# taz.de -- Diy-Computer: Girls gegen Big Tech
> Aktuell gehen junge Frauen mit selbstgebauten kleinen Computern viral.
> Ihre sogenannten Cyberdecks sind süß, pink und antikapitalistisch.
(IMG) Bild: Cyberdecks auf TikTok
Wie sollte man sich eine Maschine vorstellen, die es mit Peter Thiel, Elon
Musk, Mark Zuckerberg oder Sam Altman aufnimmt? Mit Männern, die so mächtig
sind, dass ihr Netzwerk als [1][Tech-Broligarchie] beschrieben wird, die
drei Tonnen schwere, panzerähnliche Cybertrucks aus Stahl bauen und für
Mixed-Martial-Arts-Käfigkämpfe trainieren? Die wenigsten hätten wohl das
Mermaid Cyberdeck vor Augen: Eine pinkfarbige Plastikmuschel, die sich beim
Aufklappen als Minicomputer entpuppt: In der oberen Muschelhälfte steckt
der Bildschirm, in der unteren die Tastatur samt Touchpad, die so klein
ist, dass man sie nur mit viel Fingerfertigkeit bedienen kann. Der
Meerjungfrau-Rechner gehört der TikTokerin [2][ronniebeebee]. Das
Kurzvideo, in dem sie ihn präsentiert, wurde über 290.000-mal abgespielt.
Cyberdecks sind selbstgebaute, tragbare Computer. Die meisten haben
limitierte Funktionen und nutzen Open-Source-Software, kostenlose
Programme, deren Quellcode offen einsehbar ist und die die Nutzer:innen
selbst anpassen können. Man kann auf Cyberdecks wahlweise programmieren,
Bilder, Videos und Filme speichern, E-Books lesen, Retrospiele spielen oder
sie als moderne Schreibmaschine, als „Writerdeck“, nutzen.
Bis vor wenigen Monaten waren sie ein Nischenprojekt, zu dem sich
Hardware-Hacker:innen auf Plattformen wie Reddit oder GitHub austauschen.
Dann wurden sie hübsch und süß. Und sehr beliebt. Eine der Frauen, die ihre
Cyberdecks online teilen, ist die Instagram-Nutzerin [3][miss.molerat], die
bürgerlich Katrin heißt und in Stuttgart lebt. Um ihre Privatsphäre zu
schützen, will sie nur ihren Vornamen nennen.
Katrin nutzt ein Cyberdeck, um auf Techkonferenzen zu programmieren. Auf
einem anderen spielt sie Retrovideospiele. Sie hat ihre individualisierten
Computer bereits in einen pinkfarbigen Spielzeuglaptop aus Plastik gebaut,
in eine Polly-Pocket-Schatulle, die wie ein Einhorn aussieht, und in eine
Box, die sie aus recyceltem Plastik und Baumrinde gefertigt hat.
## Ein unterschätztes Hobby
Katrin glaubt, dass die politische Dimension der DIY-Computer häufig
unterschätzt werde. „Ja, die Cyberdecks sind rosa, aber sie sind auch ein
Signal gegen den grauen Techeinheitsbrei, gegen Massenkonsum und gegen
große Techkonzerne“, sagt sie im Videocall mit der taz.
Lange bevor man Cyberdecks tatsächlich baute, hatte der Computerentwickler
Lee Felsenstein die Idee dazu. Im Cyberkultur-Magazin Mondo 2000 schrieb er
schon 1990, er wolle die „postkapitalistische Schrottplatzwelt“ nutzen und
aus dem Müll großer Konzerne unprofessionelle, personalisierte Computer
bauen. Felsensteins Artikel finde in der Cyberdeck-Community noch immer
großen Anklang, sagt Andrew Hutcheon.
Der Philosoph lehrt an der australischen Edith-Cowan-Universität und hat
Cyberdecks im Rahmen seiner Promotion erforscht. Auch heute noch begeistere
Menschen die Idee, „den Müll kapitalistischer Informationstechnologie“ zu
nutzen und etwas mit geringer Leistung zu bauen. Etwas, das sich gegen
Kapitalismus und Produktivitätszwang richtet. Dennoch seien keineswegs alle
Mitglieder der Bewegung politisch links, sagt Hutcheon. Manche fasziniere
schlicht die Cyberpunk-Ästhetik.
In der Cyberpunk-Literatur der achtziger und neunziger Jahre kamen
selbstgebaute Computer zum ersten Mal als fiktive Geräte vor. Mitte der
2010er Jahre inspirierten diese Romane Personen dann, tatsächlich eigene
Cyberdecks zu bauen.
