
Faschismus, das war damals auch ein Motiv der RAF. Der Musiker Danger Dan
singt [9][über die Notwendigkeit von Militanz] …
Proll: … das ist der mit dem Levit, oder? Das ist doch noch so ein
Bürgersöhnchen.
taz: Es gibt wieder Antifas, die im Gefängnis sitzen, weil sie glauben,
dass Militanz notwendig ist.
Proll: Ich glaube nicht, dass es wieder so etwas wie eine RAF geben wird,
weil es diese Art von Menschen nicht mehr gibt. Es wird aber immer eine Art
von Widerstand geben.
taz: [10][Wird es Gewalt als Mittel der Politik immer geben?]
Proll: Ich bin doch keine Prophetin für linke Militanz! Mich interessieren
andere Sachen: die Hitze, der Wassermangel und natürlich die AfD an einer
Regierung. Und das wird kommen, da bin ich sicher.
taz: Sie wissen, wie sich Haft anfühlt. Empfinden Sie Solidarität, wenn Sie
von [11][Maja T.] oder [12][Lina E.] hören?
Proll: Nein, ich verfolge das nicht. Aber ich finde schon, dass zum Teil
sehr hart mit ihnen umgegangen wird. Auch mit den Klimaaktivisten: Das sind
junge nette Leute, die hängen sich einmal an eine Autobahnbrücke – und der
Staat macht sie fertig.
taz: Sie leben seit Anfang der 80er ein weitgehend normales Leben, waren
Bildredakteurin und Fotografin.
Proll: Wer führt schon ein normales Leben? Es gibt immer Ups und Downs.
Dafür, was ich in meiner Jugend veranstaltet habe, führe ich heute ein
relativ normales Leben.
taz: Denken Sie darüber nach, wie Ihr Leben verlaufen wäre, wenn Sie nicht
Baader und Ensslin kennengelernt hätten?
Proll: Nein. Ich denke mir nicht aus, was hätte sein können. So bin ich
durchgekommen. Immer weitermachen. Außerdem hat mein Leben mich sehr gut
entertained.
31 Aug 2026
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