# taz.de -- Studie zu Antisemitismus in Deutschland: „Es ist mehr als ein ungutes Gefühl“
       
       > Tal Josef Tamir hat untersucht, wie sich Antisemitismus auf die
       > Betroffenen auswirkt. Diese seelische Belastung müsse ernster genommen
       > werden, sagt er
       
 (IMG) Bild: Das Tragen sichtbarer jüdischer Zeichen, wie einer Kippa, kann angreifbarer machen, sagt Tal Josef Tamir
       
       taz: Herr Tamir, was hat Sie dazu gebracht, die psychischen Auswirkungen
       von Antisemitismus auf jüdische Studierende [1][zu untersuchen]? 
       
       Tal Josef Tamir: Das Thema hat sich fast aus der Not ergeben. Ich habe
       festgestellt, dass es zu diesem Thema viel weniger Forschung gibt, als ich
       erwartet hatte. Es gab zwar viele Diskussionen über [2][Antisemitismus],
       aber kaum Untersuchungen dazu, was er psychisch mit den Betroffenen macht.
       Ich hatte auch das Gefühl, viele Menschen in der jüdischen Community sind
       gerade sehr belastet, und wollte die Frage beantworten, ob das nur eine
       persönliche Wahrnehmung ist oder sich wissenschaftlich zeigen lässt?
       
       taz: Warum haben Sie sich für einen quantitativen Forschungsansatz
       entschieden? 
       
       Josef Tamir: In der psychologischen Forschung gibt es manchmal Ergebnisse,
       bei denen man nur bestätigt, was man ohnehin schon erwartet hat. Wir
       wollten deshalb überprüfen, ob die Annahme, [3][dass Antisemitismus die
       psychische Gesundheit beeinträchtigt], tatsächlich messbar ist. Wir wollten
       eine gewisse Distanz schaffen und nicht nur aus einer persönlichen
       Perspektive argumentieren.
       
       taz: Was hat dieser Ansatz sichtbar gemacht? 
       
       Josef Tamir: Die Betroffenen haben nicht einfach eine schlechte Stimmung
       oder ein ungutes Gefühl. [4][Depression, Angst und chronischer Stress] sind
       klinisch relevante Zustände, die auch körperliche Folgen haben können. Wenn
       Menschen dauerhaft das Gefühl haben, angegriffen oder abgelehnt zu werden,
       hat das Auswirkungen auf ihre Gesundheit. Antisemitismus ist eine Frage der
       öffentlichen Gesundheit.
       
       taz: Warum ist das so wichtig zu verstehen? 
       
       Josef Tamir: Antisemitismus wird oft als politische oder gesellschaftliche
       Frage diskutiert, aber hinter dieser Diskussion stehen Menschen, die
       gestresster, ängstlicher oder depressiver sein können. Wir fragen in
       unserer Studie nicht: Was ist Antisemitismus? Wir schauen auf die
       Perspektive der Betroffenen. Das ist ein Ansatz, den man auch aus der
       Minority-Stress-Forschung kennt.
       
       taz: Was genau bedeutet Minority Stress? 
       
       Josef Tamir: Minority Stress beschreibt chronischen Stress, der durch die
       Zugehörigkeit zu einer marginalisierten Gruppe entsteht. Nicht die
       Identität selbst verursacht Stress, sondern die gesellschaftlichen
       Bedingungen, unter denen Menschen leben. Für jüdische Menschen bedeutet
       Antisemitismus einen zusätzlichen Stressfaktor.
       
       taz: Ein Ergebnis Ihrer Studie war, dass jüdische Identität selbst nicht
       nur belastend ist. Warum ist das wichtig? 
       
       Josef Tamir: Ich hatte erwartet, dass das Selbstwertgefühl jüdischer
       Studierender niedriger sein würde. Das war aber nicht der Fall. Selbstwert
       entwickelt sich über viele Jahre und ist relativ stabil. Das zeigt, dass
       jüdische Identität auch eine Ressource sein kann. Gleichzeitig kann das
       Tragen sichtbarer jüdischer Zeichen, wie einer Kippa, aber auch
       angreifbarer machen.
       
       taz: Was bedeutet es für Sie, wenn mehr als die Hälfte Ihrer Befragten sich
       nicht sicher fühlt? 
       
       Josef Tamir: Das zeigt vor allem das Ausmaß des wahrgenommenen
       Antisemitismus. Viele Menschen erleben Deutschland nicht als einen Ort, an
       dem sie ihre Identität selbstverständlich leben können. Viele Menschen
       versuchen zu betonen: Jüdische Menschen sind nicht gleich Israel. Aber
       gleichzeitig haben viele jüdische Menschen eine persönliche oder familiäre
       Verbindung zu Israel – das macht die Realität komplex.
       
       taz: Was sollten Universitäten und Gesellschaft aus Ihren Ergebnissen
       ableiten? 
       
       Josef Tamir: Universitäten sind ein wichtiger Ort, an dem etwas passieren
       muss. Es braucht Beratungsangebote und es braucht sichere Räume. Vor allem
       aber sollten wir nicht über jüdische Studierende sprechen, sondern mit
       ihnen. Es geht darum, ihre Erfahrungen ernst zu nehmen und daraus konkrete
       Unterstützung abzuleiten.
       
       12 Aug 2026
       
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