# taz.de -- Festivalleiter über Ausdrucksformen: „Rhythmus ist eine Art von Urkraft“
> Beim „Überschlag“-Festival werden Grenzen ausgelotet. Schlagzeuger, sagt
> Festivalleiter Philipp Kohnke, sind Pioniere eines erweiterten
> Musikbegriffs.
(IMG) Bild: Weit weg von dem, was man Musik nennt: Ryosuke Kiyasu ist nur mit einer kleinen Trommel und einem Tisch auf der Bühne
taz: Philipp Kohnke, wie definieren Sie als Leiter des Percussionfestivals
„Überschlag“ in Hannover den Begriff Schlagzeug?
Philipp Kohnke: Ich bin der Meinung, [1][Schlagzeug ist alles, wo man
draufhaut]. Eine engere Definition lasse ich nicht durchgehen. Das Festival
soll nicht nur genreübergreifend sein, sondern auch Kunstformen
übergreifen. Wir haben jedes Mal Veranstaltungen dabei, bei denen sich die
Frage stellt, ob das überhaupt noch Konzerte sind – oder eher Performances
und Soundinstallationen.
taz: Ist es nicht überhaupt eine der Qualitäten von Musik, dass sie uns in
den verschiedensten Kontexten zu Ohren kommt?
Kohnke: Genau, und ich sehe uns als Schlagzeuger als die Pioniere dieses
erweiterten Musikbegriffs.
taz: Wie spiegelt sich das im [2][Programm des Festivals] wider?
Kohnke: Wir haben etwa einen Abend, den wir „After Noise“ genannt haben. Da
geht es darum, was nach der Musik, dem Klang und nach dem Geräusch kommt.
Da gibt Ryosuke Kiyasu eine Performance, die schnell völlig ausufert. Er
ist nur mit einer kleinen Trommel und einem Tisch auf der Bühne und was er
dann macht, geht weit weg von dem, was man Musik nennt. Da stellt sich dann
eher die Frage, ob man Instrumente überhaupt so behandeln darf. Bei ihm
verlassen auch oft Leute den Raum.
taz: Sie selber sind Schlagzeuger in einem klassischen Orchester. Ist das
nicht oft ein undankbarer Job? In der klassischen Musik des 19.
Jahrhunderts war das Schlagwerk doch oft nur für rhythmische Akzente und
Knalleffekte zuständig.
Kohnke: Ja, das stimmt. Mein erster Lehrer für klassisches Schlagwerk hatte
noch Klarinette gelernt und gespielt und hat dann auf Becken und Triangel
umgesattelt, weil dafür im Orchester jemand gebraucht wurde. Aber
interessant wurde die Orchestermusik für Schlagwerker dann vor etwa 100
Jahren.
taz: Bei Ihnen tritt auch ein Chronos Quartett auf, allerdings nicht das
berühmte Streichquartett, das sich ja mit einem K schreibt. Sondern da
spielen zwei Pianos und zwei Schlagzeuge.
Kohnke: Das ist ja seit der „Sonate“ von [3][Béla Bartók] fast schon eine
klassische Besetzung. Und dafür gibt es mittlerweile viele gute
Originalkompositionen und Bearbeitungen. Das ist übrigens das Quartett von
Henrik M. Schmidt, der hier in Hannover Schlagzeugprofessor ist.
taz: Die Besetzung passt auch, weil das [4][Piano] offiziell zu den
Schlagwerkzeugen zählt. Im Jazz ist es Teil der Rhythmusgruppe.
Kohnke: Das Gleiche gilt auch für die Harfe.
taz: Können Sie sich erklären, warum die Percussion in allen Musikformen
und Musikkulturen solch eine große Rolle spielt?
Kohnke: Ich denke, der Rhythmus ist eine Art von Urkraft, die die anderen
Elemente der Musik zusammenhält. Das Schlagwerk ist wie die Stimme eine
ganz urtümliche Ausdrucksform. Und das ist auch das heimliche Thema des
Festivals in diesem Jahr: zu zeigen, wie das Schlagzeug alle berührt. Auch
Menschen, die keine musikalische Vorbildung haben, bekommen durch den
Rhythmus einen leichten Zugang zur Musik. In diesem Sinne ist unser
Festival sehr niedrigschwellig.
taz: Endet das Festival darum mit dem partizipativen Open-Air-Projekt „One
City. One Puls“?
Philipp Kohnke: Genau, da kommen drei Gruppen zusammen. Das sind einmal die
Musiker*innen, die auf dem Festival gespielt haben. Dann haben wir die
Festivalbesucher*innen, die ein sogenanntes „Participation Kit“ erwerben
können, in dem sie drei Schlaginstrumente sowie einen QR-Code zu einer
Videoanleitung finden. Und dann haben wir noch das große, unvorbereitete
Publikum, das sich kostenlos auf dem Platz einfinden kann und von dem
Bodypercussionisten Dominik Schad dazu animiert werden wird, Musik mit dem
eigenen Körper zu machen. Unser Ziel ist, dass alle, die am Sonntag um 16
Uhr auf den Ballhofplatz kommen, gemeinsam musizieren.
13 Aug 2026
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