# taz.de -- Energetische Sanierung: Es bröckelt am Rollberg
       
       > Unter sanierungsbedürftigen Häusern leiden sowohl Mieter:innen als
       > auch das Klima. Die Initiative Soziale Wärmewende jetzt will beiden
       > helfen.
       
 (IMG) Bild: Hohe Heizkosten, sinkende Lebensqualität: ein Haus des Wohnkomplexes Rollbergsiedlung in der Falkstraße
       
       Vor der rot lackierten Hauseingangstür in der Neuköllner Rollbergsiedlung
       stehen Eliz Kurt und Merete Looft mit einem Klemmbrett in der Hand und
       klingeln. Ein älterer Mann in Hausschlappen kommt durch das Treppenhaus und
       öffnet. „Manchmal geht die Tür nicht auf“, sagt er, deswegen sei er lieber
       direkt gekommen, um zu öffnen.
       
       Er sei schon seit 30 Jahren Mieter in dem Haus, sagt er – es gebe genug
       Dinge, über die er sich beschweren könne. „Die Terrasse ist schön. Alles
       andere ist schlimm“, sagt der Mieter. Dann beginnt er von der
       Asbestbelastung zu sprechen, von kaputten Fahrstühlen, dem Müll, der Ratten
       anlocke, von Wasserschäden und Rohrbrüchen und schließlich von hohen
       Nachzahlungen – „Bei vielen hier im Block waren es mehrere Hundert Euro.“
       
       Kurt und Looft sammeln Unterschriften für einen Brandbrief an [1][die
       Direktkandidaten des Wahlkreises.] Immerhin ist die Eigentümerin der
       Rollbergsiedlung die landeseigene Wohnungsbaugesellschaft Stadt und Land.
       Sie wollen, dass die vielen Mängel des in den 60er Jahren errichteten
       Wohnkomplexes behoben werden und fordern, dass die Häuser umfassend
       energetisch saniert werden. Doch im Gegensatz zur bisherigen Praxis von
       Wohnungsunternehmen sollen die Sanierungskosten nicht auf die Miete
       draufgeschlagen werden.
       
       Aufgerufen zu der Unterschriftensammlung hat der Kiezrat Rollberg, ein
       Zusammenschluss aus Mieter*innen der Siedlung. Unterstützt werden sie
       von den Klimaaktivist:innen der [2][Initiative Soziale Wärmewende
       jetzt.] Für sie ist die Rollbergsiedlung ein Beispiel, wie Mieter:innen-
       und Klimagerechtigkeitskämpfe zusammengeführt werden können. Denn
       energetische Sanierungen senken sowohl die Nebenkosten als auch den
       CO₂-Verbrauch.
       
       ## Landeseigen und vergessen
       
       Eliz Kurt pflegt ihren 84-jährigen Vater, der hier Mieter ist. Zehn Tage
       lang gab es in der Falkstraße, in einem der Wohnblöcke der Rollbergsiedlung
       in Neukölln, kein Wasser. „Wir haben ihm dann Eimer und Flaschen mit Wasser
       hingestellt“, sagt Kurt. Ein anderes Mal fiel über Monate hinweg der
       Fahrstuhl aus – ihr Vater sitzt im Rollstuhl: „Tagespflege, Arzttermine –
       er ist da nicht mehr hingegangen. Das ist doch kein Zustand“, sagt sie.
       
       Nachdem er seine Wohnung in der Werbellinstraße ein paar Jahre zuvor wegen
       Schimmel verlassen musste, muss der Vater nun vermutlich erneut die Wohnung
       wechseln, da – wie in großen Teilen der Rollbergsiedlung – nun Spuren von
       Asbest in den Badezimmerschächten gefunden wurden. Er und viele andere
       Mieter*innen erhielten aus diesem Grund Anfang des Jahres ein Schreiben,
       in dem die Eigentümerin der Rollbergsiedlung, die landeseigene
       Wohnungsbaugesellschaft Stadt und Land, Strangsanierungen ankündigte: Die
       Versorgungsleitungen sollen erneuert werden.
       
       Für viele Mieterinnen ist das zwar ein notwendiger Schritt – aber eben nur
       ein erster. Denn weitere Instandsetzungsmaßnahmen seien derzeit nicht
       geplant, teilte Stadt und Land mit. Zurück bleiben viele andere Probleme,
       mit denen die Bewohnerinnen seit Jahren leben: Schimmel, kaputte Fenster,
       hohe Energiekosten und eine veraltete Wärmeversorgung.
       
