# taz.de -- Doku „Was haben wir gelacht“: Sie liefern Beweismaterial
       
       > In ihrem Dokumentarfilm „Was haben wir gelacht“ blicken Eva Müller und
       > Isabel Schneider zurück auf den Fernsehhumor der 1990er. Sexismus war
       > überall.
       
 (IMG) Bild: Immerhin fasst ihnen hier niemand ans Knie: Maren Kroymann und Hella von Sinnen in der Sendung „Nachtcafé“
       
       Kaum etwas ist so sehr in Verruf geraten über die letzten Jahre wie der
       Humor. Genauer gesagt: der deutsche Fernsehhumor. Das letzte traurige
       Beispiel ist erst wenige Wochen her, da versuchte Dieter Nuhr über das
       Thema Femizid, Verzeihung: über die vermeintliche „Pauschalisierung von
       Männern als potenzielle Gewalttäter“ einen Witz zu machen, [1][indem er den
       Frauen empfahl], „es wäre nicht schlecht, wenn man den Partner vor dem
       Geschlechtsverkehr erst mal kennenlernen würde“.
       
       Welches Gesicht zu diesem „Witz“ [2][Maren Kroymann], Esther Schweins oder
       Hella von Sinnen gemacht hätten, kann man sich nach „Was haben wir
       gelacht“, der Dokumentation von Eva Müller und Isabel Schneider, nur allzu
       gut vorstellen. Es als Augenrollen zu beschreiben, wäre wohl noch
       untertrieben.
       
       Dabei merkt man dem Film in seiner Anlage an, dass er ursprünglich als
       Projekt einer Fortschrittsbeobachtung angelegt war. Früher war es schlimm,
       dann wurde es besser. Die (west-)deutsche Fernsehunterhaltung wurde bis in
       die 1980er Jahre fast ausschließlich von Männern repräsentiert.
       Hans-Joachim Kulenkampff, Wim Thoelke, [3][Hans Rosenthal] – sie alle
       hatten zwar die eine oder andere Assistentin an ihrer Seite.
       
       Aber das waren meist brave, gut gekleidete Figuren mit Vornamen wie „Heike“
       und einem Durchhalte-Dauer-Lächeln auf dem Gesicht, vor allem in den raren
       Momenten, in denen die locker plaudernden Herren sie mit Worten wie „unser
       reizendes Fräulein Gabi“ und anderen übergriffigen Komplimenten ins
       Rampenlicht zitierten.
       
       ## Sexismus war überall
       
       In den 90ern änderte sich etwas; mit Frauen wie Hella von Sinnen, Gaby
       Köster, Maren Kroymann, Esther Schweins und Bettina Böttinger eroberten
       weibliche Stimmen und von weiblichen Perspektiven geprägter Humor immer
       mehr Sendeplätze. Es war an der Zeit gewesen. Aber ist seither alles gut?
       Mitnichten.
       
       Das ist das Tolle an dem Film „Was haben wir gelacht“: Er beginnt wie eines
       der zum Klischee gewordenen Doku-Features, in denen ein paar Figuren
       abwechselnd, aber alle in der gleichen Position vor schwarzem Hintergrund
       gefilmt, von ihren Erinnerungen an eine gewisse Zeit erzählen. Die Anfänge
       waren hart, sie mussten sich durchsetzen, Sexismus war überall. Aber sehr
       bald schon wird es komplizierter.
       
       Ja, am Anfang steht ein klassisches: „Wir hatten ja nüscht“. Gefragt nach
       ihrem ersten Vorbild für weiblichen Witz nennen fast alle der Interviewten
       ihre eigene Mutter. Sie lebten in einer Welt, in der Humor als Männersache
       galt. Hella von Sinnen kann sich noch heute in Rage darüber reden, wie man
       sie behandelt hat, als sie als „Putzfrau Schmitz“ in Kölner
       Karnevalssitzungen die Runde machte.
       
       ## Nicht unbedingt leicht zu ertragen
       
       Wenn sie dran war, hätten die Herren oft den Saal verlassen, um Würstchen
       zu essen. Manche Veranstalter wollten ihr gleich das Geld geben, ohne
       Auftritt, weil sie in der Büttenrede einer Frau beim Karneval keinen Sinn
       sahen. „Es war so respektlos!“, ruft Hella von Sinnen noch heute in die
       Kamera. Und erzählt auch, wie anders der Empfang bei Damensitzungen war.
       
       Eva Müller und Isabel Schneider verlassen sich in ihrem Dokumentarfilm aber
       nicht nur auf die Erinnerungen ihrer Protagonistinnen. Sie liefern
       Beweismaterial. Und das betrachten sie an vielen Stellen zusammen mit den
       Interviewpartnerinnen. Daraus entsteht eine Dynamik, die „Was haben wir
       gelacht“ auf völlig überraschende Weise spannend – und übrigens nicht
       unbedingt leicht zu ertragen macht.
       
       So zeigen sie etwa einen Ausschnitt aus einer Talksendung der späten 90er.
       Es ist das als „niveauvoll“ geltende „Nachtcafé“ mit Wieland Backes. In dem
       meint ein „Karnevalsexperte“, erkennbar an seinem Outfit mit Narrenkappe,
       einer sehr beherrscht bleibenden Hella von Sinnen erklären zu müssen, warum
       sie „im Karneval gescheitert“ sei. Ihren vehementen Einspruch, sie sei
       alles andere als gescheitert, glaubt er einfach ignorieren zu können.
       
