# taz.de -- Generation Z an die Waffen?: Mein Vaterlands-Onkel
       
       > „Musst Du nicht auch bald zur Bundeswehr?“, fragt meine Mutter beim
       > Familienfest meinen Cousin. Und dann geht es ab.
       
 (IMG) Bild: Muss unsere Autorin eher Angst haben, wenn wir aufrüsten, oder wenn wir es nicht tun?
       
       [1][taz FUTURZWEI] | Meine Oma wird 90. Manche Familien nutzen das
       entsprechende Fest, um sich gegenseitig zu fragen, wie es ihnen so geht.
       Oder singen zusammen, wie die Leute am Nebentisch, erzählen sich lustige
       Geschichten und lachen dann gemeinsam. Meine Familie nicht. Bei uns wird
       abgecheckt, wer wann wo und für wie lange in Urlaub fliegt. Und dann sagt
       irgendjemand - diesmal zum Beispiel meine Mutter zu meinem Cousin – sowas
       wie: „Musst du eigentlich nicht auch bald zur Bundeswehr?“
       
       „Er ist doch schon zu alt dafür…“, sage ich, um möglichst noch zu
       deeskalieren. Das Wort „Bundeswehr“ hat nämlich meine beiden Onkels und
       meinen Vater, alle ehemalige Wehrdienstleistende, aufgeschreckt, die vorher
       vor sich hindämmerten. Da sagt mein Cousin schon voll GenZ-mäßig: „Warum
       sollte ich mir für dieses Land so was antun?“
       
       Unser gemeinsamer Onkel, also der dritte Bruder neben unseren beiden
       Vätern, schaut von seinem Handy auf, auf dem er die ganze Zeit
       herumgescrollt hat, nimmt einen Zug von seiner Kippe und sagt dann auch was
       dazu. Leider deckt sich das ziemlich mit seiner blonden Heilsbringerin, die
       seit neuestem auf blauem Hintergrund in seinem Wohnzimmer hängt: Alice W.
       Es klingt irgendwie ein bisschen nach: „Das ist eben das Problem mit der
       jungen Generation. Da will niemand mehr sein Vaterland verteidigen.“ Er
       murmelt: „Alles nur verwöhnte Bengel.“
       
       Und dann sind wir erst mal für mindestens drei weitere Runden Bier wirklich
       alle ziemlich aufgeregt. Außer meine Mutter, die steht auf und geht
       schlafen.
       
       ## Lieber auswandern als dienen
       
       Mein Cousin meint also zu meinem Vaterland-Onkel, da stimme er ihm zu, er
       hätte wirklich keine Lust, für irgendwelche Politiker, die eh nichts auf
       die Reihe bekommen und sich einen Dreck um ihn und seine Generation (und
       ja, das Land im Allgemeinen) scheren, an irgendeine Front zu ziehen, um
       irgendein „Vaterland“ zu verteidigen und dafür im schlimmsten Fall zu
       sterben. Und sowieso habe er vor, so bald wie möglich auszuwandern. In
       Italien oder Spanien lebe es sich ohnehin besser.
       
       Das finde ich wiederum etwas verwirrend, weil er als einziger in der Runde
       sein Auto für die WM mit Deutschlandflaggen geradezu eintapeziert hat. Was
       wiederum meinen Onkel aber nicht daran hindert, den Begriff „Volksverräter“
       in den Raum zu werfen. Um dann hinterherzuwerfen, dass das hier sowieso
       nicht mehr sein Deutschland sei, so wie es das 1990 noch war. Man brauche
       sich doch heutzutage nur die Nationalmannschaft anzuschauen.
       
       Irgendwie war es mir fast lieber, als auch er noch sein Auto in
       schwarz-rot-gold eingekleidet und wild hupend die Siege der
       Nationalmannschaft gefeiert hat.
       
       Tatsächlich ist mein Cousin mit seinen Auswanderungsplänen in seiner
       Generation nicht alleine. Laut einer Studie aus diesem Jahr plant jeder
       Fünfte der 14- bis 29-Jährigen, Deutschland zu verlassen, und fast die
       Hälfte kann sich ein Leben im Ausland zumindest vorstellen.
       
       ## Verteidigungswürdige Werte und Freiheiten
       
       Ich versuche einfließen zu lassen, dass es ja noch keinen Krieg gebe und
       auch keine Wehrpflicht. Und sowieso gehe es ja erstmal „nur“ um
       Abschreckung und den Verteidigungsfall und ich frage meinen Cousin, was er
       in so einem Fall tun würde. Schließlich würde ihn das in Italien oder
       Spanien genauso treffen.
       
       Bei den Worten „Abschreckung“ und „Verteidigungsfall“ habe ich zugleich das
       Gefühl, dass ein Teil meines linken Seins gerade stirbt, das früher auf
       Demos gerne „Deutsche Waffen, deutsches Geld – morden mit in aller Welt!“
       skandiert hat. Und ich fühle mich albern, schließlich melde ich mich auch
       nicht freiwillig bei der Bundeswehr. Jedenfalls – so rede ich mir ein –
       würde ich im Ernstfall selbstverständlich als Reporterin von der Front
       berichten…
       
       Der Cousin-Vater wirft beschwichtigend in den Raum, dass ja wirklich vieles
       besser laufen könnte in Deutschland, aber es auch vieles gebe, was es wert
       sei, verteidigt zu werden, weil es sicherlich keine Meinungsfreiheit und
       Demokratie mehr gäbe, sollte man, zum Beispiel, Russland einfach das Feld
       überlassen.
       