       Schon etliche Male hat Eliz Kurt, die solche Angelegenheiten für ihren
       Vater regelt, versucht, Stadt und Land wegen solcher Mängel zu
       kontaktieren. Sie scrollt durch ihr E-Mail-Postfach: „Sehr geehrte Damen
       und Herren, ich bitte Sie, die erschwerte Lage meines Vaters zu
       berücksichtigen“, „…eine Notfallsituation“. Doch die Mails laufen ins
       Leere, Stadt und Land ist nicht zu erreichen. Früher gab es ein Büro von
       Stadt und Land im Kiez, das aber während der Coronazeit geschlossen wurde
       und nicht wieder öffnete. Seitdem fehlt eine niedrigschwellige
       Anlaufstelle.
       
       ## Neubau vor Sanierung
       
       In dem Brandbrief fordert der Kiezrat „eine feste verlässliche
       Mängelmeldestelle“, „verbindliche Zeitpläne für die Sanierung“, und
       umfassende und sozial gerechte Sanierungen.
       
       Merete Looft von der Initiative Soziale Wärmewende jetzt war schon vorher
       in der Klimabewegung aktiv. „Wenn die Mieter*innen von ihren hohen
       Nachzahlungen erzählen, antworten wir: Das liegt auch daran, dass die
       Wohnung so schlecht gedämmt ist“, sagt Looft. Die Interessen von
       Mieter*innen und Klimaschützer*innen würden also eigentlich Hand in
       Hand gehen. Selbst wenn manchen Personen Klimaschutz zu abstrakt sei,
       fänden [3][eine gut gedämmte Wohnung, in der man gut leben könne], alle
       gut, sagt Looft.
       
       Statt auf umfangreiche Sanierung, um bestehende Wohnungen intakt zu halten,
       setzten viele Wohnungsbauunternehmen auf Neubau – denn Sanierungen sind
       teuer: „Natürlich ist Neubau wichtig, aber das kann nicht bedeuten, dass
       der Bestand dem Verfall überlassen wird“, sagt Looft.
       
       Auch an der Tür von Eliz Kurts Vater klingelten die Aktivist*innen vom
       Kiezrat und der Sozialen Wärmewende jetzt: „Ich wünschte, ich hätte früher
       von solchen Aktionen gewusst“, sagt Eliz Kurt, die heute selbst
       Unterschriften sammelt. Sie klingelt an einer weiteren Tür im Wohnkomplex
       der Rollbergsiedlung. Eine Frau öffnet, ihre zwei Kinder luken hinter ihrem
       Rücken hervor. Sie hat einen Putzlappen und Glasreiniger in der Hand. „Ich
       hasse es!“, sagt sie. Das Störendste sei der Dreck überall im Kiez: „Hier
       liegen Spritzen rum, immer wieder gibt es Rattenplagen – meine Kinder
       dürfen hier nicht spielen.“ Nachdem sie den Brandbrief unterschrieben hat,
       verabschiedet sich die Mieterin mit den Worten: „Ich putze mal meine
       kaputten Fenster weiter.“
       
       ## Politik soll sich bekennen
       
       Neun Unterschriften sammeln die beiden an diesem Tag – „Manchmal sammelt
       man 30 Unterschriften, manchmal nur 3“, sagt Klimaaktivistin Merete Looft.
       Aber es komme nicht auf die Zahlen an. Es gehe vor allem darum,
       Mieter*innen zu aktivieren – das sei für den langfristigen Erfolg der
       Bewegung viel wichtiger, sagt Looft.
       
       Bis zum 1. September sammeln die Aktivist*innen weiter. An dem Tag will
       die Initiative in einem von ihr organisierten Wahlforum die Politik mit
       ihren Forderungen konfrontieren. Eingeladen sind die
       Direktkandidat*innen der SPD, CDU, Linken und Grünen, bislang hätten
       alle zugesagt, bis auf die CDU. „Wenn Politiker*innen sagen, sie
       wollen hier in Neukölln in das Abgeordnetenhaus einziehen, dann müssen sie
       auch eine Zusage zur Rollbergsiedlung treffen“, sagt Moritz S., ein
       weiterer Wärmewende-Aktivist.
       
       20 Aug 2026
       
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