# taz.de -- Dokumentarfilm über Kinderverschickung: Die kleine und die große Betroffenheit
       
       > Katrin Sikora nähert sich im Dokumentarfilm „Schwarze Häuser“ dem Thema
       > Kinderverschickung und ihrer eigenen Familiengeschichte. Dazu begleitet
       > sie Betroffene.
       
 (IMG) Bild: Im Dokumentarfilm „Schwarze Häuser“ erobern am Ende Jugendliche einer Theatergruppe die Räume eines ehemaligen Kurheims
       
       „Ich habe nicht viel zu sagen“, sagt die Mutter der Dokumentarfilmerin
       Katrin Sikora. „Ich bin ja nur eine kleine Betroffene.“ – „Sie hasst es,
       wenn ich nachbohre“, sagt die Tochter. – „Es muss was gewesen sein“, sagt
       die Mutter der Mutter. „Aber was, das kann ich nicht sagen.“
       
       Zu Beginn streift die Kamera still durch Flure und Säle eines verlassenen
       Kinderheims. Die Bilder sind in gedämpften Farben und einem dunklen
       Blauton, der sich dann im Dunkelblau des Pullovers von Sikoras Mutter
       wiederfindet. Die Regisseurin steckt ihr das kleine Mikro an. Erst vor
       einigen Jahren hat Sikora erfahren, dass ihre Mutter ein
       „Verschickungskind“ war – und dass dieser Begriff für ein Kursystem steht,
       an dem Ärzte, private, kirchliche oder kommunale Kurheime, Kurorte und,
       nicht zu vergessen, die Bahn viel Geld verdienten.
       
       Ziel war es, kranke Kinder zu heilen oder sie – präventiv – in Meer- oder
       Bergluft aufzupäppeln. Zu dick, zu dünn, zu blass, das galt für viele. Um
       die 12 Millionen Menschen in der BRD und DDR sind ehemalige
       Verschickungskinder – „kleine Betroffene“, wie Sikoras Mutter, oder schwer
       traumatisiert aufgrund der brutalen Erfahrungen, die sie in einer der
       [1][Kinderkureinrichtungen der BRD und DDR] machen mussten.
       
       Sechs Wochen war Sikoras Mutter im niedersächsischen Bad Rothenfelde auf
       Kinderkur. Dass sie dort nachts ins Bett gemacht hat, erzählt sie, weil sie
       nicht auf Toilette gehen durfte. „Das war nicht so toll“, gibt sie zu. Dass
       sie sich als „kleine Betroffene“ bezeichnet, ist nicht untypisch für die
       Generation der Nachkriegskinder. Sich nicht in den Mittelpunkt stellen,
       nicht beklagen, sich selbst und seine Gefühle nicht so ernst nehmen.
       Aufrecht sitzt sie im Interview auf dem Sofa. Ihr Blick freundlich, fest,
       vielleicht ein bisschen verunsichert. Nicht alle Betroffenen, die Sikora
       interviewt, bleiben cool. Danach „wollte ich nicht mehr niedlich sein“,
       sagt eine Frau im Film. Sie weint.
       
       ## Aufarbeitung ist schmerzhaft
       
       Der Film zeigt historisches Archivmaterial, aber setzt mehr auf die
       persönlichen Begegnungen und Interviews mit der eigenen Mutter und
       Großmutter sowie mit Zeitzeug:innen. Nicht alle wollten sich filmen lassen,
       zu hören ist dann nur die Tonspur, während ein Flimmern über den Bildschirm
       läuft. Bildstörung, Leerstellen, Aufarbeitung ist schmerzhaft. Zwei
       Menschen begleitet Sikora auf ihrer persönlichen Reise bei der Begegnung
       mit der Vergangenheit.
       
       Detlef Lichtrauter ist Sprecher der [2][Bundesinitiative
       Verschickungskinder]. Er hat sich eine Auszeit genommen und reist mit
       seinem Camper quer durch Deutschland, um Archive und lokale Initiativen
       abzuklappern. Aus Einzelschicksalen hat sich längst eine Bewegung formiert.
       In Wülfrath bei Wuppertal ist Lichtrauter dabei, als eine Begehung der
       ehemaligen Klinik Aprath mit dem Bürgermeister stattfindet.
       
