# taz.de -- Gold bei EM im Freiwasserschwimmen: Meister der Mentalität
       
       > Hinter Florian Wellbrock liegt eine schwierige Saison. Umso größer war
       > seine Freude über den EM-Titel in der olympischen Freiwasserdistanz.
       
 (IMG) Bild: Gut unterwegs: Florian Wellbrock auf dem Weg zu EM-Gold über 10 Kilometer
       
       Die etwa 30 Vertreterinnen und Vertreter der DSV-Jugend hatten sich am
       Seineufer in der Nähe des Eiffelturms mächtig ins Zeug gelegt. In
       beachtlicher Lautstärke feuerten sie die zwei deutschen Freiwasserschwimmer
       unten im Flusswasser an – ein verbaler Aufwand, der den jungen Menschen um
       die Mittagszeit dann den gewünschten Lohn bescherte: Im Rennen über die
       olympische Distanz von 10 Kilometern schlug [1][Florian Wellbrock] als
       Erster und sein Magdeburger [2][Trainingskollege Oliver Klemet] als Dritter
       an. Und zwischen das Duo aus Sachsen-Anhalt schob sich der Ungar mit dem
       schönen Namen David Bethlehem.
       
       Gold und Bronze im Auftaktrennen der Dauerkrauler – da tauchte Bernd
       Berkhahn doch zügig im Zielraum auf und schlängelte sich gut gelaunt durch
       die Reihen. Erstaunlich genug für den zuständigen Bundestrainer, der die
       Medaillengewinner auch im Magdeburger Schwimmalltag anweist: Wellbrock (28)
       hat in seiner bewegten Karriere schon einige Erfolge erkrault, [3][ist
       zehnmaliger Weltmeister und Olympiasieger im Freiwasser von Tokio]. Zu
       einem EM-Titel im freien Gewässer reichte es für ihn bis Dienstagmittag
       hingegen noch nicht. Doch nun ist auch dieser kleine Makel passé.
       
       Die ersten Gedanken an die frisch erweiterte Medaillensammlung führten
       Wellbrock zurück in seine wegen mehrerer Krankheitsausfälle arg
       zerstückelte Saison. „Das war nicht planbar heute. Rein physisch hätte ich
       nicht gewinnen dürfen“, erwähnte der gertenschlanke Athlet mit dem
       eleganten Schwimmstil, dann schlussfolgerte er ebenso stolz wie logisch:
       „Das war eine mentale Meisterleistung.“
       
       Wellbrock darf sich nun offiziell Europameister im Becken und im Freiwasser
       nennen – und nebenbei auch den inoffiziellen Titel Meister des
       Understatements führen. Weil er aufgrund diverser Infekte in diesem Jahr
       gleich dreimal für jeweils eine Woche mit dem Training pausieren musste,
       gab er als Ziel für die EM einen Platz unter den Top Ten aus. Seine
       Medaillenchancen, meinte Wellbrock zudem, seien „auf ein Minimum
       zurückgeschraubt“.
       
       ## Frauenwettbewerb ohne deutsche Beteiligung
       
       Diese Vorab-Protokolle sind schon nach der ersten Entscheidung in einem
       Seitenarm der Seine reif für den Reißwolf. Auf die Siegerehrung mussten
       Wellbrock und der formidable Finisher Klemet, im 34 Mann starken Feld
       zwischenzeitlich auf Rang 18 abgerutscht, zwar warten, bis dort auch das
       10-Kilometer-Rennen der Frauen absolviert war.
       
       Um 17 Uhr war es dann aber so weit – wobei längst klar war, dass das
       deutsche Edelmetall-Duo beim Fahnenhissen ohne weibliche Begleitung aus dem
       eigenen Verband würde auskommen müssen: Die vorgesehenen Schwimmerinnen Lea
       Boy und Leonie Märtens lagen beide krank darnieder. Wegen der fehlenden
       Leistungsdichte hatte Bundestrainer Berkhahn auf Nachnominierungen
       verzichtet.
       
       Worauf der Coach nicht verzichtete: Im Stil des mentalen Riesen Wellbrock,
       neuerdings also auch eine Art Zen-Meister des Freiwassers, vorab die
       Geschichte vom bescheidenen Underdog zu erzählen. Erwartungen habe er erst
       mal keine, behauptete Berkhahn, erwähnte aber immerhin: „Die Jungs haben
       gut trainiert und sind wild entschlossen.“
       
       Die Entschlossenheit merkte man am Dienstagvormittag rund um die Île aux
       Cygnes vor allem Wellbrock an: Vom Start weg gab er das – vergleichsweise
       mäßige – Tempo vor, blieb durchgehend in der Spitzengruppe und konnte auf
       der letzten der acht Runden auch eine Attacke von David Bethlehem kontern.
       So schlug der viermalige Freiwasser-Weltmeister des Vorjahres nach knapp
       zwei Stunden zwei Sekunden vor dem Gesamtweltcupsieger aus Ungarn an.
       
       Ganz nebenher schloss Wellbrock in diesem Moment auch seinen Frieden mit
       Paris. Bei Olympia vor zwei Jahren erlebte der gebürtige Bremer hier sein
       persönliches Waterloo, erst im Becken, dann im Freiwasser. Um den Pool
       macht er diesmal wegen des erheblichen Trainingsrückstands einen großen
       Bogen. An der Seine wird der Gold-Krauler des DSV künftig dagegen wieder
       gerne entlang schlendern. Auch wenn er zu seinem ersten EM-Titel im
       Freiwasser zwecks Vergangenheitsbewältigung lieber [4][auf dem Kurs von
       2024] geschwommen wäre. Ein minimaler Makel, den Florian Wellbrock aber
       problemlos verkraften wird.
       
       4 Aug 2026
       
       ## LINKS
       
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 (DIR) [3] /Medaillenflut-bei-Schwimm-WM/!5945070
 (DIR) [4] /Olympiatriathlon-in-schmutziger-Seine/!6024065
       
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 (DIR) Andreas Morbach
       
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