       Und mein Vater sagt das, was er immer irgendwann sagt bei dem Thema. Dass
       es im Krieg nämlich immer nur Verlierer gebe. Und dass natürlich niemand
       einen Krieg möchte, sondern genau das Gegenteil: ihn verhindern. Da seien
       wir uns doch alle einig. Ich bin mir da nicht so sicher, wenn ich zu meinem
       Patriotismus-Onkel rüberschaue, der gerade die nächste Kippe aus dem Mund
       nimmt, um zu sagen, was man alles nicht mehr sagen darf.
       
       ## Ist ein Kompromiss möglich?
       
       Ich muss an ein Panel denken, das ich vor Kurzem moderiert hatte zwischen
       einem Influencer, dessen „Inhalte“ hauptsächlich darin bestehen, sich gegen
       Wehrpflicht und Aufrüstung zu stellen und einer Reservistin. Während sie
       immer bewusst von „dem Russen“ sprach, tat der Anti-Wehrpflicht-Influencer
       geradezu so, als würde die Bundeswehr auf den Straßen junge Männer für die
       Front einsammeln.
       
       Kann man über dieses Thema eigentlich mal sachlich reden, ohne immer
       emotional zu werden? Ohne Panikmache in jegliche Richtung? Gibt es die
       Möglichkeit eines Kompromisses? Was ist verteidigungswürdig? Ist das nicht
       auch links, Werte zu verteidigen? Spielt das überhaupt eine Rolle? Ist es
       wirklich wert, dafür zu sterben? Bin ich schon von der rechten
       Kriegspropaganda absorbiert worden?
       
       Gibt es bald Krieg? Wer ist Schuld daran? Muss ich eher Angst haben, wenn
       wir aufrüsten, oder wenn wir es nicht tun?
       
       ## Die einzige am Tisch, die einen Krieg erlebt hat
       
       Ob wir denn nicht doch einfach lieber ein Lied zusammen singen möchten,
       fragt meine Tante und reißt mich aus meinen Gedanken. Das sei doch viel
       netter. Oder wenigstens die Großmutter mal zu Wort kommen lassen.
       Schließlich sei sie die einzige am Tisch, die aus eigener Erfahrung was zu
       Krieg sagen könne.
       
       Als sie Kind war, wurden ihr Vater und ihr Bruder in die Wehrmacht
       eingezogen. Das ist alles, was ich weiß. Und, dass sie beide lebend wieder
       zurückkamen. Mein Urgroßvater mit einer Granatensplitterverletzung an der
       Hand, sein Leben lang trug er seitdem einen schwarzen Handschuh. Vermutlich
       hatte ihn aber diese Verletzung vor Schlimmeren gerettet.
       
       „Ja, das war schlimm, als sie weg mussten“, sagt meine Oma, die die ganze
       Zeit still zugehört hat. Das, worüber sie spricht, klingt so fern. „Aber
       was im Krieg passiert ist, darüber wurde nie gesprochen.“ Wir hören denen
       auch nur noch aus Höflichkeit zu, denke ich mir, der sogenannten silent
       generation. Meine Oma hat auch nichts weiter zu sagen.
       
       Mein GenZ-Cousin holt noch eine Runde Schnaps.
       
       ## Gelebter Diskurs?
       
       Sein Vater und mein Vater sind jetzt beim Erfolg des Nato-Doppelbeschlusses
       angelangt. Mein Onkel ruft dazwischen, dass es auch darum gehe, ein
       richtiger Mann zu sein. Mein Cousin fragt, ob er das verkrüppelten und
       traumatisierten Soldaten auch so sagen würde. Mein Onkel nennt ihn einen
       linken Spinner und Kommunisten.
       
       Mein Cousin rückt sich daraufhin das Ralph-Lauren-Hemd zurecht und sagt:
       „Du hättest doch selbst auch nicht für Deutschland gekämpft.“. „Aber ich
       würde, wenn ich müsste“, schreit unser Onkel. „Ich würde!“
       
       Ich fühle mich, als wäre ich auf dem 1970er-Jahre-Set von „Ein Herz und
       eine Seele“ gefangen.
       
       Inwischen ist es ein Uhr morgens. Während ich ins Bett schwanke, denke ich:
       Wie krass, dass wir uns gerade zwei Stunden lang unsere Meinungen an den
       Kopf geworfen haben, ohne dass jemand aufgestanden und gegangen ist. Und
       ohne Gewaltausbrüche. Ja, geradezu pazifistisch im Dialog.
       
       Vielleicht ist es das, was Menschen meinen, wenn sie von „gelebtem Diskurs“
       sprechen. Vielleicht haben wir aber auch einfach alle nur einen Knall.
       
       🐾 [2][„Stimme meiner Generation“] heißt die gemeinsame Online-Kolumne von
       Aron Boks und Ruth Lang Fuentes. In loser Folge schreiben sie darin für
       unser Magazin taz FUTURZWEI über die Lebensrealität der Gen Z und darüber
       hinaus.
       
       🐾 Lesen Sie weiter: Die aktuelle Ausgabe unseres Magazins taz FUTURZWEI
       N°37 mit dem Titelthema „Nachspielzeit“ gibt es jetzt im [3][taz Shop].
       
       9 Jul 2026
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Ruth Lang Fuentes
       
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