# taz.de -- großraumdisco: Unter Bürgern – ein Abend im Park
       
       > Jedes Jahr im Sommer veranstaltet die Bremer Shakespeare Company
       > Freilufttheater im Park. Das ist schön und macht sonderbar sehnsüchtig
       
       Man hat in letzter Zeit nur noch wenig Spott über die Bürgerlichen gehört.
       Im Gegenteil, seit die Satten und die Spießigen – die Mitmacher:innen
       dieser Gesellschaft – zur bedrohten Art sich entwickelten, ist man
       versöhnlicher gestimmt. Manchmal denkt man heute fast sehnsüchtig an die
       bürgerlichen Marotten von einst.
       
       In Bremen gehören dazu die Sommerabende im Bürgerpark (sic!), die seit 30
       Jahren von der [1][Shakespeare Company] ausgerichtet und bespielt werden.
       Da steht die Theaterbühne dann draußen inmitten der Gartenkunst des 19.
       Jahrhunderts an einem friedlichen Gewässer: Baumgrüppchen hier,
       historistische Statuen dort, verschlungene Pfade überall. Leute sitzen auf
       Klappstühlen mit oder ohne Sitzkissen, lassen die Fahrradhelme an der Lehne
       baumeln und schauen sich etwas aus dem umfangreichen Repertoire der Company
       an.
       
       Diesmal ist es „Orlando“, das zwar nicht von Shakespeare stammt, sondern
       von Virginia Woolf, sich aber trotzdem gut einfügt ins Programm und in den
       Park mit seinem gemäßigten Prunk zurechtgestutzter Natur und
       aristokratischer Anwandlungen.
       
       Die Staffage auf der Bühne ist minimalistisch, aber der Gesamteindruck hat
       etwas wirklich Monumentales. Wenn Orlando im Stück etwa zurück zu seinem
       Landhaus eilt (weil die Königin zu Besuch ist), dann lässt man im Publikum
       unweigerlich den Blick schweifen: vorbei an der Bühne, weit über die große
       Wiese mit einer Kuh hinweg bis zur alten Meierei am Ende, einem gediegenen
       Ausflugslokal zwischen den Bäumen, das einem jetzt zur Dämmerung bereits
       heimelig erleuchtet entgegenfunkelt.
       
       Angesichts der Weltlage könnte man sich gewöhnen an solche Ausflüge ins
       Elisabethanische Zeitalter, die Belle Époque oder wo auch immer man dieses
       Nicht-hier-und-nicht-jetzt nun kulturgeschichtlich verorten mag.
       
       Und die Gäste machen das auch offensichtlich nicht zum ersten Mal. Dass es
       „diesmal“ und „komischerweise“ nicht regne, ist der Running Gag am
       Würstchengrill. Manche haben aus begründeter Angst vor den Stühlen eigene
       Kissen mitgebracht – und üppige Fresspakete mit Popcorn, Nüsschen und
       irgendwas Dipartigem. Manche fotografieren sogar zwischendurch die
       Aufführung mit dem Handy, was im Theater ja immer noch ein echter Affront
       ist. Volkstheater nennt man das wohl: eine Bezeichnung, die von der
       Shakespeare Company auch mit Stolz geführt wird.
       
       Obwohl man einander im Publikum kennt und es auf dem Weg zum Platz diverse
       Hände zu schütteln gibt, hat sich doch eine beachtliche Bandbreite an
       Menschen versammelt: Grüppchen studierender Twentysomethings sitzen
       zwischen längst ergrauten Alten und vereinzelten Familien. Dazu kommen noch
       die Jogger:innen und Spaziergänger:innen, die einfach mal stehen
       bleiben und das bewusst kaum abgeschirmte Spektakel auch ohne Ticket
       bestaunen.
       
       Dass die ganze Angelegenheit hier etwas Eskapistisches hat, lässt sich
       nicht abstreiten – viel gesagt ist damit aber noch nicht. Regenbogen- und
       „FCK AfD“-Buttons gibt es hier sogar mehr als Holzperlenketten zu sehen.
       Und auch der Stoff ist ja hochpolitisch und aktuell.
       
       Vielleicht erinnern Sie sich an Orlando, der mitten im Text zur Frau wird
       und mit dem Wissen um die gesellschaftlichen Unzumutbarkeiten für alle
       Geschlechter irgendwo zwischen ihnen landet. Virginia Woolf hat mit
       „Orlando“ einen (wahrscheinlich den) [2][großen Klassiker queerer
       Literatur] geschrieben – vor fast genau 100 Jahren.
       
       Hier im Bürgerpark ist das kein identitätspolitischer Fingerzeig, sondern
       ein lustiger Abend: etwas zotig zwischendurch und auf sonderbare Weise
       harmlos. Wenn der nun weiblichen Orlando laut Erzählstimme ein derber
       Männerspruch entfährt, dann sagt sie: „Heiliger Bimbam!“ Und wenn sie in
       Ohnmacht fällt, dann sieht das aus wie im Cartoon.
       
       Die Witze funktionieren, weil man sich hier einig ist: über die
       Selbstverständlichkeit queerer Lebensentwürfe und den Wert der
       Gleichberechtigung. Und weil man die Erfahrung teilt, dass Ideale nicht nur
       vom politischen Gegner unter Beschuss stehen, sondern mitunter auch von der
       eigenen Lust, Gewohnheit und Bequemlichkeit. So ist das unter Bürger:innen.
       
       Jan-Paul Koopmann
       
       29 Aug 2026
       
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