# taz.de -- Neue Regelung beim Springreiten: Blutende Pferde nun Einzelfallentscheidungen
       
       > Beim Weltcup-Reitturnier in Leipzig gilt erstmals nicht mehr die „No
       > Blood Rule“. Blutende Pferde führen nicht automatisch zur
       > Disqualifikation.
       
 (IMG) Bild: Tierschutz soll auch beim Springreiten gewahrt werden
       
       Pennywise fliegt mit viel Luft unterm Bauch über das 1,35 Meter hohe
       Hindernis: gelassen, selbstsicher im Absprung, die Ohren immer interessiert
       nach vorn. Sieht so aus, als hätte der Grauschimmel Spaß. Jedenfalls wirkt
       es nicht so, als müsse seine Reiterin Sofia Westborg aus Schweden viel
       nachhelfen. Das ist keine Selbstverständlichkeit, erst recht nicht in einer
       internationalen Jungpferdeprüfung wie an diesem Wochenende beim
       Weltcupturnier im Rahmen der „Partner Pferd“ in Leipzig.
       
       Viele der Siebenjährigen sind sehr aufgeregt, tänzeln hitzig, während sie
       am Rand des Parcours auf das Startsignal warten; Reiterinnen und Reiter
       haben Schwierigkeiten, ihre Pferde zu halten.
       
       Zügel, Sporen, Gerte – im Pferdesport heißen sie „Hilfsmittel“, und was man
       mit ihnen macht, nennt man „Hilfen geben“. Seit Jahrzehnten werden im
       internationalen Reitsport die Grenzen dieser Hilfen neu gezogen, neu
       verhandelt, neu festgeschrieben: Was gilt noch als sportliche Einwirkung –
       und was ist drüber? Wo beginnt Gewalt, wo endet Sport?
       
       Blut war dabei lange die klare Grenze. Blut im Einwirkungsbereich des
       Reiters, also an Maul, Flanken, Gurtlage oder an der Sporenstelle war ein
       K.-o.-Kriterium: Pferd und Reiter flogen aus dem Wettbewerb. Eine
       Amateurreiterin auf den Besucherrängen erinnert sich an die Einführung der
       Regel in den 2010er Jahren. „Ich glaube, dass das Bewusstsein mit dieser
       No-Blood-Regel gesteigert worden ist, pro Pferd zu agieren“, sagt sie.
       
       ## Künftig Einzelfallentscheidung
       
       Im November 2025 wurde die Regel durch den Weltreiterverband FEI wieder
       geändert. Und Leipzig war das erste große internationale Turnier in
       Deutschland, bei dem die neue Vorgabe angewendet werden musste: Blut am
       Pferd führt nicht mehr automatisch zum Ausschluss – stattdessen entscheidet
       nun ein Gremium im Einzelfall.
       
       Eine Zuschauerin, selbst Reiterin, hält die Idee einer Einzelfallprüfung
       für überfällig. „Es ist nämlich manchmal wirklich so, dass sich ein Pferd
       auf die Zunge beißt.“ Aber sobald Blut auf Schmerzen und zu grobe
       Einwirkung zurückgeht, endet für sie jede Diskussion. „Dann muss gestoppt
       werden.“ Doch genau da beginnt die Unschärfe der Neuregelung: Nicht mehr
       automatisch das Blut ist das Ausschlusskriterium – sondern die Frage, woher
       es kommt und wie das bewertet wird.
       
       Die Neuregelung spaltet die Reiterwelt. Deutlich dagegen hat sich die
       Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) ausgesprochen. Dennis Peiler,
       Generalsekretär der FN, sagt: „Da sehen wir eine absolut klare Regelung
       erforderlich, die keine Interpretation zulässt.“ Aus Sicht der FN war die
       alte No-Blood-Regel nicht nur eindeutig, sondern auch praktikabel. Denn
       Fälle, in denen Blutspuren im Bereich von Sporen oder Maul festgestellt
       wurden, seien international selten. Peiler verweist auf FEI-Zahlen: In
       deutlich weniger als einem Prozent der Fälle wurden Pferd und Reiter
       ausgeschlossen.
       
       ## Mehrheit nationaler Verbände für neue Regelung
       
       Doch bei der [1][FEI-Generalversammlung] im November 2025 in Hongkong
       stimmte die Mehrheit der nationalen Verbände für die Neuregelung. Sie geht
       auf eine Initiative der Interessenvertretung der Springreiter zurück, des
       International Jumping Riders Club – und gilt auch nur für internationale
       Springprüfungen. Einer der prominentesten Befürworter [2][ist der deutsche
       Springreiter Ludger Beerbaum], Boardmember im Jumping Riders Club.
       
       Es gehe darum, Ausschlüsse verhältnismäßiger zu gestalten, sagt Beerbaum –
       und [3][Härtefälle wie bei Olympia] 2021 in Tokio zu vermeiden. Weil es den
       „Spurmark“ gegeben habe, seien Reiter disqualifiziert und Medaillenträume
       zerstört gewesen.
       
       Ein „Spurmark“ ist ein blutiger Sporenabdruck in der Flanke des Pferdes. Ob
       eine blutige Wunde zur Disqualifikation führt, entscheidet künftig ein
       Dreiergremium aus Steward, verantwortlichem Tierarzt und dem Chef der
       Ground Jury. Beerbaum ist überzeugt: „Es leidet kein einziges Pferd auf
       diesem Planeten mehr durch diese Regeländerung.“
       
       ## Mehr Druck auf Tiermediziner durch Neuerung
       
       Der leitende Turniertierarzt in Leipzig, Michael Köhler, sieht das anders.
       Köhler ist zugleich Vorsitzender des Ausschusses für Pferde der
       Bundestierärztekammer. Selbst wenn „die Auslegung der sportrechtlichen
       Sache das erlauben würde“, stünde dem [4][der Tierschutz entgegen.] Eine
       Haltung, die in Leipzig auch andere Verantwortliche vertreten.
       
       Und Köhler verweist auf ein grundsätzliches Problem: Es gäbe mehr
       Verantwortung und mehr Druck auf die Tierärztinnen und Tierärzte im
       internationalen Betrieb, gerade wenn Preisgeld, Sponsoreninteressen und
       sportliche Erwartungen im Raum stehen.
       
       Die FEI-Neuerung verschärft das Problem: Statt des alten Automatismus gibt
       es nun Verwarnungen – eine Art „gelbe Karte“. Wer innerhalb von zwölf
       Monaten erneut auffällig wird, dem droht eine Sperre. Ein Druckmittel, das
       es so vorher nicht gab. Die nicht öffentliche Liste derer, die bereits ihre
       erste „Jumping Recording Warning“ kassiert haben, sei jetzt schon lang,
       sagt einer der Verantwortlichen in Leipzig – nicht ganz ohne Häme.
       Vielleicht haben sich die Springreiter mit ihrer Regel am Ende keinen
       Gefallen getan.
       
       Übrigens: Pennywise und Sofia Westborg liefern in Leipzig einen runden,
       fast schönen Ritt – für eine Platzierung reicht das nicht.
       
       18 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
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