# taz.de -- Die Wahrheit: Zehenwanderung
       
       > Vom großen Onkel bis zum kleinen Pinkie sollten Zehen unbedingt gut
       > behandelt werden. Sonst sind sie eines Tages einfach weg.
       
       Ich hab mir den kleinen Zeh angerannt. Mehrfach. Montags am Stuhl.
       Dienstags am Tisch. Mittwochs an der Badezimmertür. Beim dritten Mal hab
       ich so geschrien, dass meine Freundin zum Kühlschrank rannte und Kühlakkus
       holte. Mein Zeh war blau.
       
       Wahrscheinlich wird er nicht mehr lange bei mir bleiben, wenn ich ihn
       weiter so schlecht behandle. Dann wird er zu meiner Freundin überlaufen,
       die ihre Füße immer sorgsam einpackt und noch nie irgendwo gegen gestoßen
       ist. Sie wird dann neue Schuhe brauchen mit ihren elf Zehen, was ihr große
       Freude bereiten wird.
       
       Sie wird den neuen Zeh zärtlich eincremen und seinen Nagel lackieren,
       genauso wie bei den anderen zehn. Sie wird ihn ihren Freundinnen zeigen,
       und die werden staunen, wie groß er neben ihrem eigenen kleinen Zeh wirkt.
       Sie werden ihren Männern Fallen stellen, damit die sich auch die Zehen
       anstoßen. Die Männer aber werden nicht so schusselig sein wie ich. Das ist
       mein Spezialgebiet.
       
       Und ich? Werde mir den nächsten Zeh anrennen. Immer den äußeren. Und den
       kleinen vom anderen Fuß. Dann wird eines Nachts der kleine Zeh, der jetzt
       bei meiner Freundin lebt, zu mir zurückkommen und den anderen Zehen
       erzählen, wie gut sie ihn behandelt und stolz seinen lackierten Nagel
       präsentieren. Meine anderen Zehen werden nicht lange zögern und mit
       fliegenden Nägeln ebenfalls zu ihr auf die andere Seite des Bettes
       hinüberhüpfen.
       
       ## An Zehen nuckeln
       
       Ihre Freundinnen werden Augen machen, und sie wird nun sehr breite Schuhe
       tragen müssen, extra für sie angefertigt. Sie wird in Talkshows sitzen und
       ihre Füße präsentieren. Schuhhersteller werden sich um sie reißen.
       Milliardenschwere Fußfetischisten werden sich um sie balgen. Sie wird sich
       den reichsten aussuchen können und mich verlassen. Mitsamt meinen Zehen, an
       denen nun der Milliardär nuckeln wird. Ich werde das als Phantomlust
       spüren. Was will man im Leben mehr, als dass ein Milliardär einem an den
       Zehen nuckelt!
       
       Für jeden Zeh wird er ein eigenes Team von Fußpflegern einstellen und
       meiner Ex-Freundin einen Palast in Form eines zehnzehigen Fußes bauen
       lassen. Ich aber werde jedes Mal nach vorn kippen, wenn ich vom Stuhl
       aufstehe. In der Sauna und im Schwimmbad werde ich mitleidige Blicke
       ernten, und meine Schuhe werden nicht mehr passen. Zu groß! Zwei Nummern!
       Und welch ein jämmerlicher Anblick in Sandalen!
       
       Schließlich aber werde ich darüber hinwegkommen, eine neue Freundin finden,
       der es nichts ausmacht, wenn der Mann zehenlos ist, solange er nicht
       zahnlos ist. Ich werde kleinere Schuhe kaufen und mich damit trösten,
       wenigstens keinen Finger eingebüßt zu haben, immer noch Zehnfingermorsen zu
       können. Save our toes!
       
       Gerade als ich das denke, übersehe ich eine Treppenstufe, stürze fast und
       verstauche mir beim Abfangen an der Wand den Ringfinger.
       
       15 Jul 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Gisbert Amm
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Füße
 (DIR) Ästhetik
 (DIR) Schuhe
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) Kolumne Die Wahrheit
 (DIR) Tiere
 (DIR) Kolumne Die Wahrheit
 (DIR) Lyrik
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Die Wahrheit: Ballade von der Baumliebe
       
       Donnerstag ist Gedichtetag auf der Wahrheit: Heute darf sich die geneigte
       Leserschaft an einem Poem über das ewig Eberige erfreuen.
       
 (DIR) Die Wahrheit: Echte Männertittenfreunde
       
       Schon gut, dass da jemand ist, wenn der schleichende Hormonverlust an seine
       männlichen Kipppunkte kommt – noch besser, es ist ein alter Busenfreund.
       
 (DIR) Die Wahrheit: Schüttelwoche
       
       Donnerstag ist Gedichtetag auf der Wahrheit: Heute darf sich die geneigte
       Leserschaft an einem Poem über lyrisch durchgerüttelte Tage erfreuen.