# taz.de -- Macron handelt, Merz laviert: Tote brauchen keine Klimapolitik
       
       > Die Wälder brennen, die Leute sterben und die Bundesregierung bremst die
       > Energiewende aus. Warum läuft es in Frankreich mit der Politisierung der
       > Klimakrise besser, fragt sich Udo Knapp.
       
 (IMG) Bild: Ultima Ratio: Das Löschflugzeug über dem brennenden Wald
       
       [1][taz FUTURZWEI] | „Wir haben uns in die Tiefenzeit der Erde begeben, die
       fossile Biomasse heraufgeholt, gelernt sie zu verbrennen, um die Welt nach
       unseren Vorstellungen zu gestalten, sie zu kontrollieren. Dazu gehörte
       auch, die lästigen Feuer zu beseitigen“, erklärt Stephen J. Pyne,
       amerikanischer Umwelthistoriker und emeritierter Professor der Arizona
       State University in seinem gerade erschienenen Buch „Undying fire, a fire
       history of Europe“.
       
       In der FAZ hieß es vergangene Woche: „Wir nehmen etwas aus einer anderen
       Zeit, hantieren in der Gegenwart damit, sind dann überrascht, wenn
       unvorhergesehene Dinge passieren.“
       
       ## Aufklärung, Rationalisierung, Pyrozän
       
       Über Jahrtausende haben die Menschen die [2][Urwälder] verbrannt, das
       Herzstück des Existierens allen Lebens auf der Erde, haben sie durch
       Kiefern- und andere schnell wachsende, leicht brennbare Nutzholz-Wälder
       ersetzt. Diese sind, neben den aus der Erde gegrabenen Rohstoffen, die
       Schmiermittel des Industriezeitalters und seiner Massenproduktion geworden.
       Aber diese „dunkle Wirkung der Dialektik der Aufklärung, diese Überformung
       der Natur durch die Zivilisation, deren radikaler Rationalismus führt zu
       den unkontrollierbarsten Katastrophen von heute“, heißt es in der FAZ
       weiter.
       
       Die lästigen Feuer sind zurück. Vom [3][Klimawandel] angefacht, brennen die
       Wälder, schieben sich die Feuerwände durch die leer geräumten Landschaften
       bis dicht an die weit ins Land hineingewucherten Vorstädte und Stadtwelten
       heran. Diese Erzählung ist keine apokalyptisch aufgeladene Erfindung
       ökologischer Fundis. Sie beschreibt die Wirklichkeit des Lebens der
       Menschen heute.
       
       „Wir sind dabei das Äquivalenz einer Eiszeit zu schaffen, nur mit Feuer.
       Wir leben im Pyrozän“ (Stephen J. Pyne).
       
       ## Klimapolitik ist out
       
       Eine Klimapolitik, die diese Zuspitzung der menschengemachten Klimakrise
       aufhalten könnte, wird weder aus der Gesellschaft heraus, noch aus der
       Politik ernsthaft vorangebracht. Im Gegenteil: Klimapolitik ist out. Statt
       langfristig ausgelegtem, ökologischem Umsteuern betreiben alle Parteien
       eine Politik der Anpassung aller Lebensumstände an das aufgeheizte Klima -
       vornehmlich mit Beschwichtigungen.
       
       Erkennbar wird das am Gerede über eine flächendeckende Ausstattung des
       gesamten gesellschaftlichen Lebens mit Klimaanlagen.
       
       Sogar [4][die Grünen] rufen nach Staatsprogrammen für diese Anlagen. Die
       wären für Schulen, Krankenhäuser, Pflegeheime sicher eine Entlastung. Über
       die gesamte Gesellschaft hinweg, ist eine Rundumversorgung mit Klimaanlagen
       nicht umsetzbar, selbst wenn ihr Einbau öffentlich subventioniert werden
       würde - zu teuer und für die Allgemeinheit zu aufwendig. Mit
       [5][Solarenergie] betriebene [6][Wärmepumpen] und [7][Klimaanlagen] wird es
       bis auf weiteres nur für die Besserverdienenden geben. Und auch keinen
       flächendeckenden Einsatz der Wärmepumpen.
       
       Im heißen Sommeralltag muss jeder selbst sehen, wie er damit zurechtkommt.
       Wenn nicht, stirbt er halt.
       
       Eine Zunahme der Hitzetoten, Schäden an der öffentlichen Infrastruktur,
       Ausfälle und Krisen in der Wirtschaft wegen Hitze werden hingenommen.
       Wärmewende, Verkehrswende, Ausbau der Wind- und anderer regenerativer
       Energiequellen werden ausgebremst, die Reduzierungsziele für den
       Co2-Ausstoß werden zurückgefahren, das Verbrenneraus wird aufgeweicht.
       
