# taz.de -- Moderne indonesische Gamelanmusik: Transkulturelles Trommeln für die Orientierung
> Gamelan ist mitnichten statischer Ausdruck traditioneller Folklore. Junge
> Vertreter der indonesischen Musikrichtung arbeiten mit elektronischen
> Klangelementen.
(IMG) Bild: Ensemble Saluktat
Wer zum ersten Mal einem Gamelanensemble zuhört, hat möglicherweise
Schwierigkeiten: Es gibt oft keine Melodie, keinen Takt, an dem sich das
Ohr festhalten kann. Stattdessen entsteht ein schillernder Klang aus
Bronze: Gongs, Metallofone und kleine Buckelbecken greifen ineinander,
Trommeln geben Orientierung. Jeder perkussive Ton klingt nach, während der
nächste bereits entsteht.
[1][Gamelan] ist die traditionelle Ensemblemusik Indonesiens, insbesondere
Javas und Balis. Gespielt wird sie auf Instrumentensätzen, die eigens dafür
gebaut und gestimmt werden – jedes Ensemble besitzt seinen eigenen Klang.
Die Besetzung in einem balinesischen Gamelanensemble reicht vom Quartett
bis hin zu 50 Musiker:innen.
Die verschiedenen Instrumente haben jeweils feste Funktionen: Die Gongs
gliedern die Komposition, vor ihnen befinden sich die Metallofone, die mit
gebogenen Hämmern gespielt werden. Ganz vorn sind die Trommeln: Wie ein
akustischer Dirigent steuern sie die Musik. Dazu kommen manchmal noch
Streichinstrumente oder Gesang. Die meisten Instrumente sind sehr niedrig
auf dem Boden platziert, weshalb die Musiker:innen oft auf dem Boden
sitzen.
In Europa wird Gamelan zumeist mit Tempeln, Ritualen und jahrhundertealten
Traditionen assoziiert – als Ausdruck einer scheinbar zeitlosen, „fremden“
Kultur. Der US-palästinensische Literaturwissenschaftler Edward Said
beschrieb solche Vorstellungen als westliche Projektionen des Exotischen.
Auch Indonesien war Teil dieser kolonialen Ordnung: Erst nach fast
350-jähriger niederländischer Kolonialherrschaft und einem blutigen
Unabhängigkeitskrieg wurde Indonesien 1949 unabhängig.
## Nichts ist statisch
Dabei ist Gamelan keineswegs ein statisches Kulturerbe. Gerade auf den
Inseln Java und Bali haben sich lebendige Szenen zeitgenössischer Musik
entwickelt. Komponist:innen verändern Instrumente und Tonsysteme,
arbeiten mit zeitgemäßer Elektronik und entwickeln damit neue musikalische
Formensprachen. Gamelan ist hier kein folkloristisches Museumsexponat,
sondern Material für Gegenwartskunst.
Java ist das politische und wirtschaftliche Zentrum Indonesiens. Dort lebt
mehr als die Hälfte aller Indonesier:innen. Bali dagegen ist international
vor allem als touristisches Sehnsuchtsziel bekannt. Die Insel ist gerade
5.600 Quadratkilometer groß – ungefähr vergleichbar mit der Fläche von
Sachsen-Anhalt – und wurde während der Kolonialzeit als „Insel der
Tradition“ inszeniert: als Gegenbild zur Moderne, voller Tempel, Tänze und
Rituale.
Diese Vorstellungswelt prägt die Wahrnehmung der Inselnation bis heute.
Tatsächlich aber unterscheiden sich die musikalischen Praktiken innerhalb
Indonesiens erheblich. Die zentraljavanische Musik ist meist ruhig und
basiert auf einer gemeinsamen Kernmelodie, der sogenannten Balungan. Der
westjavanische Gamelan ist rhythmisch beweglicher und stärker vom Tanz
geprägt. Die virtuoseste Form von Gamelan findet sich auf Bali:
hochkomplex, kontrastreich und von enormer Geschwindigkeit.
Charakteristisch für den balinesischen Gamelan ist das sogenannte Kotekan,
ein Interlocking-Prinzip, bei dem zwei Stimmen ineinandergreifen, um
gemeinsam eine Melodie zu erzeugen. Keine Stimme spielt das Ganze allein.
Erst das Zusammenspiel ergibt die musikalische Struktur.
## Eine Schlüsselfigur des zeitgenössischen Gamelan
Einer der Komponisten, der diese Tradition radikal weiterentwickelt, ist
[2][Dewa Alit]. Der 1973 auf Bali geborene Künstler gilt als Schlüsselfigur
des zeitgenössischen Gamelan. Mit seinem Ensemble Gamelan Salukat
entwickelt Alit neue Instrumente, experimentiert mit alternativen
Tonsystemen und komponiert Werke von enormer rhythmischer Komplexität.