       Das Gebäudeensemble ist zerfallen, es regnet heftig. Das Gelände gehört
       längst Investoren, der Bürgermeister möchte „die Relikte“ möglichst schnell
       beseitigen lassen. Die Initiative wünscht sich ein Erinnerungszeichen
       daran, dass hier der Bayer-Konzern an kranken Kindern Säfte und
       Beruhigungsmittel getestet hat.
       
       ## Schwarze Häuser als Geheimcode
       
       Mit der [3][Kinderbuchautorin Sabine Ludwig] reist Sikora auf die
       [4][Nordseeinsel Borkum]: Bahnhof, Strand, Leuchtturm, Schnipsel aus
       8-Millimeter-Filmen von den Strandhotels in den 1960ern. Ludwig hat ihre
       Geschichte in dem den Filmtitel gebenden Buch „Schwarze Häuser“
       verarbeitet. Mit ihren Eltern hatte sie einen Geheimcode verabredet: Wenn
       es ihr gut geht, schickt sie eine Postkarte mit bunten Häusern; die
       Postkarten blieben schwarz-weiß, aber niemand kam sie abholen.
       
       Katrin Sikora legt mit „Schwarze Häuser“ ihren Abschlussfilm an der
       Filmuniversität Potsdam-Babelsberg vor. Ich muss zugeben, als ehemaliges
       Verschickungskind war mir mulmig, dass der Film zu sehr auf die Tränendrüse
       drücken könnte. Das tut er nicht, er nimmt einen mit in seinem ruhigen
       Wechsel von Außen- und Innenaufnahmen bei Reisen und Interviews. Dass der
       Film außerdem die Arbeit einer Jugendtheatergruppe, die am Deutschen
       Theater Berlin Sabine Ludwigs Roman „Schwarze Häuser“ szenisch umsetzt,
       einbezieht und damit eine zusätzliche Ebene einführt, tut ihm gut. Was
       können Jugendliche heute mit dem Thema anfangen?
       
       Am Anfang sitzen sie im Kreis, lesen sich gegenseitig Postkarten von
       Verschickungskindern aus den Kuraufenthalten vor. Gemeinsam überlegen sie,
       ob die Sätze wahr oder gelogen sein könnten. Zu konform, zu genormt,
       befinden sie: also gelogen. Gegen Ende des Films erobern die Jugendlichen
       die Räume eines ehemaligen Heims, vielleicht das vom Anfang, beleben den
       Ort szenisch, indem sie sich im Schlafsaal in eins der kargen Betten legen,
       am Esstisch versammeln und das Tablett mit den ihnen zugedachten Tabletten
       wegschieben. Theater- und Filmebene werden hier verwoben.
       
       Wo waren die Erwachsenen, fragt die Regisseurin aus dem Off. Es gab
       vereinzelt Elternbeschwerden. Ein ehemaliger Praktikant begehrte auf und
       erreichte sogar die Entlassung einer Heimleiterin. „Wir waren eine Ware“,
       sagt die Kinderbuchautorin Ludwig. Es war ein industriell aufgezogenes
       Verschickungssystem, sagt Detlef Lichtrauer. Er fordert die Anerkennung des
       Leids und wissenschaftliche Aufarbeitung: „Prävention gelingt nur mit
       Aufarbeitung.“ An solchen Stellen gerät der Film vielleicht etwas zu
       didaktisch.
       
       Wer übernimmt heute Verantwortung, wer übernahm damals die Verantwortung
       für das Geschehene? Die Jugendlichen kommen zu ihren eigenen Schlüssen.
       „Den Kindern wurden die Grundbedürfnisse entzogen“, sagt eine Schülerin der
       Theatergruppe. „Ist es die Angst vor der Antwort, dass es den Eltern
       schlichtweg egal war“, fragt ein Jugendlicher. Die Regisseurin fragt sich
       mit Blick auf ihre vierjährige Tochter: „Werde ich rechtzeitig eingreifen?“
       
       8 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
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 (DIR) [3] /Berliner-Literaturfestival-fuer-Jugend/!5900815
 (DIR) [4] /Kinderverschickung-nach-Borkum/!6102125
       
       ## AUTOREN
       
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