# taz.de -- Vertragsvergabe für die Berliner S-Bahn: Das S-Bahn-Märchen 2032
> Die Tinte ist trocken. DB, Siemens und Stadler werden einen Großteil der
> S-Bahn liefern und betreiben. Das ruft KritikerInnen auf den Plan.
(IMG) Bild: Lächeln für 15 Milliarden (oder mehr): die Beteiligten an der Vertragsunterzeichnung
Die Bündnisse „Bahn für alle“ und [1][„EINE S-Bahn für ALLE“] halten die
[2][Vertragsunterzeichnung des Landes Berlin] mit dem Konsortium aus
Deutscher Bahn (DB), Siemens und Stadler für Bau und Betrieb von 350
S-Bahn-Zügen für ein „Desaster“. Damit sei „die Berliner S-Bahn ab heute
teilprivatisiert“, heißt es in einer Stellungnahme der Bündnisse. Die
beiden privaten Firmen würden „tief in die S-Bahn-Struktur integriert und
können künftig den Kurs mitbestimmen“. Wenn man nicht gegensteuere, werde
es „die Berliner S-Bahn, wie man sie heute kennt, ab 2031 nicht mehr
geben“.
Mit der Unterzeichnung des Verkehrsvertrags endete am Donnerstag eine
jahrelange Hängepartie, die mit der [3][Neuausschreibung von Fahrzeugbau
und S-Bahn-Betrieb unter der grünen Verkehrssenatorin Regine Günther]
begonnen hatte. Der Vertrag mit der DB, die schon heute die Berliner S-Bahn
betreibt, und den beiden privaten Unternehmen Siemens Mobility und Stadler
umfasst ein gewaltiges Auftragsvolumen von rund 15 Milliarden Euro.
Er beinhaltet die Lieferung von 350 neuen Halbzügen mit insgesamt 1.400
Wagen sowie deren Instandhaltung, aber auch den Betrieb der beiden
Teilnetze Stadtbahn und Nord-Süd für 30 Jahre. Erst Ende Juni war der Weg
endgültig frei geworden: Da kündigte der im Vergabeverfahren unterlegene
französische Zugbauer Alstom an, [4][gegen das seiner Ansicht nach unfaire
Verfahren nicht juristisch vorzugehen].
Aus Sicht der KritikerInnen haben vor allem zwei Akteure Grund zur Freude:
„Bei den Aktiengesellschaften Siemens und Stadler knallen heute die
Korken“, glaubt Carl Waßmuth, Sprecher von Bahn für Alle. „Die nächsten 30
Jahre dürfen sie mit öffentlichen Geldern Gewinne einfahren, ganz ohne
Risiko.“ Aber auch die DB-Vorstände würden nun „noch mehr Boni verlangen“.
## „Märchenerzählung vom Wettbewerb“
Durch die „Märchenerzählung vom Wettbewerb“ hätten sich die Kosten von
ursprünglich 8 Milliarden inzwischen mindestens verdoppelt, so Waßmuth. „Am
Ende muss sogar vielleicht das Dreifache gezahlt werden.“ Für die, die in
den S-Bahnen sitzen, werde sich die Beförderungssituation zunächst sogar
noch weiter verschlechtern.
Das bestätigte Verkehrssenatorin Ute Bonde (CDU) am Donnerstag. Weil die
Neufahrzeuge erst 2032 auf die Schiene rollen sollen, müssen die bisherigen
Baureihen 480 und 481 in den kommenden Jahren umfassend saniert und
aufgerüstet werden, um bis dahin durchzuhalten. Im Zuge dessen wird sich
laut Bonde das Verkehrsangebot im S-Bahn-Netz um 0,5 Prozent reduzieren.
Die Kritik der Bahn-Bündnisse ist aber vor allem struktureller Natur. In
der neuen [5][„Landesanstalt für Schienenfahrzeuge“ (LSFB)], die den Bau
der Fahrzeuge und ihre Instandhaltung überwachen sowie die Züge nach 15
Jahren übernehmen soll, sehen sie den „Deckmantel“ einer „verschachtelten
Struktur aus mehreren öffentlich-privaten Partnerschaften“. Dadurch drohten
komplizierte Strukturen, unklare Verantwortlichkeiten, höhere Kosten durch
mehr Verwaltung und schlechtere Instandhaltung durch Renditevorgaben, aber
auch „der Verlust der Identifikation mit dem gemeinsamen Arbeitsprodukt
‚guter S-Bahn-Verkehr‘“.
## Jetzt die S-Bahn kaufen
„Bahn für alle“ und „EINE S-Bahn für ALLE“ fordern die Länder Berlin und
Brandenburg auf, die Mehrheit der DB-eigenen S-Bahn Berlin GmbH sowie das
Schienennetz zu erwerben. Letzteres befindet sich in der Hand der DB
InfraGo, die KritikerInnen gehen davon aus, dass es „durch immer weniger
Verzahnung mit dem Betrieb noch stärker verfallen“ werde.
Immerhin: Am Donnerstag versprachen die Unterzeichnenden, dass die neuen
S-Bahn-Züge topmodern sein werden. Optisch werden sie nahezu identisch mit
der jüngsten S-Bahn-Generation sein, die seit einigen Jahren auf der
Ringbahn eingesetzt wird und ebenfalls von Siemens und Stadler gebaut
wurde. Die Neuen seien allerdings „gewichtsoptimiert“, was die Schienen
entlaste und Strom spare. Für die Fahrgäste soll es mehr Barrierefreiheit,
zusätzlichen Platz für Fahrräder, komplette Klimatisierung und
USB-C-Steckdosen geben.
17 Jul 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.eine-s-bahn-fuer-alle.de/
(DIR) [2] https://www.berlin.de/sen/uvk/presse/pressemitteilungen/2026/pressemitteilung.1694436.php
(DIR) [3] /Oeffentlicher-Nahverkehr-in-Berlin/!5809325
(DIR) [4] /Zukunft-der-Berliner-S-Bahn/!6190994
(DIR) [5] https://lsfb.berlin/
## AUTOREN
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