# taz.de -- Geschichte der Pest: Älter als die Städte
> Die Pest begleitet die Menschheit seit 5.500 Jahren, lange vor der ersten
> Pandemie. Sie ist bis heute eine aktive Krankheit.
(IMG) Bild: Das Modell eines Pestarztes um 1600 im Stadtmuseum in Berlin
Auf vier Friedhöfen am Baikalsee in Sibirien liegen Menschen, die binnen
sehr kurzer Zeit bestattet wurden. Die ältesten Bestattungen dort sind über
5.500 Jahre alt und gehören zu Jäger-und-Sammler-Kulturen. Damit gerät eine
Erzählung ins Wanken: dass die Pest der Preis der Sesshaftwerdung war,
seitdem Menschen auf engem Raum mit ihren Tieren lebten und damit Tor und
Tür für deren Krankheitserreger öffneten.
Bei knapp 40 Prozent der untersuchten Verstorbenen auf den Friedhöfen
[1][stießen die Archäologinnen und Archäologen in Knochen und Zähnen auf
die Spuren des Bakteriums Yersinia pestis]. Die meisten dieser Toten waren
Kinder zwischen 8 und 11 Jahren. Möglicherweise hatten die Erwachsenen
schon früher Kontakt mit den Pest-Erregern gehabt und dadurch eine
Immunität aufgebaut. Bei den Heranwachsenden war das Immunsystem dagegen
deutlich anfälliger. Außerdem wurden sie offensichtlich innerhalb sehr
kurzer Zeit dort begraben. Beides spricht für einen lokalen, aber sehr
tödlichen Ausbruch.
Archäologische Spuren deuten auf einen engen Kontakt mit Murmeltieren hin.
Sie wurden wegen Fell und Fleisch gejagt, und beim Häuten der Tiere oder
beim Verzehr des Fleischs könnten sich die Menschen infiziert haben. Dazu
passt auch die Annahme, dass die Krankheit ursprünglich aus Zentral- oder
Nordostasien, dem Verbreitungsgebiet des grauen Murmeltiers, stammt. Wie
die meisten anderen Pestgenome aus der Jungsteinzeit und Bronzezeit, die
inzwischen entschlüsselt werden konnten, handelte es sich hier aber um eine
frühe, heute ausgestorbene Form der Pest, deren Erreger noch nicht an die
Übertragung mittels Floh angepasst war.
Erste globale Pandemie
„Deutlich besser ist die Datenlage bei den späteren und großen Ausbrüchen
der tödlichen Krankheit, wie der Justinianischen Pest am Ende der Antike
oder dem Schwarzen Tod im späten Mittelalter“, erklärt Paläogenetiker
Marcel Keller von der Universität Basel. Er erforscht die Ursprünge der
Pest.
Besonders zwei Quellen sind für die Forschenden interessant. Berichte von
Zeitzeugen, aber auch die menschlichen Überreste aus den Pestgräbern. „Wir
sind heute in der Lage, nicht nur einen Pesttod nachzuweisen, sondern auch
die gesamte DNA des Pesterregers zu untersuchen. So erfahren wir mehr über
die Evolution des Erregers und wie sich einzelne Stämme ausgebreitet
haben“, erzählt er. Parallel dazu lassen sich oft auch
Verwandtschaftsverhältnisse oder die genetische Herkunft der Menschen mit
modernen Gen-Analysen oft nachweisen.
Pest-Massengräber erzählen auch die Ausmaße der Justinianischen Pest, die
vor knapp 1.500 Jahren in weiten Teilen Europas, Asiens und Afrikas
grassierte und als eine der ersten globalen Pandemien der Geschichte gilt.
Antike Quellen berichten von einem geheimnisvollen Staubschleier, der um
das Jahr 540 monatelang den Himmel im Orient verdunkelte. Die Menschen
jener Zeit sahen darin ein düsteres Omen. Bald darauf brach in Ägypten die
Pest aus.
Tatsächlich könnte ein Zusammenhang bestehen. Vulkanische Aktivitäten
sorgten damals im Mittelmeerraum für eine „Spätantike Mini-Eiszeit“.
Ernteausfälle und Hungersnöte waren die Folge und begünstigten womöglich
den Sprung des Bakteriums vom Tier auf den Menschen. Historische Quellen
berichten sehr eindringlich von hohem Fieber, Schwellungen an den
Achselhöhlen und schwarzen Blasen. Etwa die Hälfte der Erkrankten starb,
und über die bereits gut ausgebauten Handelsrouten zu Land und zu Wasser
breitete sich die Pandemie rasant aus.
Wie tödlich sie gewesen sein könnte, zeigen archäologische Funde aus
Jordanien. [2][US-Forschende der University of South Florida entdeckten in
den Ruinen der römischen Stadt Jerasch ein Massengrab] mit über 200
übereinander geschichteten Leichen, vermutlich innerhalb weniger Tage
bestattet, ohne Rücksicht auf Stand oder Herkunft. Bei fünf untersuchten
Zähnen aus dem Grab konnten die Forschenden die DNA von Yersinia pestis
nachweisen, was die Forschenden als klaren Hinweis auf ein Massensterben
werten. Bis zum Ende dieser „Ersten Pandemie“ könnten bis zu 50 Millionen
Menschen gestorben sein.