       Es gibt viele solcher Momente in diesem Film, in denen man quasi gemeinsam
       mit Filmemacherinnen und Protagonistinnen ausgewählte Ausschnitte aus dem
       Fernsehen von vor 25, 30 Jahren anschaut und einem wirklich die Spucke
       wegbleibt. „Witzig ist das, worüber die Mehrheit lacht“, woraus eiskalt
       geschlossen wird: „Wenn nur Frauen lachen, ist es nicht witzig.“ Der
       grassierende Sexismus der Herren von damals ist das eine. Aber dass man das
       alles für so völlig normal gehalten hat, dass man es hingenommen hat, das
       andere.
       
       Mit den schmierigen Alten wie Peter Frankenfeld („Ach sind die zwei
       entzückend – darf ich mir die ausleihen?“) und Konsorten hält sich „Was
       haben wir gelacht“ nicht lange auf. Sehr viel aufschlussreicher ist es, den
       als fortschrittlich geltenden Humor von Moderatoren wie [4][Thomas
       Gottschalk] und Harald Schmidt einer Neubetrachtung zu unterziehen.
       
       ## Esther Schweins mag nicht hinschauen
       
       Das Begrapsche von Gottschalk mag schon öfter thematisiert worden sein.
       Wenn man wie hier im Zusammenschnitt sieht, wie er wirklich jeder Frau ans
       Knie geht, wird deutlich, wie viel Unwohlsein das bei den Betroffenen
       auslöste.
       
       Esther Schweins windet sich, während sie sich selbst an der Seite von
       Gottschalk betrachtet. Man sieht ihre Anstrengung und ihren Willen,
       mitzumachen, um sich eben keine Blöße zu geben. Wenn das der Humor war,
       musste man mitlachen, um nicht als humorlos zu gelten, erklärt Maren
       Kroymann treffend an anderer Stelle.
       
       Einerseits feiert „Was haben wir gelacht“ seine Heldinnen: Hella von
       Sinnen, die so schön hemmungslos und anarchisch war. Gaby Köster, die das
       Proletarische und Kölsche nicht länger den Karnevalsherren überlassen
       wollte. Esther Schweins, die den Spagat zwischen Schönsein und Komik
       lächelnd bestehen musste. Bettina Böttinger, die sich nicht in Normen von
       Weiblichkeit pressen lassen wollte. Und Maren Kroymann, die in ihren
       Sendungen wie „Nachtschwester Kroymann“ erstmals weibliche Tabuthemen wie
       Menstruation, Abtreibung oder sexuelle Gewalt ansprach.
       
       ## Harald Schmidts widerliche Witze
       
       Andererseits bringt das Betrachten der alten Aufnahmen immer wieder Sand in
       das Getriebe der Fortschrittserzählung. Mit einfachem Kopfschütteln über
       den Sexismus eines Harald Schmidt ist es nämlich nicht getan.
       
       Der stellte in einer Nummer einmal die Frage an sein Publikum, was die
       Zeitschrift Emma, eine Flasche Eierlikör, eine Kloschüssel und Bettina
       Böttinger gemeinsam hätten. „Kein Mann würde sie anfassen wollen.“
       Böttinger hatte den Mut, später in die Sendung von Schmidt zu gehen, nur um
       ihm vor laufender Kamera zu erklären, wie sehr sie das verletzt habe und
       dann aufzustehen und zu gehen. „Ich schaue das nicht gern an“, kommentiert
       Böttinger heute. Maren Kroymann nennt es großartig und mutig.
       
       Köster und von Sinnen kommen rüber als Frauen, die verdientermaßen stolz
       sind auf das Geleistete. Böttinger, Schweins und Kroymann sind
       nachdenklicher und selbstkritischer. Sie thematisieren auch das eigene
       „Mitmachen“.
       
       ## Selbstkritische Rückschau
       
       In einem Fall sieht man Kroymann dabei zu, wie sie einen eigenen Sketch von
       damals neu überdenkt: Es geht um Verona Feldbusch, die von vielen als
       Beginn eines Backlash empfunden wurde. Alice Schwarzer wirft ihr vor, mit
       ihrem sexy Outfit „die verfügbare Frau“ zu spielen, „fifties“ zu sein. Aber
       der kommerzielle Erfolg und das Selbstbewusstsein Feldbuschs widerlegten
       das zugleich.
       
       Sowohl Schweins als auch Kroymann imitierten Feldbusch und ihr „Da werden
       Sie geholfen“-Gehabe. In einer Nummer ging Kroymann weiter und legt ihr
       noch die Ohrfeige von Dieter Bohlen als geschäftssteigerndes Gebaren aus.
       
       Das kommt ihr heute nicht mehr richtig vor. In ihren Überlegungen zur
       Haltung ihrer Generation gegenüber Frauen wie Feldbusch scheint ein
       interessantes und zwiespältiges Thema auf, dem man eigentlich einen
       weiteren Dokumentarfilm widmen müsste. Bitte also: „Was haben wir gelacht
       2!“
       
       14 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Comedian-gegen-Zeitung-Standard/!6192216
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