# taz.de -- Historikerin über Westfälischen Frieden: „Wir wissen, dass ein Diktatfrieden nicht funktioniert“
       
       > Der Osnabrücker Handschlag erinnert an den Westfälischen Frieden von
       > 1648. Siegrid Westphal über die Macht von Kommunikation und Kompromiss.
       
 (IMG) Bild: Mistgabeln für den Frieden: Kunstprojekt von Volker-Johannes Trieb zum 375. Jahrestag des Westfälischen Friedens
       
       taz: Frau Westphal, als der Dreißigjährige Krieg mit dem Westfälischen
       Frieden endete, verhandelt auch in Osnabrück, bekräftigt mit einem
       Handschlag am 6. August 1648, hat Europa aufgeatmet. Aber viel gelernt hat
       die Menschheit daraus nicht, oder? 
       
       Siegrid Westphal: Ich glaube, die Menschheit ist mit Blick auf die
       Fähigkeit, den Frieden zu erhalten, grundsätzlich kaum lernfähig!
       
       taz: Eine deprimierende Aussage. 
       
       Westphal: Man hat sicher etwas aus dem Westfälischen Frieden mitgenommen,
       vor allem mit Blick auf den Religionsfrieden. Das Zusammenleben der drei
       großen christlichen Konfessionen Katholizismus, Luthertum und Calvinismus
       ist damals wirklich gut gelöst worden. Das hat zu Stabilität geführt. Was
       man nicht gelernt hat, ist, machtpolitische Fragen auf europäischer Ebene
       friedlich auszutragen, kommunikativ. In der zweiten Hälfte des 17.
       Jahrhunderts hat es gleich wieder große Kriege auf europäischer Ebene
       gegeben.
       
       taz: Kriege gehören zur Menschheitsgeschichte dazu? 
       
       Westphal: Weil das Machtstreben etwas vielleicht typisch Menschliches ist.
       Wenn man sagt, man lernt aus Friedensschlüssen, wäre ich sehr vorsichtig.
       Man kann versuchen, das Miteinander so zu gestalten, dass möglichst keine
       weiteren Konflikte ausbrechen. Aber dass das dennoch geschieht, kann kein
       Friedensschluss verhindern.
       
       taz: Jedes Jahr nimmt Osnabrück den Handschlag von damals zum Anlass eines
       Kulturfestes, und Osnabrück bezeichnet sich als „Friedensstadt“. Aber die
       Stadt ist dadurch keine Insel der Glückseligen in einem Meer von Gewalt. 
       
       Westphal: Nein, sicher nicht.
       
       taz: Ein Programmpunkt der Handschlagsfeier ist ein Outdoor-Escape-Room zum
       Sommer 1648. Woraus entkommen wir da? 
       
       Westphal: Da geht es um Gefährdungen, die den Friedensabschluss verhindern
       könnten. Das ist ein Suchspiel im öffentlichen Raum, das einem breiteren
       Publikum spielerisch Forschungsergebnisse vermittelt.
       
       taz: Als Ausweis moderner Erinnerungskultur? 
       
       Westphal: Genau. [1][Für mich ist Osnabrück eine Friedensstadt], weil es
       die Stadt des Westfälischen Friedens ist. Und dann muss man sich überlegen,
       welche Konsequenzen man daraus bis in die Gegenwart zieht. Will man nur
       historisch erinnern? Oder will man den Friedensstadtbegriff ausweiten, im
       Sinne konkreter Friedensarbeit der Stadtgesellschaft?
       
       taz: Wie hat sich der Begriff Frieden im Laufe der Jahrhunderte verändert? 
       
       Westphal: Wir betrachten Frieden heute stärker als Prozess, als etwas, das
       mit einem Vertrag nicht abgeschlossen ist, das nicht nur die Abwesenheit
       von Gewalt bedeutet, sondern an dem man kontinuierlich arbeiten muss.
       
       taz: Gibt es Kernfaktoren, die vorhanden sein müssen, damit ein Friede
       langfristig hält? 
       
       Westphal: Wir wissen, dass ein Diktatfrieden nicht funktioniert, wenn sich
       also eine Partei militärisch durchgesetzt hat und die Bedingungen
       vorschreibt. [2][Alle Seiten müssen friedenswillig und kompromissbereit
       sein], von ihren ursprünglichen Kriegszielen abweichen können. Wichtig ist
       auch, alle Konfliktparteien an einen Tisch zu bringen, nicht über die Köpfe
       hinweg zu verhandeln.
       
       taz: Wenn wir an Geschichte denken, denken wir meistens an Kriege,
       Schlachten. Oder täuscht das? 
       
       Westphal: Das täuscht nicht. Mit Blick auf den Dreißigjährigen Krieg und
       den Westfälischen Frieden ist es tatsächlich so, dass wir immer noch die
       großen Schlachten und Feldherren benennen können, wenn man dann aber fragt,
       wer am Friedenskongress beteiligt war, wird man keine Antwort bekommen. Das
       Interesse an Krieg, an Gewalt, an Konflikten ist deutlich ausgeprägter als
       das Interesse an Friedensprozessen, an Friedensschlüssen.
       
       taz: Warum? 
       
       Westphal: Da herrscht, auch in den Medien, [3][Sensationslust,
       Sensationsgier]. Frieden dagegen ist nicht besonders „sexy“, ist etwas
       Mühsames, das sich schlecht verkaufen lässt. [4][Jeder will Frieden], aber
       niemand interessiert sich dafür, wie er hergestellt werden kann.
       
       4 Aug 2026
       
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