Seine musikalische Ausbildung begann im Kindesalter. „Mein Vater hat mir
das Metallofon beigebracht. Später habe ich von meinem Bruder gelernt, wie
man ein Orchester leitet.“ Ein typisches Merkmal für Gamelan: Die Musik
wird durch Beobachtung, Nachahmung und beim gemeinsamen Spiel vermittelt.
Diese Form des Lernens prägt Alits Arbeit bis heute. „[3][Man muss
mindestens acht Jahre lernen], um Gamelan wirklich zu verstehen. Wir müssen
einander zuhören und spontan miteinander kommunizieren.“
Genau darin liegt ein wesentlicher Unterschied zur europäischen Kunstmusik.
Zwar notieren viele zeitgenössische Gamelankomponist:innen ihre
Werke inzwischen schriftlich, doch die eigentliche Aneignung erfolgt
weiterhin über das Hören und Nachspielen. Die Partitur dient eher als
Orientierung denn als letztgültige Autorität.
Ein Beispiel dafür ist die Musik von Iwan Gunawan (geboren 1974), der seine
Werke zwar notiert, aber sie trotzdem durch Nachahmung an sein Ensemble
weitergibt. Er gilt als einer der führenden zeitgenössischen Komponisten
Indonesiens. In seiner Musik verbindet er traditionelle Gamelanklänge mit
Elektronik und komplexen rhythmischen Strukturen.
## Kein Unterschied zwischen „Ost“ und „West“
Gunawans Arbeiten entstehen häufig in enger Zusammenarbeit mit
Tänzer:innen, Ensembles und elektronischen Studios, was seine Musik stark
prozessorientiert und kollektiv geprägt hat. Besonders wichtig ist für ihn
die Erweiterung des Gamelanklangs: Instrumente werden elektronisch
verfremdet, transponiert und live mit dem Ensembleklang verschmolzen.
Gunawan macht keinen Unterschied zwischen „Ost“ und „West“, auch nicht
zwischen seinen javanischen Wurzeln und den westlichen Wurzeln vieler
seiner künstlerischen Partner:innen. „Mich interessiert eher das
Transkulturelle“, hat er einmal gesagt, „Musik ist einfach Musik“. Vor
Kurzem ist Iwan Gunawan völlig überraschend mit nur 52 Jahren verstorben,
während er in Amsterdam mit der Tanzgruppe Leine Roebana am Proben war. Für
den deutschen Komponisten Dieter Mack, der ihn über viele Jahre begleitet
hat, ist sein Tod „ein ganz herber Verlust“, weil Gunawan „die neuere Musik
in Westjava ganz entscheidend geprägt hat“.
Die Arbeiten von Dewa Alit und [4][Iwan Gunawan] zeigen, dass Tradition
kein unveränderlicher Bestand ist. Gamelanmusik wird in ihrem Verständnis
ständig neu aktiviert – beim Lernen, durch Zusammenspiel und im Experiment.
Genau das betont auch der balinesische Komponist Wayan Sudirana. Der 1980
geborene Musiker lebt bis heute in seiner Geburtsstadt Ubud, leitet dort
ein eigenes Ensemble und unterrichtet an der Kunstakademie in Denpasar.
Zugleich hat er sich intensiv mit Musiktraditionen aus Korea, Indien und
Ghana beschäftigt und in Kanada promoviert. „Zeitgenössischer Gamelan ist
nicht einfach eine modernisierte Version traditioneller Musik“, erklärt
Sudirana. „Er ist eine lebendige und sich ständig weiterentwickelnde
künstlerische Sprache, die Raum für Experimente, Reflexion und
interkulturellen Dialog schafft.“ Für Sudirana ist Gamelan ein Medium, mit
dem Komponist:innen auf gesellschaftliche Veränderungen, technologische
Entwicklungen und globale Verflechtungen reagieren können.
Gleichzeitig bleibt die Verbindung zur musikalischen Tradition zentral.
„Zeitgenössischer Gamelan ist sowohl in der Tradition verwurzelt als auch
offen für Transformationen.“ Gerade darin liegt die besondere Stärke dieser
Musik. Sie bewahrt ihre Geschichte nicht durch Stillstand, sondern durch
Veränderung.
Wer zeitgenössische Gamelanmusik aus Indonesien hört, begegnet deshalb
keiner „exotischen“ Klangwelt aus einer fernen Vergangenheit. Vielmehr wird
hörbar, wie Komponist:innen aktuell zwischen lokaler Tradition,
globalem Austausch und künstlerischer Innovation neue Formen musikalischer
Gegenwart entwickeln.
7 Aug 2026
## LINKS
(DIR) [1] /verweis/!5453715/
(DIR) [2] https://dewaalit.bandcamp.com/album/baur-bentur
(DIR) [3] https://dewaalit.bandcamp.com/album/chasing-the-phantom
(DIR) [4] https://iwangunawan543.bandcamp.com/album/the-infinite-gameland-i
## AUTOREN
(DIR) Sophie Emilie Beha
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(DIR) Indonesien
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