# taz.de -- crime scene: Die toten Frauen von Brandenburg
Wer alt genug ist, die Wendezeit in Berlin bewusst miterlebt zu haben, wird
sich noch an die einprägsam alliterierenden Schlagzeilen erinnern, die
damals eine schreckliche Mordserie begleiteten. „Bestie von Beelitz“ wurde
die Person genannt, die zwischen 1989 und 1991 sechs Frauen und ein Baby im
südlichen Berliner Umland ermordete; andere schrieben „Rosa Riese“, weil
der Mörder bei seinen Gewaltexzessen oft Damenunterwäsche trug. Unter
diesem Titel ist derzeit [1][in der ARD-Mediathek auch eine Dokumentation
zu der Recherche zu sehen,] die die Krimiautorin Sophie Sumburane für ihren
neuen Roman in Beelitz und Umgebung unternahm. Für [2][Sumburane,] Jahrgang
1987, sind die Morde so weit Vergangenheit, dass sie ganz unbefangen an den
einstigen Tatorten herumstehen und Sachen sagen kann wie: Das sei ja schon
irgendwie bedrückend, wenn eine Frau am Rande einer Müllkippe wohne und
dann auch noch umgebracht werde. Wer lesen kann, mag sich die TV-Doku
getrost schenken und lieber gleich zu dem wirklich fesselnden Roman
greifen, den Sumburane aus ihrer Recherche destilliert hat. Die Mischung
aus true crime und Fiktion, die sie darin amalgamiert hat, ist sehr
gelungen.
Der Realität ohne weitere Verfremdungen entnommen sind die Schicksale und
Namen der Opfer. Zu diesen ist auch der Ehemann der ersten Ermordeten zu
zählen, der, zunächst von der Polizei als Hauptverdächtiger behandelt und
dann von der Dorfgemeinschaft geächtet, Selbstmord beging. Auch die Tatorte
beziehungsweise die Dörfer, in deren unmittelbarer Nähe die Tatorte liegen,
werden bei ihren echten Namen genannt. Alles weitere ist fiktiv oder
fiktionalisiert.
Dazu gehören auch jene Passagen, die erstaunlich überzeugend aus der
Perspektive des Täters erzählen und über den größten Teil des Romans hinweg
in die Köpfe der LeserInnen eine falsche Spur legen. In dieser Hinsicht
geht es diesen nicht anders als den fiktiven Hauptfiguren des Romans. Das
sind Hedi und Gabi, zwei junge Frauen aus Deetz, jenem Dorf, in dem der
erste Mord geschieht. Beide haben an einer einsamen Badestelle im Wald
bereits eine unheimliche Begegnung gehabt und fühlen sich nach dem Mord in
der Gegend nicht mehr sicher. Hedi zieht als Erste weg nach Berlin,
zusammen mit ihrem allzu besitzergreifenden Freund, von dem sie sich in der
Folge allmählich emanzipiert. Gabi beginnt in der Hauptstadt ein
Volontariat bei einer großen Boulevardzeitung. Als im Berliner Umland eine
weitere Frau ermordet wird, ist sie die Einzige, die eine Verbindung zur
Toten in Deetz für wahrscheinlich hält, und muss viel Durchhaltevermögen
beweisen, bis sich irgendwann in der testosterongeschwängerten
Wessi-Redaktion die Einsicht durchsetzt, dass die Quoten-Ossifrau von
Anfang an recht hatte und ein Serientäter unterwegs ist. Doch bis es so
weit ist, müssen weitere Frauen sterben. Denn auch die überforderten und in
Umstrukturierung begriffenen Polizeiorgane sind der Lage lange Zeit nicht
gewachsen.
Die ambivalente Atmosphäre der damaligen Zeit, im Osten geprägt von
zugleich großer Verunsicherung und euphorischer Aufbruchstimmung, wird im
Roman eindrücklich nachgezeichnet. Zu dieser existenziellen Grundspannung
kommt die Angst vor dem offenbar wahllos zuschlagenden Serienmörder, die,
wie Hedis und Gabis Erlebnisse zeigen, sich wie ein bedrohlicher Schatten
über das gesamte Leben der Menschen legt. In häufig wechselnden
Perspektiven zeichnet Sumburane in verschiedene Richtungen laufende
Erzählstränge nach, bis sie sich irgendwann begegnen – oder eben nicht. Und
mit dem Wissen im Hinterkopf, dass der reale Täter ziemlich sicher bis an
sein Lebensende im Gefängnis sitzt, lässt sich dieser Erzählungen
einerseits mit angehaltenem Atem, andererseits fast so entspannt folgen,
als sei alles nur ausgedacht.
Katharina Granzin
1 Aug 2026
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