# taz.de -- In der Ollenhauerstraße sollen Bäume weg: Bürgerinitiative kämpft gegen Kahlschlag
       
       > Gegen die Fällung von 116 Bäumen im Rahmen einer Straßenrenovierung in
       > Reinickendorf demonstriert eine Bürgerinitiative. Sie fordert eine
       > Planänderung.
       
 (IMG) Bild: 1967 wurde die Ollenhauerstraße verbreitert. So baumlos könnte es dort bald wieder aussehen, wenn sich die CDU durchsetzt
       
       Vormittags um 11 Uhr an einem Samstag im Juli. Vor dem Kaufland in der
       Ollenhauerstraße, einer vierspurigen Hauptstraße in Reinickendorf,
       versammeln sich etwa 50 Menschen in gelben und orangen Warnwesten, einige
       mit Fahrrädern. Viele haben Schilder dabei, auf denen „Lasst die Bäume
       stehen“ oder „Finger weg von den Bäumen!“ steht. Sie sind hier, um gegen
       die geplante Fällung von 116 ausgewachsenen Bäumen im Rahmen einer
       Straßenrenovierung mit Mahnwache und Fahrraddemo zu demonstrieren.
       
       „Es freut mich, dass ihr so zahlreich erschienen seid“, begrüßt sie der
       Initiator dieser Versammlung, Thomas Rost. Er ist Mitglied bei den Grünen
       und Gründer der [1][Bürgerinitiative BI Ollenhauerstraße]. Rost war schon
       an einer früheren Bürgerinitiative beteiligt, die sich in Reinickendorf für
       den Erhalt von Bäumen eingesetzt hatte – erfolgreich [2][(taz berichtete)].
       Dass nun auch in der Ollenhauerstraße die Bäume weichen sollten, hat Rost
       nur zufällig auf der Webseite des Bezirksamts erfahren. Als er merkte, dass
       sich kein Widerstand tut, habe er schließlich im September 2025 die
       Bürgerinitiative gegründet.
       
       Im März 2026 hatte Rost mit einigen Unterstützer*innen Einsicht in die
       Sanierungspläne erhalten. Dabei haben sie erfahren, dass es seit Beginn der
       Planungen 2018 auch noch eine zweite Variante gibt, bei der die Bäume
       stehen bleiben können. Grundlage für die Entscheidung für Variante 1 war
       eine Bewertungsmatrix, die laut Verkehrs- und Umweltstadtrat Sebastian
       Pieper (CDU) von einem Berliner Ingenieursbüro erstellt wurde.
       
       Rost und seine Mitstreiter*innen können diese Matrix nicht
       nachvollziehen, insbesondere, weil Faktoren wie Hitze- und Klimaschutz
       überhaupt keine Rolle spielen. Auch für Jens Augner, Fraktionsvorsitzender
       und Sprecher für Mobilität der Grünen in der Bezirksverordnetenversammlung
       (BVV) Reinickendorf, ist die Entscheidung für Variante 1 unverständlich.
       „Die Kriterien des Rasters im Gutachten und die vorgenommene Gewichtung
       bleiben unklar“, sagt er der taz. Seine Partei – sowie die SPD-Fraktion in
       der BVV – unterstützen Rost in seinem Kampf gegen die Baumfällungen.
       
       ## Wohin soll der Radweg?
       
       Den größten Unterschied zwischen den beiden Versionen macht der Radweg: Die
       vom Bezirksamt bevorzugte Variante 1 sieht vor, einen Hochbordradweg neben
       den Fußgängerweg zu bauen. Dafür müssten die Bäume weg. Bei Variante 2
       würde der Radweg auf die Fahrbahn verlegt, so wie es in Teilen der Straße
       seit einigen Jahren angelegt ist. In diesem Falle könnten die Bäume stehen
       bleiben.
       
       Bezirksstadtrat Pieper hält jedoch am Hochbordradweg fest. „Viele
       Radfahrer, insbesondere Kinder, ältere Menschen und unsichere Personen,
       empfinden die räumliche Trennung vom Kraftfahrzeugverkehr als sicherer“,
       erklärt sein Referent.
       
       Dass dem in der Praxis nicht so ist, sagt der Leiter des Forschungsbereichs
       Mobilität und Raum an der TU Berlin, Wulf Holger Arndt: „Während
       Hochbordradwege ein subjektives Sicherheitsgefühl durch die räumliche
       Trennung vom Kfz-Verkehr vermitteln, bringen sie eine Reihe objektiver
       Nachteile mit sich.“ Dazu zählen etwa gefährlichere Kreuzungssituationen
       oder Konflikte mit Fußgängern. Radfahrstreifen auf der Fahrbahn hätten
       hingegen entscheidende Vorteile, etwa dass Radfahrende für den Kfz-Verkehr
       insbesondere an Kreuzungen viel besser sichtbar sind, was die Unfallgefahr
       beim Abbiegen deutlich reduziere.
       
