# taz.de -- „Antifa ist auf dem Land komplett verbrannt als Label“
Ich komme aus einem Dorf in Ostsachsen. In der Schule habe ich zehn Jahre
lang aufs Maul bekommen, weil ich nicht mit den Nazis mitgerannt bin. Heute
bin ich als Gemüsegärtner viel im ländlichen Sachsen unterwegs und agitiere
dort für radikale antifaschistische Strukturen. Es gibt antifaschistische
Stadt-Land-Kooperationen, auf die ich total positiv blicke. In Dresden gibt
es zum Beispiel Gruppen, die sich gezielt einen Landkreis raussuchen und
dort langfristig mit lokalen Gruppen zusammenarbeiten. So entstehen
Beziehungen, die über reine Bündnisse hinausgehen, und ein
differenzierteres Verständnis für die Situation vor Ort.
Aber leider werden nur selten Brücken von der Stadt ins Land aufgebaut. Es
gibt häufig ein interventionistisches Verständnis antifaschistischer
Politik, das sich auf dem Land extrem negativ auswirkt. Ich rede von Demos
mit Schwarzem Block ohne Grund, die mit einer aggressiven hooliganmäßigen
Maskulinität auftreten, mit klassistischem Shaming von
ländlich-proletarischen Namen, ganzen Milieus und Berufsgruppen wie
Bäuer*innen.
Einen Höhepunkt hat das 2015 bis 2017 erreicht, als die rassistische Gewalt
gegen Geflüchtetenheime in Sachsen eskaliert ist. Da haben Großstädter
Demos in den Kleinstädten angemeldet und reisten mit bis zu 500 schwarz
gekleideten Leuten an. Schon die Ankündigungen hatten einen aggressiven
Tonfall, das Auftreten war eindeutig: wir gegen die komplette Kleinstadt.
Sie hatten keine Idee von Struktur und Aufbau der Opposition. Es wurde gar
nicht gefragt: Wer vor Ort hat ähnliche politische Überzeugungen, traut
sich aber nicht, sich zu organisieren? Dabei hätte es ja darum gehen
müssen, wenn das Ziel wirklich gewesen wäre, Geflüchtete vor rechter Gewalt
zu schützen. Solche Interventionen haben keinen messbaren Positiveffekt.
Sie liefern nur den extremen Rechten Futter, um eine antifaschistische
städtische Bedrohung herbeizuimaginieren und sich selbst als Schutzgarant
zu inszenieren.
Entscheidend ist, langfristig vor Ort zu sein und nicht die Ressentiments
gegen die Antifa weiter zu füttern. Es verhärtet sich im ländlichen Raum
ein Bild von ihr als westdeutsches, akademisches und gewaltvolles
Großstadtphänomen, hinter dem eigentlich auch gar kein Dissens mit dem
System steht.
Als ich mich als Jugendlicher organisiert habe, war klar: Die Großstadt,
der Westen, das ist der noch größere Feind als die Nazis. Heute stilisiert
die AfD die Antifa als Schlägertrupp des Staates. Gerade im ländlichen
Osten, wo das Vertrauen in die repräsentative Demokratie zutiefst
erschüttert ist, verfängt diese Erzählung. Antifa ist auf dem Land komplett
verbrannt als Label.
Das hat sich zum Beispiel 2025 in Riesa gezeigt. [1][Der Versuch des
Widersetzen-Bündnisses, den AfD-Parteitag zu verhindern], mag auf
Bundesebene etwas gebracht haben. Für die antifaschistischen Strukturen vor
Ort war er ein Fiasko. Nach den Protesten standen viele wesentlich
schlechter da als vorher. Sie mussten sich gegenüber anderen aus dem Dorf
für jedes Transparent und jede Blockadeaktion rechtfertigen.
Bei einer funktionierenden antifaschistischen Stadt-Land-Kooperation wäre
eine Intervention mit einer Demo vielleicht der zehnte Schritt. Man müsste
erst mal den ersten machen, aber dafür haben viele in antifaschistischen
Großstadtbewegungen weder das Verständnis noch die Geduld.
In der Stadt ist die Einstellung häufig: Wer einmal die AfD gewählt hat,
ist für mich gestorben. Diese klare Abgrenzung wird als antifaschistische
Stärke verstanden. Als Linker auf dem Dorf ist das ein völliger absurder
Standpunkt. Hier kann man nicht einfach so eine übelst harte
Abgrenzungspolitik fahren.
Max (Name geändert), 38, Freie Arbeiter*innen-Union Dresden
4 Jul 2026
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(DIR) Lilly Schröder
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