# taz.de -- Jugendarbeit mit Nazis
       
       > Seit Jahrzehnten wird darüber gestritten, wie Soziale Arbeit mit
       > Rechtsextremismus umzugehen habe
       
       Von Jan-Paul Koopmann
       
       Wenn junge Menschen zu Nazis werden, ist die Frage ja erst mal naheliegend,
       was da schiefgelaufen ist – und wo man eventuell helfen könnte. Und wenn
       man dann zu dem Ergebnis kommt, dass gar nicht so wenige der frisch
       Radikalisierten aus zerrütteten Verhältnissen stammen und tatsächlich
       handfeste Probleme haben, dann ist das auch nicht falsch. Umgekehrt kann
       man sagen: Wer in der Jugendhilfe arbeitet, wird es früher oder später mit
       Nazis zu tun bekommen. Über die Frage allerdings, was dann passiert, lässt
       sich lange streiten. Und das tut man auch – in Deutschland seit bald 40
       Jahren.
       
       Denn auch wenn die Frage, ob man „mit Rechten reden“ solle und ihre „Sorgen
       ernst nehmen“, auch in jüngerer Zeit immer mal wieder durch linke Debatten
       geisterte, ist sie alles andere als neu. In den heute so genannten
       [1][Baseballschlägerjahren der frühen 1990er-Jahre] hat vor allem der
       Ansatz [2][„akzeptierender Jugendarbeit“] nicht nur pädagogische Fachkreise
       und die große Politik beschäftigt, sondern ganz konkret auch die Antifa.
       
       Was los war: Bereits Ende der 1980er begann der Bremer
       Erziehungswissenschaftler Franz Josef Krafeld mit studentischen
       Mitarbeiter:innen, Skinheads aufzusuchen und ein Konzept pädagogischer
       Arbeit zu entwickeln. Dabei stand nicht die argumentative
       Überzeugungsarbeit im Mittelpunkt, sondern soziale Ursachenforschung, die
       die Erfahrungswelt der Jugendlichen ernst nahm. Vorbild und theoretischer
       Ausgangspunkt war die damals bereits etablierte akzeptierende Arbeit mit
       Suchtkranken.
       
       Die politische Dringlichkeit der pädagogischen Fachfrage über
       marginalisierte Cliquen wurde wenig später unübersehbar: Nach den
       international mit Schrecken wahrgenommenen Ausschreitungen Ende September
       1991 [3][im sächsischen Hoyerswerda] rief die damalige Jugendministerin
       Angela Merkel (CDU) das Aktionsprogramm gegen Aggression und Gewalt (AgAG)
       ins Leben, unter dem bald 124 Projekte mit rechten Jugendlichen geführt
       wurden: von aufsuchender Arbeit an Szenetreffpunkten über regelmäßige
       Sportangebote, Fan-Arbeit beim Fußball, betreute Wohngruppen und so weiter.
       
       Die Bewertungen des AgAG gehen auch heute noch auseinander, aber einige
       Probleme liegen doch auf der Hand: Weniger als die Hälfte der
       Mitarbeitenden war pädagogisch ausgebildet, die Übertragung der
       westdeutschen Forschung auf die Neuen Bundesländer war methodisch unsauber,
       die rabiate und ersatzlose Abwicklung der DDR-Jugendarbeit hatte ein
       Trümmerfeld hinterlassen. Zudem fand kaum Eingang ins Konzept, dass rechtes
       Gedankengut vor allem von Erwachsenen verbreitet wurde. Auch Franz Josef
       Krafeld bezeichnete [4][das AgAG in der taz später] als konzeptlos, schnell
       und billig aus dem Boden gestampft.
       
       Ein ganz anderes Problem mit der Akzeptanz hatten Antifa-Gruppen, übrigens
       auch im Westen. In der damals bundesweit breit rezipierten Broschüre „Rosen
       auf den Weg gestreut …“ belegten norddeutsche Antifagruppen, dass
       organisierte Nazikader mit pädagogischen Zuwendungen durchaus etwas
       anzufangen wissen: Vom kleinen Tostedt bei Hamburg bis nach Düsseldorf
       zeigten die Antifaschist:innen, wie Neonazis die Strukturen akzeptierender
       Projekte für ihre eigene Mobilisierung nutzten. Unter der oft hilflosen
       Beobachtung überforderter Sozialarbeiter entstanden Treffpunkte und teils
       bis heute wirksame Netzwerke.
       
       Die Debatte zog weite Kreise. „Glatzenpflege auf Staatskosten“ titelte etwa
       Die Zeit, aber auch unter Sozialarbeiter:innen gab es heftige
       Auseinandersetzungen über Sinn und Zweck der Sache. 
       
       Wie gesagt: Aufgearbeitet ist die Debatte nicht, Folgen hatte sie dennoch.
       Als das Aktionsprogramm 1997 ausgelaufen war, rückten immer mehr Projekte
       nach, die den Fokus von den abgehängten Nazis auf die Stärkung der
       demokratischen Zivilgesellschaft verschoben.
       
       Weitere zehn Jahre später machte die [5][Mobile Beratung gegen
       Rechtsextremismus] den Ansatz stark, zwischen organisierten Nazis und ihren
       Zielgruppen zu differenzieren. Das Projekt ist heute mit mehr als 200
       Berater:innen in ganz Deutschland aktiv.
       
       Ein Aktionsprogramm gegen die rechte Radikalisierung von Jugendlichen wie
       in den 1990er-Jahren ist derweil nicht in Sicht, und was aus der damaligen
       Auseinandersetzung gelernt wurde, steht erneut wieder zur Debatte: Der von
       Bundessozialministerin Karin Prien (CDU) angekündigte Umbau des
       Förderprogramms „Demokratie leben!“ setzt mit Kürzungen und Streichungen
       gerade bei den etabliertesten Akteuren an, darunter auch der Mobilen
       Beratungsstelle.
       
       15 Aug 2026
       
       ## LINKS
       
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 (DIR) [5] https://bundesverband-mobile-beratung.de/mobile-beratung/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Jan-Paul Koopmann
       
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