# taz.de -- Klimagerechte Stadtplanung umgangen: Flensburg schneidet sich die Luft ab
       
       > Flensburg braucht Wohnraum und plant ein Viertel dort, wo kühle Luft ins
       > Zentrum strömen soll. Dem städtischen Klima-Anpassungskonzept zum Trotz.
       
 (IMG) Bild: Sieht im Entwurf schon grün aus, entsteht aber, wo Frischluft in die Altstadt ziehen soll: Flensburger „Quartier am Gleisbachtal“
       
       Enge Sträßchen und verwinkelte Innenhöfe, in denen früher Zucker und Rum
       lagerten: Flensburg hat viel vom Charme der alten Seehandelsmetropole
       bewahrt. Angelegt wurde die Stadt einst, um Wind und Regen zu trotzen. Wie
       sie künftig heißen Tagen und Starkregen trotzen kann, beschreibt ein
       [1][Klima-Anpassungskonzept]. Wichtiger Teil sind mehrere Schneisen, durch
       die im Sommer kühle Luft in die Altstadt strömen kann. Ausgerechnet in
       einer dieser Schneisen soll nun ein neues Wohnviertel entstehen. Der
       städtische Naturschutzbeauftragte ist entsetzt, die Verwaltung spricht von
       einem „Kompromiss“.
       
       Flensburg braucht Wohnraum, und der soll unter anderem im Gleisbachtal
       entstehen. In einem der insgesamt drei Flusstäler, die das städtische
       Klima-Anpassungskonzept aus dem Jahr 2023 aufzählt. „Damit die Kaltluft in
       Richtung des Stadtzentrums fließen kann, braucht es diese Kaltluftschneisen
       vom Stadtrand zum Stadtzentrum mit möglichst wenig behindernder Bebauung“,
       heißt es dort.
       
       Gerade im Gleisbachtal sieht das Gutachten „großes Potential“ und warnt
       davor, den Luftweg zu unterbrechen. Bereits in das Konzept einbezogen ist
       der Bau des neuen Zentralkrankenhauses, das am Rand des Gleisbachtals
       entstehen soll und bereits eine Wirkung auf die Frischluftzufuhr haben
       wird. Das Konzept spricht sich daher für eine „multifunktionale
       Flächennutzung“ mit viel Grün, Fließwegen und Flutmulden aus, [2][um sowohl
       für heiße Tage als auch für Starkregen gerüstet zu sein].
       
       ## 300 Wohnungen in der Kaltluftschneise geplant
       
       Hinter dem [3][„Quartier am Gleisbach“] steht der Bau- und Sanierungsträger
       Ihrsan, der aus dem städtischen Amt für Stadtsanierung entstanden ist. Die
       Stadt ist Gesellschafterin der Firma. Die Ihrsan plant, rund 300 Wohnungen
       zu errichten, in einem „innenstadtnahen, urbanen Wohnviertel“ mit Nähe zum
       Bahnhof. Inzwischen liegt ein Entwurf vor, der nun von den städtischen
       Gremien beraten wird. Entstehen sollen parallel zum Flüsschen mehrere
       leicht verschränkte mehrstöckige Wohnblocks.
       
       Für Ralph Müller, den städtischen Naturschutzbeauftragten, ist der
       vorliegende Entwurf „nicht akzeptabel“. Denn die Häuser verbauten [4][die
       wichtige Kaltluftschneise], auf die das Gutachten hinweise. Die Stadt habe
       zwar das Klima-Anpassungsgutachten in Auftrag gegeben und verabschiedet,
       „aber wenn es zum Schwur kommt, ist alles vergessen“, sagt Müller. Er habe
       im städtischen Planungsausschuss auf das Problem hingewiesen, aber der
       Rahmenplan sei dennoch mit Mehrheit verabschiedet worden.
       
       Die Stadtverwaltung verteidigt den Entwurf. Ein Fachgutachter sei beteiligt
       gewesen und habe die Auswirkungen auf die Kaltluftschneise untersucht. „Der
       Wettbewerbssieger erfüllt alle vom Gutachter vorgegebenen Zielvorgaben und
       kommt dem – rein klimaökologisch betrachtet – Idealfall einer Bebauung sehr
       nahe“, teilt Stadtsprecher Clemens Teschendorf auf taz-Anfrage mit.
       
       Nicht ideal dagegen ist der Ort, an dem die Gebäude stehen sollen: Sie
       werden laut Planung so im Gleisbachtal platziert werden, dass sie möglichst
       weit weg vom Veranstaltungs- und Kulturzentrum „Kühlhaus“ liegen. „Der
       Standort resultiert aus einem Kompromiss“, so Teschendorf. Würde etwa der
       nordöstliche Bereich freigehalten, „müssten die Gebäude näher an das
       Kühlhaus heranrücken und wären dessen Lärmemissionen stärker ausgesetzt“.
       
       Für Ralph Müller ist das ein fauler Kompromiss: „Man entfernt sich immer
       mehr von den primären Aussagen des Konzepts, und [5][die Natur soll mal
       wieder büßen].“ Er wünscht sich statt der Mantra-artig vorgetragenen
       Forderung nach immer mehr Neubauten einen klügeren Umgang mit dem Bestand:
       „Man müsste gezielt ältere Leute ansprechen, ob sie bereit wären, zu groß
       gewordenen Wohnraum gegen kleineren zu tauschen.“ Auch meistens leer
       stehende Ferien- und Zweitwohnungen nähmen in Flensburg überhand.
       
       Die Beratungen stehen am Anfang. Es sei also noch möglich, Änderungen
       einzubringen, hofft Müller. Von Seiten der Stadt kommt dazu ein Jein. Zwar
       seien Änderungen „im Detail möglich und auch wichtig“, sagt Clemens
       Teschendorf. „Der grundsätzliche Charakter des Entwurfs soll jedoch nicht
       verändert werden.“
       
       Oder geht doch noch etwas? Ralph Müller ruft für diesen Freitag zu einer
       Mahnwache am Gleisbach auf. Die Veranstaltung soll die Bevölkerung darauf
       hinweisen, dass in künftigen heißen Sommern weniger frische Luft in der
       Innenstadt ankommen könnte.
       
       8 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.flensburg.de/PDF/Klimaanpassungskonzept_final.PDF?ObjSvrID=2306&ObjID=17294&ObjLa=1&Ext=PDF&WTR=1&_ts=1738320474
 (DIR) [2] /Entsiegelung-der-Boeden-in-der-Stadt/!6192827
 (DIR) [3] https://www.ihrsan.de/quartier-am-gleisbach
 (DIR) [4] /Rekordhitze-und-Massnahmen/!6191468
 (DIR) [5] /Baumsterben-in-Staedten/!6188210
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Esther Geißlinger
       
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