# taz.de -- Tour de France: Mehr als eine Frage des Rahmens
       
       > Bei der Frankreich-Rundfahrt kommt immer mehr Sporttechnologie zum
       > Einsatz. Künstliche Intelligenz hilft, Training und Wettkampf zu steuern.
       
 (IMG) Bild: Hightech auf der Landstraße: Remco Evenepoel beim Zeitfahren
       
       Technik macht den Unterschied. Remco Evenepoel legte am Dienstag die 26,1
       Kilometer des Zeitfahrens der Tour de France als Schnellster zurück. Dem
       Belgier half beim Rennen am Lac Léman, auch bekannt als Genfer See, sein
       neues Zeitfahrrad, das sich durch eine neue aerodynamische Frontpartie
       auszeichnet.
       
       Sie ist sehr spitz dort, wo der Wind unmittelbar auftrifft, und länger nach
       hinten gezogen, um dort den Fahrtwind besser abzuleiten. Das Sitzrohr
       wiederum ist so geformt, dass noch weniger Luft als gewohnt zwischen ihm
       und dem Hinterrad zirkulieren kann. Auch das soll aerodynamische Vorteile
       bringen.
       
       Evenepoel jedenfalls bedankte sich nach dem Sieg ausdrücklich bei den
       Specialized-Entwicklern für sein neues Arbeitsgerät. Er war auch der
       einzige, der das neue Modell fuhr. Sein Teamkollege Florian Lipowitz, der
       unglücklich ausschied nach einem Sturz beim Zeitfahren, war noch auf dem
       Vorgängermodell am Start. „Sie hatten noch keinen Rahmen in meiner Größe“,
       nannte der Schwabe vor dem Start als Grund.
       
       Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass ziemlich viel
       Anpassungsleistungen an ein neues Rad erbracht werden müssen.
       Möglicherweise hat bei Red Bull-Bora-hansgrohe die Furcht, man verursache
       durch revolutionäre Veränderungen eher Verschlechterungen, den Ausschlag
       für das traditionelle Material bei Lipowitz gegeben. Gleichwohl ist
       Evenepoel natürlich der bessere Zeitfahrer, wie WM-Titel und Olympiasieg
       beweisen.
       
       ## Der Fahrer als Avatar?
       
       Um die aerodynamisch beste Verbindung von Mensch und Maschine überhaupt
       herauszufinden, werden die klassischen Windkanaltests mittlerweile von
       Simulationen mit Hilfe von künstlicher Intelligenz ergänzt. Das spart Zeit
       – und die Entwickler kommen möglicherweise auf interessantere Ideen.
       
       KI wird immer stärker auch bei der Analyse von Training und Wettkampf
       eingesetzt. Denn Profiradsportler produzieren unentwegt Daten. Ihre
       Radcomputer messen Geschwindigkeit, Krafteinsatz auf der Pedale und
       Herzfrequenz. Auch die GPS-Daten werden abgespeichert, so dass sich gezielt
       ablesen lässt, an welchen Teilen eines Anstiegs welche Kraft eingesetzt
       wurde, wie schnell der Einzelne war und bei welchem Herzschlag er diese
       Leistung produzierte. Weitere Sensoren messen Schlafparameter – und damit
       die Regeneration. Aber auch Körperkerntemperatur – wichtig, um Überhitzung
       zu vermeiden – und das Atemvolumen können gemessen werden.
       
       Als wichtigsten Sensor in jüngster Zeit bezeichnete Mathieu Heijboer, Head
       Coach von Team Visma–Lease a Bike, den Tymewear-Sensor, der eben das
       Atemvolumen misst. „Das gibt uns einen noch besseren Eindruck darüber, in
       welchen Belastungszonen sich die Fahrer befinden, und wir können ihnen auch
       besser vermitteln, in welchen Zonen sie trainieren sollen“, sagte der
       Betreuer des zweifachen Toursiegers Jonas Vingegaard. „So erfolgt das
       Training effektiver.“
       
       KI sei wichtig, weil das Management der immer größer werdenden Datenmengen
       so bedeutend sei. Es gelte, frühzeitig Muster zu erkennen und das Training
       entsprechend anzupassen, erklärt Dan Lorang, lange Jahre Head Coach bei Red
       Bull–Bora–hansgrohe und ab 1. August beim zweiten deutschen Rennstall, Lidl
       Trek, unter Vertrag. Lorang sieht die Branche auf dem Weg, eine Art
       „digitalen Zwilling“ der Sportler zu kreieren.
       
       In den fließt dann hinein, was man an physiologischen Werten und
       Leistungsparametern der Fahrer kennt. Nimmt man dann noch die ebenfalls
       bekannten Werte über das Profil einer Etappe, einschließlich Temperaturen,
       Windrichtung und -geschwindigkeit, lassen sich komplette Etappen simulieren
       und daraus Pacing-Strategien für die einzelnen Fahrer eines Teams
       entwickeln. „Ich denke, in Zukunft werden wir aufgrund der Daten immer mehr
       Live-Analysen eines Rennens machen können und damit auch bessere Strategien
       entwickeln“, sagt Visma-Mann Heijboer.
       
       Werden die Fahrer zu bloßen Avataren, die ferngesteuert von ihren Trainern
       und sportlichen Leitern zu Bestleistungen getrieben werden? „Ich möchte
       weiter das menschliche Element im Radsport beibehalten“, sagt John
       Wakefield, der aktuelle Headcoach von Red Bull–Bora–hansgrohe. „Ich möchte
       den Fahrer nicht als Roboter sehen, und Radsport ist auch kein Videospiel,
       in dem du einem Sportler sagst: ‚Trete mal hier 400 Watt.‘“ Andere befragte
       Experten sehen das ähnlich. Denn, wie Wakefield sagt, „der Fahrer kann
       einen schlechten Tag haben, an dem das gar nicht möglich ist. Ich möchte
       auch weiter, dass Instinkt und Gefühl für den eigenen Körper eine Rolle
       spielen.“
       
       22 Jul 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Tom Mustroph
       
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