## Design und Politik
Auch in den Cyberdeck-Kurzvideos, die aktuell populär sind, geht es um
Design. Aber ebenso um Politik. Eine Instagram-Userin betitelt ihren
Beitrag beispielsweise mit „My Girlypop Hardware Hacking Anti-Facist
Cyberdeck“.
Auch für Katrin aus Stuttgart ist das, was gerade in den sozialen Medien
passiert, kein Trend, sondern eine cyberfeministische Bewegung. Die
verspielte Ästhetik, die die maskuline, häufig militärische Optik früherer
Cyberdecks durchbricht, gehöre dazu. Der Einstieg in den Techbereich sei
für junge Frauen gerade so niedrigschwellig wie noch nie.
Hutcheon sagt, in einem reaktionären politischen Klima und in Zeiten, in
denen die Manosphere online großen Einfluss hat, sei es geradezu radikal,
dem Machismus eine überbordende Niedlichkeit entgegenzusetzen. Es sei keine
zufällige Entscheidung, „die unmaskulinsten Dinge überhaupt zu bauen und
das Internet damit zu fluten“, so der Philosoph.
Aber das widerständige Potenzial von Cyberdecks geht über ihre Optik
hinaus: Laut Hutcheon richten sie sich gegen das „radikale Monopol“ von Big
Tech. Der Philosoph Ivan Illich entwickelte dieses Konzept 1973. Es
beschreibt, dass ein Produkt oder eine Technologie unverzichtbar für das
alltägliche Leben wird.
## Das Gegenteil eines radikalen Monopols
Smartphones seien ein Beispiel für ein radikales Monopol, sagt Andrew
Hutcheon. Man sei auf sie angewiesen. Gleichzeitig könne man nur zwischen
zwei Betriebssystemen wählen, könne Handys nicht auseinanderbauen und keine
Teile austauschen. Bis auf die Entscheidung, welche Apps man herunterlädt,
sei alles vorgegeben. Cyberdecks hingegen sind das Gegenteil eines
radikalen Monopols. Sie sollen als dezentrales Werkzeug dienen, das
Menschen nach ihren Bedürfnissen nutzen und verändern können. Eine Technik,
die „individuell gestaltbar, kreativ und nachhaltig“ ist, wie Katrin sagt,
anstatt süchtig und einsam zu machen.
Dennoch können die meisten Cyberdecks weder Laptop noch Smartphone
ersetzen. Sind die DIY-Computer am Ende also doch machtlos gegenüber Big
Tech? Sicherlich. Aber sie sind ein metaphorischer Widerstand, einer, der
an vielen relevanten Stellen gleichzeitig ansetzt.
So würden Menschen zum Beispiel Cyberdecks bauen, weil sie genug von
KI-Slop haben und Technologie wieder mit echter Kreativität verbinden
möchten, erzählt Katrin. Anderen sei wichtig, unabhängig von großen
Institutionen und ihren Clouds Daten speichern zu können. So können sie die
Kontrolle über persönliche Daten behalten – auch medizinische.
## Datenschutz bei Periodentracking
Katrin bastelt deshalb gerade ein Cyberdeck, das sie als Periodentracker
nutzen kann. „Viele Menstruations-Apps speichern leider Gesundheitsdaten in
ihren Clouds“, sagt sie. Tatsächlich schneidet ein Großteil der Zyklus-Apps
beim Datenschutz schlecht ab und teilt Daten mit Dritten, mit
Sicherheitsbehörden oder zu Werbezwecken.
Die Idee für den Periodentracker kam Katrin, obwohl sie schon seit zehn
Jahren Cyberdecks baut, erst durch den aktuellen Austausch in den sozialen
Medien. Dass der aber ausgerechnet auf den Plattformen großer Konzerne
stattfindet, gegen die sich Cyberdecks maßgeblich richten, beschäftigt sie.
Aber, sagt Katrin, vielleicht müsse man das System eben von innen heraus
kritisieren.
Katrin sagt, sie sei sehr inspiriert von den vielen Frauen, die sich für
„coole Hardware“ interessieren. Die neu sind in der männlich-dominierten
Techwelt, die über Periodentracker nachdenken, über Kunst und Technologie
und Unabhängigkeit, und sich rege darüber austauschen. So holen sich die
Cyberdeck-Girls sogar die Freude an sozialen Netzwerken zurück.
5 Aug 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Broligarchie-Boykott-ist-wieder-eine-Option/!6137406
(DIR) [2] https://www.tiktok.com/@ronniebeebee
(DIR) [3] https://www.instagram.com/miss.molerat/
## AUTOREN
(DIR) Elisa Pfleger
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