# taz.de -- Besteck für Vornehme: Ein Leben ohne Grapefruitlöffel ist doch kein Leben
> In einen Apfel kann man einfach reinbeißen. Glücklich ist, wer beim
> Verspeisen der Pampelmuse über das rechte Equipment verfügt.
(IMG) Bild: Jetzt fehlt nur noch der Grapefruitlöffel
Neben anderen nützlichen Dingen spülte der Tod meiner Schwiegereltern auch
zwei alte Grapefruitlöffel in unseren Haushalt. Ich selber hätte gar nicht
gewusst, was das sein sollte: zwei recht stattliche, angelaufene und
dadurch würdevoll mit Patina versehene Silberteelöffel, die um die Spitze
herum mit, ich sachma, so kleinen Zähnchen versehen waren.
Meine mit den hedonistischen Kapriolen des Großbürgertums offenbar
vertrautere Gemahlin erklärte mir die Chose: Man schnitt zum Frühstück eine
Grapefruit in zwei Hälften. Anschließend löste man die von der Natur
bereits gutwillig vorperforierten, tortenstückartigen Kompartimente
mithilfe des scharfzackigen Grapefruitlöffels aus der Schale und teilte sie
in mundgerechte Stücke.
Ich staunte. In meiner Kindheit gab es als einziges Obst immer nur Äpfel,
den Volkssturm unter dem Obst. Äpfel, Brot, Kartoffeln. Das ging immer, das
strahlte Autarkie aus, da machte es auch nichts, wenn der Suezkanal oder
die [1][Straße von Hormus] mal wieder dicht war. Die brauchte man gar
nicht. Der Apfel hing am Baum vorm Fenster, die Kartoffel schlummerte in
heimischer Krume, und das Brot buk der Bäcker. An Grapefruit war kein
Denken, geschweige denn an Grapefruitlöffel.
Nicht so [2][in anderen Milieus], dort existierten sie längst. Und so
stellte die erstmalige Verfügbarkeit des Tools sowie die Aneignung seiner
Handhabung meine ganz persönliche Initiation in Gesellschaftskreise dar,
von deren schierer Existenz ich früher nicht einmal zu träumen gewagt
hätte. Und es ist ja noch viel krasser. Denn als Erwachsener lernte ich
endlich auch anderes Obst kennen. Ananas zum Beispiel. Anfangs musste ich
herzlich schmunzeln wegen des drolligen Namens, doch inzwischen geht er mir
leicht von der Zunge.
Oder eben Grapefruit. Aber ich wusste nicht, wie man die isst. Daher übte
ich mich damit meist nur im Weitwurf. Heute kann ich nur den Kopf über mein
damaliges Ich schütteln. Ein Leben ohne Grapefruitlöffel ist für mich gar
nicht mehr vorstellbar. Ein Mensch ohne Grapefruitlöffel dünkt mich wie
[3][ein Steinzeitmensch], der unter lautem „Ugga, ugga!“ mit der Keule auf
die fremde Frucht patscht und sich hinterher blöde glotzend über die
erschwerte Verzehrsituation wundert. Das kann mir zum Glück nicht mehr
passieren.
30 Jul 2026
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## AUTOREN
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