# taz.de -- Anarchist*innen in der Ukraine: „Wir hoffen, dass so viele wie möglich überleben“
> Wie geht politischer Aktivismus im Krieg? Die Aktivist*innen von
> Solidarity Collectives haben sich für praktische Solidarität entschieden.
(IMG) Bild: Praktische Hilfe für antiautoritäre Genoss*innen, die sich für den Kampf entschlossen haben: Mitglieder von Solidarity Collectives
taz: Mira, wie hat sich für Sie als antiautoritäre Linke die Sichtweise auf
Antimilitarismus seit der [1][Invasion der Russen in die Ukraine]
verändert?
Mira: Ich kann nicht sagen, dass sie sich groß verändert hat, ich war nie
Pazifistin. Viele andere und ich haben erkannt, dass der einzige Weg, mit
der Situation umzugehen, zu kämpfen ist.
taz: Wie verhält man sich als politischer Mensch im Krieg?
Mira: Ich denke, aus politischer Sicht sollte man versuchen, nicht die
individualistische Entscheidung zu treffen, sondern die für das Gemeinwohl.
Wenn Krieg herrscht, sieht man viele Menschen leiden. Und wenn man die
psychischen und physischen Kapazitäten hat, ihnen zu helfen oder sie zu
schützen, dann sollte man das auch tun.
taz: Welche Art von Unterstützung bietet Solidarity Collectives an?
Mira: Wir haben vier Abteilungen. Die wichtigste ist „Militarna“. Sie
kümmert sich um einzelne Soldat*innen. Die fragen ganz unterschiedliche
Dinge an, aber hauptsächlich geht es um Schutzausrüstung. Außerdem bauen
wir Drohnen. Das ist ebenfalls für Genoss*innen, die im Einsatz sind. Dann
gibt es noch die Medienarbeit. Wir helfen auch Zivilist*innen aus den
Dörfern nahe der Front, wo die Menschen bereits in Kellern leben. Die Lage
ist sehr schlimm.
taz: Welche Rolle spielen Ihre politischen Ansichten bei dieser
Unterstützung, die Sie leisten?
Mira: Wir unterstützen antiautoritäre Genoss*innen, die sich entschlossen
haben, zu kämpfen. Bei Zivilist*innen machen wir keinen Unterschied.
Aber wir versuchen zu zeigen, wer wir sind und welche Ansichten wir
vertreten und diese auch zu verbreiten. Manchmal klappt das.
taz: Warum ist es Ihnen wichtig, Genoss*innen zu unterstützen, die bei
den Streitkräften sind?
Mira: Wir wollen die Bewegung am Leben erhalten. Wir hoffen, dass so viele
wie möglich von ihnen überleben. Ich würde gerne mehr Menschen
unterstützen, aber wir haben nicht die Kapazitäten dafür.
taz: Wie gedenken Sie als Gruppe der Genoss*innen, die gestorben sind?
Mira: Man kann das [2][neue Fanzine] ansehen, das wir zum Thema
Gedenkkultur gemacht haben. Wenn sie Ukrainer*innen sind, entscheiden
die Familien, wo die Genoss*innen begraben werden. Aber manchmal gibt es
keine Überreste, keinen Leichnam.
taz: Was passiert dann?
Mira: Für diesen Fall haben wir eine Tradition ins Leben gerufen, die es
zum Beispiel auch in der kurdischen Bewegung gibt: Wir pflanzen Bäume.
Meist auf demselben Hügel in Kyjiw. Begonnen haben wir mit dem Baum für
[3][Dmitri Petrow], einen Genossen aus Russland. Und dann gibt es noch
diejenigen, über die nicht gesprochen wird, weil sie aus Belarus stammen
und das Regime die Familien bestrafen kann.
taz: Wie hat sich Ihr politischer Aktivismus durch den Krieg verändert?
Mira: Veränderung und Revolution sind greifbarer geworden. Auch die Gefahr
einer Katastrophe und des Faschismus ist greifbarer geworden. Wir wissen,
was passiert, wenn Russland [4][die Städte einnimmt]. Wir wissen, dass es
völlig unmöglich ist, auf positive Veränderungen zu hoffen. Die
Bereitschaft der Menschen, wirklich Risiken einzugehen, ist zwar viel
größer geworden. Aber von einem theoretischen Standpunkt hat sich nicht
viel verändert. Wir wussten bereits, dass das Leid im Krieg normalerweise
die Armen trifft.
taz: Was hat sich praktisch verändert?
Mira: Vor dem Krieg sind wir zu Demonstrationen gegangen und haben andere
Aktivitäten organisiert. Der Krieg hat die Lage für die Gesellschaft als
Ganzes verändert, nicht nur für Aktivist*innen. Es gibt immer noch Nazis,
gewalttätige Auseinandersetzungen und soziale Probleme. Aber es ist härter
und realer geworden. Ich würde sagen, dass Aktivismus sich von einem Hobby
zu einem Vollzeitjob gewandelt hat.
19 Jul 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Russischer-Angriff-auf-die-Ukraine/!6047120
(DIR) [2] https://www.solidaritycollectives.org/en/zine/
(DIR) [3] /Russischer-Anarchist-im-Ukrainekrieg/!5931338
(DIR) [4] /Russische-Verbrechen-in-der-Ukraine/!6167283
## AUTOREN
(DIR) Valentin Endraß
## TAGS
(DIR) Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
(DIR) Anarchismus
(DIR) Aktivismus
(DIR) Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
(DIR) Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
(DIR) Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
(DIR) Anarchismus
(DIR) Anarchismus
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Nach tagelangen Protesten in der Ukraine: Selenskyj entlässt Armeechef Syrskyj
Nach Verteidigungsminister Fedorow entlässt Selenskyj auch den umstrittenen
Olexander Syrskyj. Und hat mit Mychajlo Drapatyj schon einen neuen
Oberbefehlshaber.
(DIR) +++ Nachrichten im Ukrainekrieg +++: Ukraine feuert mehr als 400 Drohnen auf Moskau
Nach erneuten russischen Angriffen startet die Ukraine Gegenangriffe auf
die Region Moskau. Selenskyj bezeichnet das als eine gerechte Antwort.
(DIR) Russischer Angriff auf die Ukraine: Tausend Tage Krieg
Russland will die Ukraine nach wie vor vernichten. Je mehr die
Unterstützung des Westens schrumpft, desto geringer wird Putins Grund zu
verhandeln.
(DIR) Anarchistisches Ehrenamt in der Ukraine: Solidarisch und unbürokratisch
Die anarchistische Hilfsorganisation Radical Aid Force reist von Berlin aus
in die Ukraine. Ihr Weg der Hilfe zur Selbsthilfe.
(DIR) Anarchist:innen in der Ukraine: Geeint im Widerstand
In der Ukraine unterstützen Anarchist:innen den Widerstand gegen
Russland. Auch wenn sie damit den Staat verteidigen, den sie eigentlich
ablehnen.