Ein Bakterium, viele Wellen
Diese genetischen Spuren lassen sich nicht nur für die Antike
rekonstruieren: Bereits 2011 gelang es einem internationalen Forschungsteam
zum ersten Mal, das Genom des Pesterregers aus Knochen des 14. Jahrhunderts
nachzuweisen. Spätere Untersuchungen zeigten, dass die Stämme von Yersinia
pestis, die für die historischen und neuzeitlichen Pestepidemien rund um
den Globus verantwortlich waren, sich genetisch sehr ähnlich sind.
„Seit der Pesterreger sich vor etwa 4.000 Jahren an die Übertragung mittels
Floh angepasst hat, hat er keine fundamentalen Veränderungen mehr
durchgemacht. Die nachgewiesenen Mutationen stellen vermutlich nur weitere
Anpassungen an verschiedene Nagetierreservoire dar“, sagt Keller, „Die
Unterschiede in der Sterblichkeit und Verbreitung seit den historischen
Pestwellen sind eher auf andere Faktoren zurückzuführen, etwa wie eng
Menschen mit Ratten und wilden Nagetieren in Kontakt kamen.“.
Der Ausgangspunkt des Schwarzen Todes liegt vermutlich in Kirgisistan. Dort
gab es bereits 1338 und 1339 lokale Ausbrüche am Yssykköl-See, wieder im
Verbreitungsgebiet von Murmeltieren. Zunächst breitete sich die Pestwelle
gemächlich aus, erst mit Erreichen der Handelsrouten nahm das Drama seinen
schnelleren Lauf. 1347 kam die Pest an Bord von Handelsschiffen aus dem
Schwarzen Meer in den Mittelmeerraum und breitete sich rasch über Europa,
den Nahen Osten und Nordafrika aus. Bis zu 60 Prozent der Bevölkerung
könnten dem Schwarzen Tod zum Opfer gefallen sein.
„Es war eine der größten demografischen Katastrophen der
Menschheitsgeschichte“, sagt Historiker Martin Bauch vom Leibniz-Institut
für Geschichte und Kultur des östlichen Europa. Die Gründe für den rasanten
Verlauf sind aus seiner Sicht vielschichtig: Auch dem Schwarzen Tod ging,
ähnlich wie der Justinianischen Pest, eine kurze Kälteperiode voraus, die
Hungersnöte auslöste und die Bevölkerung schwächte. Um die Ernährung zu
sichern, wurde der Getreidehandel angekurbelt und der brachte am Ende auch
infizierte Ratten um die Welt.
Die Erfindung der Quarantäne
Mithilfe von historischen Quellen lassen sich die Ausmaße dieser „Zweiten
Pandemie“ nachvollziehen. Einige Details sind dabei überraschend, wie Bauch
erklärt. „Bevölkerungsreiche Metropolen wie Mailand oder Rom scheinen vom
Schwarzen Tod vergleichsweise verschont geblieben zu sein, vielleicht weil
sie ihr Getreide selbst anbauten und weniger auf Handelsrouten angewiesen
waren“, sagt der Historiker.
Die meisten Regionen hatten weniger Glück, weite Teile Europas und Asiens
waren betroffen. Der neuen Krankheit standen die Ärzte des Mittelalters
hilflos gegenüber. Kranke wurden zur Ader gelassen, bekamen Brechmittel,
auch das Aufschneiden der Pestbeulen galt als probates Mittel. Als Ursachen
der Pest vermutete man giftige Dämpfe oder verseuchtes Wasser. Weil nichts
zu helfen schien und immer mehr Menschen starben, wuchs die Panik in der
Bevölkerung. Pestkranke wurden von den eigenen Familien allein gelassen,
außerhalb der Städte entstanden Zwangsunterkünfte.
Genau diese herzlos wirkende Isolation der Kranken trug am Ende zur
Eindämmung der Seuche bei. In dieser Zeit entstand auch die Idee der
Quarantäne: In Städten wie Venedig mussten Schiffe aus betroffenen Regionen
40 Tage vor Anker liegen, bevor sie einlaufen durften. Nach knapp sieben
Jahren endete die erste große Infektionswelle. Wer überlebt hatte, trug nun
Antikörper in sich, weshalb es zunächst nur zu lokalem Aufflackern kam, bei
denen oft Kinder die Todesopfer sind. Doch der Schwarze Tod war nur der
Auftakt dieser „Zweiten Pestpandemie“, die über 500 Jahre hinweg immer
wieder aufflammte. 1722 ging schließlich einer der letzten großen
Pestausbrüche in Europa zu Ende, in Marseille und der Provence.
Die Pest ist bis heute aktiv
Ausgestorben ist der Erreger damit nicht. Die WHO registriert weltweit
weiterhin jährlich rund 1.000 bis 3.000 Pestfälle, vor allem in Madagaskar,
der Demokratischen Republik Kongo und Peru – Regionen, in denen Yersinia
pestis noch heute in wildlebenden Nagetierpopulationen zirkuliert. In
Europa gilt die Pest dagegen seit dem Zweiten Weltkrieg als verschwunden.
Anders als im Mittelalter ist eine Infektion heute allerdings kein
Todesurteil mehr: Rechtzeitig mit Antibiotika behandelt, lässt sich die
Pest heilen. Unbehandelt bleibt sie jedoch weiterhin lebensgefährlich.
13 Aug 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.nature.com/articles/s41586-026-10540-5
(DIR) [2] https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0305440326000038?via%3Dihub
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(DIR) Birk Grüling
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