# taz.de -- Schwimm- und Sprung-EM in Paris: Später Sprung zum Titel
> Ein brillanter letzter Sprung beschert Moritz Wesemann den EM-Titel vom
> 1-Meter-Brett. Dabei hatte er zuvor mit arger Müdigkeit zu kämpfen.
(IMG) Bild: Eine Frage der Haltung: Moritz Wesemann beim WM-Wettberwerb vom 1-Meter-Brett
In Paris war es bereits kurz nach elf am Abend, als Moritz Wesemann und die
beiden Briten Jack Laugher und Jordan Houlden dann doch mal zur
Siegerehrung gebeten wurden. Weil sich die Wassersprunggemeinde bei der EM
in der französischen Metropole das Becken mit den Synchronschwimmerinnen
und -schwimmern teilt, ist der Zeitplan im [1][Centre Aquatique Olympique]
gut gefüllt. Und die kontinentale Sprungelite muss ihre Kunststücke nun
eben ungewohnt spät in den Pool zaubern.
So stand der gebürtige Aachener Wesemann trotz einer schmerzhaften
Schulterverletzung am Samstag zu vorgerückter Stunde also als neuer alter
Europameister vom 1-Meter-Brett ganz oben auf dem Podest – und sang bei der
deutschen Nationalhymne feste mit. Vielleicht auch, um prophylaktisch
mögliche Schlafattacken zu vertreiben. Denn solche hatten ihm während des
hochklassigen Wettbewerbs zu schaffen gemacht.
„Ich habe nach der vierten Runde einen Müdigkeitsanfall gekriegt – also
gemerkt: Jetzt wird es noch mal haarig“, berichtete Wesemann.
Herausfordernde Umstände für die finalen zwei Sprünge, die er dann
allerdings exzellent meisterte. Speziell den letzten: Eineinhalbfacher
[2][Auerbachsalto] mit dreieinhalb Schrauben. Schwierigkeitsgrad 3,6 – der
höchste in der gesamten Konkurrenz.
Die Jury war angemessen begeistert vom Mut, von der Sprungkraft und der
Eleganz des 24-Jährigen, ihre Wertung katapultierte Wesemann von Platz zwei
auf den europäischen Thron. Mit sogar stattlichem Vorsprung auf Jack
Laugher [3][aus Harrogate im Norden Englands], der vor dem letzten Sprung
geführt hatte.
## Synchron zu Silber
Der Reinfall vom Vortag war damit abgehakt. Zum Start in die Titelkämpfe
musste sich das DSV-Quartett da mit einem enttäuschenden siebten Platz im
Mixed-Team-Wettbewerb abfinden – im wackligen Boot saß neben Wesemann unter
anderen Pauline Pfeif. Bereits zwei Stunden vor ihrem Teamkollegen wetzte
die Wasserspringerin vom Berliner TSC die Scharte vom Freitag aus, holte
Silber in der Synchron-Konkurrenz vom Turm. Seite an Seite [4][mit ihrer
Vereinskollegin Elena Wassen] – jener Frau, die Moritz Wesemann einst in
Aachen überhaupt erst zum Wasserspringen brachte.
Das Rheinland haben beide längst verlassen. Wassen zog schon vor 13 Jahren
nach Berlin in ein Sportinternat, Wesemann trainiert seit Ende 2025 bei
Chef-Bundestrainer Christoph Bohm in der deutschen Hauptstadt.
Zurückgekehrt ist der Wassersportler vom SV Halle aus den USA, wohin er
nach den Olympischen Spielen 2024 aufgebrochen war.
Wesemann suchte damals eine neue Herausforderung, wollte mal raus aus
Deutschland. Anderthalb Jahre studierte er in Los Angeles, in diesem Jahr
schloss er seinen Masterstudiengang in Computer-Wissenschaften ab.
Die Affinität zu Zahlen und Technik lässt der nun dreimalige Europameister
dabei auch in sein Leben als Leistungssportler konsequent einfließen. In
Paris zum Beispiel kontrollierte er regelmäßig seine Herzfrequenz: Beim
missratenen Team-Event war sie mit knapp 170 noch etwas zu hoch, im
Vorkampf vom 1-Meter-Brett am Samstagmittag hatte Wesemann den Puls dann
schon besser unter Kontrolle. „Im Finale waren es wahrscheinlich nur 140
oder 150“, mutmaßte er nach seinem Gold-Coup schließlich. „Und ich glaube,
so ein bisschen gewusst zu haben, wie man das dann reguliert.“
Das habe geholfen, so habe er den Wettkampf genießen und Spaß daran haben
können. So erzählte der Mann, den neben Atemübungen auch der gezielte
Austausch mit Chat GPT in der Schwimmhalle in Saint-Denis in die richtige
Spur schob.
Gut organisiert sein muss der erste Goldspringer des DSV bei dieser EM
ohnehin: Weil seine Freundin in Montreal lebt, hat er als Pendelflieger die
USA mittlerweile gegen Kanada eingetauscht. Bei der EM in Paris steht für
ihn am Mittwoch noch die Konkurrenz vom 3-Meter-Brett auf der Agenda.
Samstagnacht drängte im Centre Aquatique Olympique zunächst aber das frisch
Erlebte voll ins Bewusstsein. „Ich habe jetzt“, erwähnte Moritz Wesemann
nach der Siegerehrung jedenfalls, „noch so viel Adrenalin in mir, dass ich
wahrscheinlich erst mal nicht pennen kann.“
2 Aug 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://cao-metropolegrandparis.fr/
(DIR) [2] https://www.sueddeutsche.de/sport/so-geht-olympia-was-ist-eigentlich-ein-auerbachsalto-1.3116295
(DIR) [3] https://visitnorthyorkshire.com/places/harrogate
(DIR) [4] /Gehirnerschuetterungen-im-Sport/!5813832
## AUTOREN
(DIR) Andreas Morbach
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