       Die Klimabewegungen haben keinen wirkmächtigen Zugang mehr in eine breitere
       politische Öffentlichkeit, auch [8][Fridays for Future] nicht. Eine
       außerparlamentarische Ökobewegung, die mit zivilem Ungehorsam für ihre
       Ziele eintritt, gibt es auch nicht mehr.
       
       Die Grünen sind keine Ökopartei, was unter den machtpolitischen
       Rahmenbedingungen nachvollziehbar ist. Sie sind, Stand heute, eine
       stinknormale, kleine Volkspartei im linksliberalen Milieu. Sie arbeiten
       ohne viel Spirit und Fantasie mit an der digitalen und
       [9][KI]-Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft. Gebraucht werden
       sie, wenn es gut läuft, dazu, einen Durchmarsch der [10][AfD] zu absoluten
       Mehrheiten oder zu Koalitionen mit der [11][CDU] aufzuhalten. Den Grünen
       fehlen auch eine oder mehrere charismatische Führungspersönlichkeiten, die
       den ökologischen Umbau der Gesellschaft mehrheitsfähig machen könnten.
       
       ## Macron, der grüne Präsident?
       
       In [12][Frankreich] könnte das anders sein. Hier haben die in den letzten
       Wochen besonders gebeutelten Bürger im Südwesten des Landes in einer
       beispiellosen Solidaritätskampagne den Kampf gegen das Feuer in ihre
       eigenen Hände genommen.
       
       Bei offiziell bereits 6.000 Hitzetoten in diesem Jahr „wollen viele von
       ihnen nicht zusehen, wie ihre Heimat im Flammeninferno untergeht“, schreibt
       Michaela Wiegel, Frankreich-Korrespondentin der FAZ. Die Rechtspopulisten
       unter [13][Marine Le Pen] lehnen Umweltauflagen jeder Art ab, behindern den
       Ausbau der regenerativen Energien und vor allem der [14][Windenergie] und
       verlangen den Einbau von Klimaanlagen in Schulen, Krankenhäusern und
       Altenheimen.
       
       Sie versprechen sogar das Airconditioning in Privathaushalten zu
       subventionieren, die Linkspopulisten unter [15][Jean-Luc Melenchon] folgen
       dieser Linie. Sie verlangen mehr und größere Löschflugzeuge. [16][Präsident
       Macron] hat dagegen – sogar mit Zustimmung der Vertreter der
       [17][Gelbwesten] – ein Klimaschutzgesetz mit Flugverboten, einer
       Niedrig-Kohlenstoffstrategie und einem festgelegten Ausstiegskorridor aus
       der Kohleverstromung verabschiedet.
       
       Pathetisch gefragt: Haben viele Franzosen und ihr Präsident in der Hitze
       der außer Kontrolle geratenen Feuer verstanden, dass es hohe Zeit ist, in
       ein Miteinander von Zivilisation und Natur einzusteigen? Abwarten.
       
       Aber mit einer rationalen und aufgeklärten Ökopolitik scheint es sogar
       möglich zu sein die rechten und linken Populisten zu isolieren. Sehr
       schade, dass es vergleichbare Ansätze in unserer Republik nicht zu geben
       scheint.
       
       🐾 Lesen Sie weiter: Die aktuelle Ausgabe unseres Magazins taz FUTURZWEI
       N°37 mit dem Titelthema „Nachspielzeit“ gibt es jetzt im [18][taz Shop].
       
       10 Aug 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /taz-FUTURZWEI/!v=8ce19a8c-38e5-4a30-920c-8176f4c036c0/
 (DIR) [2] /Urwald/!t5026917
 (DIR) [3] /Schwerpunkt-Klimawandel/!t5008262
 (DIR) [4] /Buendnis-90/Die-Gruenen/!t5015715
 (DIR) [5] /Solarenergie/!t5008391
 (DIR) [6] /Waermepumpe/!t5993030
 (DIR) [7] /Teuer-unoekologisch-und-krankmachend/!6198979
 (DIR) [8] /Schwerpunkt-Fridays-For-Future/!t5571786
 (DIR) [9] /Schwerpunkt-Kuenstliche-Intelligenz/!t5924174
 (DIR) [10] /Schwerpunkt-AfD/!t5495296
 (DIR) [11] /CDU/!t5008617
 (DIR) [12] /Schwerpunkt-Frankreich/!t5008088
 (DIR) [13] /Marine-Le-Pen/!t5009505
 (DIR) [14] /Windkraft/!t5010089
 (DIR) [15] /Jean-Luc-Melenchon/!t5364430
 (DIR) [16] /Emmanuel-Macron/!t5019742
 (DIR) [17] /Gelbwesten/!t5552947
 (DIR) [18] https://shop.taz.de/product_info.php?products_id=245742
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Udo Knapp
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA