# taz.de -- Schullektüre im Unterricht: Wolf statt Vorstadtkrokodile
       
       > An vielen Schulen werden vor allem Klassiker gelesen. Dabei könnten sie
       > auch zu modernen Jugendbüchern greifen – wie eine Gemeinschaftsschule in
       > Tübingen.
       
 (IMG) Bild: Das großen Wolfsfest: mit Ausstellungen, Installationen, musikalischen Beiträgen, alles gestaltet von den Schüler:innen
       
       Die Lieferung der neuen Schullektüren kam mit einem Lastwagen. 1.650
       Exemplare des preisgekrönten Jugendbuches „Wolf“ von Saša Stanišić hatte
       ein Lehrer der Geschwister-Scholl-Schule in Tübingen beim örtlichen
       Buchhandel bestellt. Dahinter steckt kein fataler Zahlendreher, sondern das
       Projekt „Eine Schule liest ein Buch“. Eine inzwischen pensionierte
       Deutschkollegin hatte das Buch über Mobbing und Freundschaft gelesen und
       die fixe Idee mit ins Lehrerzimmer gebracht. Ein zehnköpfiges Team machte
       daraus ein Konzept: Ein Schuljahr lang liest nun jede Schülerin und jeder
       Schüler der Tübinger Schule das Buch, von Klasse 5 bis zur Oberstufe und in
       allen Fächern.
       
       „Die Themen des Buches und seine besondere Sprache sprechen jüngere Kinder
       genauso an wie die Jugendlichen kurz vor dem Abitur“, erzählen Linda
       Krohmer und Antje Müller im Videointerview. Die Kunstlehrerinnen sind Teil
       der Planungsgruppe. Gleichzeitig haben längst nicht alle Schülerinnen und
       Schüler so viel Freude am Lesen, manche auch Verständnisprobleme bei dem
       durchaus literarischen Text. Deshalb entschied man sich für einen möglichst
       breiten Umgang mit der Schullektüre.
       
       Am bundesweiten Vorlesetag lasen die Lehrkräfte für alle Klassen
       abwechselnd aus dem Buch. Ein Mathelehrer blieb gleich dabei und las seinem
       Oberstufenkurs ein ganzes Schuljahr vor, einige Minuten zu Beginn jeder
       Stunde. Im Biologieunterricht ging es um Wölfe und Waldtiere, im
       Wirtschaftsunterricht setzten sich die Schülerinnen und Schüler mit dem
       Buchhandel auseinander. Eine Sportlehrerin ließ ihre Klasse beim Warmlaufen
       über zuletzt gelesene Kapitel sprechen und baute einen Parkour auf, in dem
       die Kinder ihre eigene Angst überwinden müssen.
       
       Im Ethikunterricht diskutierten sie, warum Mobbing gegen Kinderrechte
       verstößt. Im Kunstunterricht entstanden Modellbaumhäuser als Rückzugsorte,
       Trickfilme über die Verwandlung von Mensch und Tier und Zeichnungen, in
       denen Jugendliche mit an die Finger geklebter Pastellkreide – „wie mit
       Krallen“ – Spuren aufs Papier ritzten. Im Deutschunterricht wurden Stellen,
       die den Kindern und Jugendlichen nicht gefielen, umgeschrieben.
       
       Was an so vielen Schulen im Regal steht 
       
       Sich so intensiv mit einem modernen Jugendbuch auseinanderzusetzen, ist an
       deutschen Schulen eher ungewöhnlich. Stattdessen werden in vielen
       Klassenzimmern noch dieselben Bücher gelesen wie schon vor 40 Jahren, die
       „Vorstadtkrokodile“ von Max von Grün zum Beispiel oder Otfried Preußlers
       „Krabat“. Sicher sind das keine schlechten Werke, literarisch haben sie
       genauso eine Berechtigung wie ein Johann Wolfgang von Goethe oder Friedrich
       Schiller in der Oberstufe. Aber sie stammen aus einer anderen Zeit,
       erzählen von einer anderen Lebenswirklichkeit. Die meisten dieser Klassiker
       stammen außerdem von weißen, männlichen Autoren.
       
       Bücher von Frauen, von Menschen mit Migrationsgeschichte, von Menschen mit
       Behinderung oder queeren Menschen sucht man unter den Klassikern
       vergeblich. Wenn sich die Schülerinnen und Schüler in der Literatur nicht
       wiederfinden, erleben sie Lesen als etwas, das nichts mit ihnen zu tun hat.
       Die Schullektüre wird dann nur durchgestanden, bis zur Klausur oder dem
       Ende des Lesetagebuchs und verschwindet dann spurlos im grauen Nebel des
       Einst-Gelernten.
       
       Und damit werden Chancen verpasst. In „Wolf“ von Saša Stanišić wird mit
       Mobbing ein sehr aktuelles Thema aufgegriffen, auch aus der Perspektive der
       Zuschauenden. Ich-Erzähler Kemi erlebt, wie Jörg zum Opfer von Mobbing
       wird, steht daneben und bleibt zeitweise doch tatenlos. Ein Gefühl, das
       sicher auch viele Kinder und Jugendliche kennen: gefühlt auf der Seite des
       Opfers, aber nicht mutig genug, ihm beizustehen. „Wir haben schon gespürt,
       dass die Schülerinnen und Schüler das Thema aus dem Buch sehr bewegt hat“,
       sagt Krohmer. So wurde der Begriff „Andersigkeit“ aus dem Buch zum
       Schlagwort der Kinder ihrer Klasse, auch ganz ohne ihr Zutun. Und in der
       Mensa steht nun der eindringliche Satz aus dem Buch: „Die Pause verbringt
       Jörg allein mit seinem Brot.“
       
       Für neue Bücher fehlt oft die Zeit 
       
       Das Absurde: Die angestaubten Schullektüren müssen gar nicht sein. Die
       Lehrkräfte haben sogar alle Freiheiten, es anders zu machen. In den
       Lehrplänen der meisten Bundesländer gibt es keine verbindlichen Vorgaben
       für die Schullektüre. Vorgegeben sind nur bestimmte Textformen oder
       Literaturepochen. „In Bayern sollen die Schülerinnen und Schüler auch
       moderne Kinder- und Jugendliteratur lesen. Welche Bücher sie auswählen,
       können die Lehrkräfte selbst entscheiden“, sagt Mirjam Burkard vom
       Lehrstuhl für Fachdidaktik Deutsch an der LMU München. Vom
       Kultusministerium gibt es hierfür unterstützend Lektüreempfehlungen.
       
       Ähnlich sieht es auch in Bundesländern wie Hessen oder Niedersachsen aus.
       Lektüreempfehlungen sind Anregung, aber keine Verpflichtung. Erst in der
       Oberstufe sind in 12 der 16 Bundesländer bestimmte literarische Werke
       verpflichtend, zum Beispiel Johann Wolfgang von Goethes Faust. Solche
       Klassiker sind dann oft Thema der zentralen Abiturprüfungen.
       
       Genutzt wird dieser Freiraum in Sachen Schullektüre viel zu selten, oft aus
       ganz praktischen Gründen, wie Burkard erklärt: „Die Arbeitsbelastung der
       Lehrkräfte ist sehr hoch. Und eine neue Schullektüre zu finden und auch
       noch sinnvoll in den Unterricht einzubauen, kostet Zeit.“ Die Suche selbst
       sei dabei die kleinste Hürde, inzwischen gibt es in vielen Bundesländern
       Newsletter für Lehrkräfte mit Kinder- und Jugendbuchempfehlungen. Auch die
       Stiftung Lesen oder die Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien
       stellen regelmäßig neue Bücher vor.
       
       Viel größer ist die Hürde bei der Unterrichtsplanung. Für neue Lektüren
       gibt es kaum Unterrichtsmaterial. Bei Klassikern wie „Krabat“ oder den
       Vorstadtkrokodilen liefern die Schulbuchverlage fertige Arbeitsblätter,
       Prüfungsfragen, Lektürebegleiter. Selbst Textvarianten in leichter Sprache
       gibt es schon, um auch die schwächeren Lesenden abzuholen. Bei modernen
       Jugendbüchern müssen die Lehrkräfte das oft selbst übernehmen. Auch die
       Frage nach dem Geld ist nicht ganz einfach zu beantworten. Nicht zu allen
       Jugendbüchern gibt es kostengünstige Taschenbuchausgaben. Und 15 bis 20
       Euro für ein Buch übersteigen oft das Schulbudget oder sind für manche
       Eltern schlicht nicht drin. Klassiker hingegen sind meist günstig beim
       Verlag zu bekommen oder stehen irgendwo schon im Lehrerzimmer.
       
       Wir haben sicherlich nicht alle erreicht 
       
       An der Geschwister-Scholl-Schule in Tübingen finanzierten Spenden der
       Eltern die Kosten für die Hardcoverausgabe, immerhin knapp 20.000 Euro. So
       konnte jedes Kind ein Buch bekommen. Ob das Buch am Ende auch alle gelesen
       haben, kann Antje Müller nicht beantworten. „Wahrgenommen aber auf jeden
       Fall, in Auszügen vorgelesen bekommen auch, gut gefunden, vielleicht. Es
       gab auch Kinder, die schon etwas genervt vom „Wolf“ waren.“
       
       Das Schulprojekt endet kurz vor den Sommerferien mit einem großen
       Wolfsfest, mit Ausstellungen, Installationen, musikalischen Beiträgen,
       alles gestaltet von den Schülerinnen und Schülern. Danach verschwindet das
       Buch erst mal wieder vom Stundenplan, jedenfalls in Tübingen. Krohmer und
       ihre Kollegen haben zahlreiche Anfragen von anderen Schulen bekommen, die
       sich für „Eine Schule liest ein Buch“ interessieren. Auch bei den
       Schulbuchverlagen gibt es inzwischen deutlich mehr Unterrichtsmaterialien
       zum „Wolf“.
       
       Das sind gute Nachrichten für die „Vorstadtkrokodile“: Sie können sich nach
       40 Jahren im Schuldienst endlich zur Ruhe setzen.
       
       11 Jul 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Birk Grüling
       
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