       ## Demo vorm Rathaus
       
       Eine Stunde vor Beginn der letzten BVV-Sitzung vor der Sommerpause
       versammeln sich etwa 70 bis 80 Menschen zu einer Demo vor dem Rathaus
       Reinickendorf. Jens Augner von den Grünen und eine Vertreterin der SPD sind
       auch dabei und kündigen ihre Unterstützung an.
       
       In der BVV stellen Rost und seine Unterstützer*innen ihre
       Einwohneranfragen. Eine Frau fragt etwa, wie das Bezirksamt den Hitzeschutz
       unmittelbar sichern möchte, wenn die Bäume gefällt sind. Stadtrat Pieper
       erwidert, dass über 120 Neupflanzungen von klimaresilienten Bäumen
       vorgesehen seien. Bis diese jedoch die Kühlleistung von Altbäumen
       erreichen, [3][kann es Jahrzehnte dauern]. Währenddessen sind extreme
       Hitzewellen wie die Ende Juni bereits heute Realität.
       
       Um diese Lücke zu schließen, sieht das im November 2025 in Berlin
       eingeführte Klimaanpassungsgesetz vor, für jeden gefällten Baum mindestens
       drei neue zu pflanzen. Auf die Frage eines weiteren Einwohners in der BVV,
       ob dieses Gesetz in Reinickendorf nicht gelte, geht Pieper nicht ein. Auf
       Nachfrage durch die taz heißt es von seinem Referenten: „Wie viele
       Ersatzpflanzungen im Rahmen einer Maßnahme vorzunehmen sind, ergibt sich
       nicht allein aus dem Klimaanpassungsgesetz.“ Entscheidend seien etwa die
       jeweils geltenden Vorgaben der Baumschutzverordnung oder die Frage, wie
       viel Platz es für die Neupflanzungen überhaupt gibt.
       
       Was in der ganzen Angelegenheit oft unter den Tisch fällt, ist die
       Tatsache, dass neben der geplanten Sanierung der Straße auch noch Pläne für
       die Weiterführung einer Straßenbahnlinie existieren. Auf die Frage, wie das
       Bezirksamt die geplanten über 25 Millionen Euro an Sanierungskosten
       rechtfertigt, mit dem Wissen, dass die Straße potenziell in den kommenden
       Jahren erneut umgebaut werden müsste, heißt es nur, dass eine Weiterführung
       der Straßenbahnlinie noch geklärt werden müsse, weil eine Eisenbahnbrücke
       Probleme verursache.
       
       Obwohl also viele Argumente gegen die Fällung der Bäume und für die
       vorliegende Version 2 sprechen, hält das CDU-geführte Bezirksamt weiter an
       Variante 1 fest. Ein Radstreifen auf der Fahrbahn habe dem
       Stadtrat-Referenten Feiler zufolge nicht nur eine „stärkere Aufheizung und
       Wärmeabstrahlung der Verkehrsflächen zur Folge“, sondern sei auch noch
       teurer. Ob die Aufheizung der Straße durch kleinere Jungbäume und die
       Kosten für die Fällungen und Neupflanzungen hier mit eingeplant wurden,
       bleibt offen.
       
       Gibt es also noch Hoffnung für die Bäume? „Es gibt immer Hoffnung, sonst
       würde ich das nicht machen“, beteuert Thomas Rost. „Wir haben gesehen, wie
       das Interesse gestiegen ist. Außerdem haben wir noch [4][eine Petition
       gestartet], die inzwischen rund 4.500 Unterschriften hat.“
       
       Rost hofft, dass es noch mehr werden. Bis September möchte er weitere
       Mahnwachen organisieren und mit Einwohneranfragen in die BVV-Sitzungen nach
       der Sommerpause gehen und Druck machen. Die Petition will er weiterlaufen
       lassen und im September vor den Landeswahlen dem Bezirksamt überreichen,
       „um ihnen auch noch eine Chance zu geben, möglicherweise einzulenken und
       doch noch ein Moratorium auszusprechen, solange sie noch im Amt sind“.
       
       27 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.openpetition.de/petition/online/berlin-reinickendorf-ollenhauerstrasse-kahlschlag-aller-116-strassenbaeume-fuer-luxus-strassen-neuba
 (DIR) [2] /Anwohnerprotest-im-Berliner-Norden/!6035645
 (DIR) [3] https://www.openagrar.de/servlets/MCRFileNodeServlet/openagrar_derivate_00070512/CliMax_Leitfaden.pdf
 (DIR) [4] https://www.openpetition.de/petition/blog/berlin-reinickendorf-ollenhauerstrasse-kahlschlag-aller-116-strassenbaeume-fuer-luxus-strassen-neuba/16
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Tabea Kirchner
       
       ## TAGS
       
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