# taz.de -- Haitis Nationalmannschaft bei der WM: All-Star-Team in der Diaspora
       
       > Zum ersten Mal seit 1974 ist Haiti bei einer WM dabei. Nur einer der
       > Spieler lebt tatsächlich dort. Die WM ändert das Bild der Haitianer in
       > den USA.
       
 (IMG) Bild: Die große haitianische Diaspora in den USA ist beim WM-Spiel gegen Schottland in Boston präsent
       
       Vor dem ersten Spiel gegen Schottland, das Haiti mit 1:0 unglücklich
       verlor, demonstrierten Tausende Bewohner der zweitgrößten haitianischen
       Stadt Gonaïves zur Unterstützung ihres Teams. Eingehüllt in haitianische
       Flaggen und ausgestattet [1][mit dem ursprünglichen Nationaltrikot, das die
       Fifa kurz vor WM-Beginn als zu politisch ablehnte], feierten sie den
       „historischen Moment für unser Land“, wie es ein Teilnehmer ausdrückte.
       „Das Resultat ist nicht wichtig. Wir sind schon stolz, teilzunehmen.“
       
       Hier in Gonaïves verkündete Jean-Jacques Dessalines 1804 die Unabhängigkeit
       Haitis. Und genau dieser historische Moment, in dem sich die erste Kolonie
       selbst befreite, war in Blassblau auf dem Trikot angedeutet.
       
       Schon das Trikot der kleinen Nationalmannschaft für die Winterspiele hatte
       ähnlichen Ärger verursacht. Das Trikot zeigte den in Frankreich ermordeten
       Revolutionsführer und Nationalhelden Toussaint Louverture rittlings auf
       einem Pferd. Das wurde auch verboten, sodass die Olympioniken nur mit Pferd
       auf dem Trikot antraten.
       
       Die haitianische Nationalmannschaft, im Volksmund „Les Grenadiers“ genannt,
       nimmt seit 1974 zum ersten Mal wieder an einer Fußballweltmeisterschaft
       teil. Die Umstände könnten schwieriger nicht sein. Nur Woodensky Olivier
       Pierre, geboren 2004 im größten und ältesten Slum Cité Soleil, kommt aus
       Haiti. Markhus (Duke) Lacroix und Derrick Etienne Jr., sind in den USA
       geboren. Die Mehrheit der anderen Spieler sind Franzosen mit haitianischen
       Wurzeln.
       
       ## Haitis „Heimspiele“ fanden in Curaçao oder Florida statt
       
       Die meisten haben in ihrer Kindheit oder Jugend Haiti verlassen und spielen
       heute in Zweitliga-Clubs in Europa. Die Nationalmannschaft hat [2][aufgrund
       der politischen Lage] nie in Haiti gespielt. „Heimspiele“ fanden
       notgedrungen in Curaçao statt. Der seit 2024 engagierte Nationaltrainer,
       der Franzose Sébastien Migné, managt das überall verstreute Team
       weitestgehend über Telefon.
       
       Das erste wirkliche Spiel vor eigenem Publikum fand im US-amerikanischen
       Fort Lauderdale statt: ein [3][Freundschaftsspiel gegen Neuseeland], kurz
       vor Beginn der WM. In Florida lebt eine große haitianische Diaspora, auf
       Kreol Japora. Das Stadion war gefüllt mit blauen Nationaltrikots, auf denen
       immer noch, von der Fifa verboten, die Schlacht von Vertières abgebildet
       war, und trug das Team zu einem 4:0-Sieg.
       
       Haiti ist ein transnationaler Raum. Das haitianische Wir besteht aus
       historischen Daten. Im November 2025 gewann die Nationalmannschaft gegen
       Nicaragua und sicherte sich so die WM-Teilnahme. Im November 1803 schlug
       Dessalines in besagter Schlacht von Vertières die Franzosen. In einem
       Interview gefragt, was er empfunden hätte, antwortete der in Belgien
       aufgewachsene Nationalspieler Delcroix: Er hätte eine ungeheure Hoffnung
       seines Volkes gespürt, das tatsächlich überall lebe.
       
       In „Wir Flüchtlinge“ spricht Hannah Arendt davon, dass die Flüchtlinge die
       Avantgarde ihres Volkes seien, wenn sie in der Diaspora ihre Identität
       bewahrten. Nicht nur die haitianische Fußballnationalmannschaft, sondern
       all die Künstlerinnen und Künstler, die in der Diaspora ihre haitianische
       Herkunft in Inspiration verwandeln, stehen dafür.
       
       ## Trumps Rassismus trifft besonders Haitianer
       
       In der [4][jüngsten Ausgabe des New Yorker], der regelmäßig Texte der in
       der USA lebenden haitianischen Schriftstellerin Edwidge Danticat
       veröffentlicht, sagt der in Südflorida lebende Journalist Wilkline Brutus:
       Überall erlebten Haitianer dank der WM-Teilnahme eine Renaissance. Es finde
       „eine Art Humanisierung und Sichtbarkeit statt, wie sie ihnen lange nicht
       zuteilwurde“.
       
       Da spielt er an auf die [5][Trump’sche Spielart von Rassismus], die sich
       insbesondere gegen Haitianer in den USA richtet. Dieses Antihaitianische
       von Trump, der im Wahlkampf behauptete, die Haitianer würden die Haustiere
       der Amerikaner verspeisen, bekam auch der einzige aus Haiti stammende
       Spieler zu spüren. Woodensky Olivier Pierre wurde zunächst das
       Einreisevisum in die USA verweigert, erst Anfang Juni konnte er zum bereits
       in den USA trainierenden Team stoßen.
       
       Am Freitag spielt Haiti gegen Brasilien. Das ist ein besonderes Match, weil
       die Haitianer seit 50 Jahren Fans von Brasilien sind – als Ersatz für die
       normalerweise bei den Weltmeisterschaften fehlende eigene
       Nationalmannschaft. Egal, wie das Spiel und die WM für die Grenadiere
       ausgehen, die positive Sichtbarkeit, die die Nationalmannschaft verkörpert,
       ist ein kleiner Befreiungsschlag wider den Diskurs vom nicht enden
       wollenden haitianischen Elend.
       
       19 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
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 (DIR) [3] https://www.youtube.com/watch?v=6MbgG23yHSI
 (DIR) [4] https://www.newyorker.com/culture/critics-notebook/the-world-cup-and-the-changing-psyche-of-the-haitian-diaspora#rid=0bb26965-5b9d-489b-8685-277efdaa7ac0&q=wilkline+brutus
 (DIR) [5] /Haitianische-Migranten-in-den-USA/!6035848
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Katja Maurer
       
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