# taz.de -- Zwischen Machtpolitik und Heldenreise: „Wow, wie naiv war das denn?“
       
       > Uwe Schneidewind wollte als Oberbürgermeister eine Großstadt
       > zukunftsfähig machen – und scheiterte. Woran das gelegen hat und wie es
       > besser geht, erklärt er im taz-FUTURZWEI-Gespräch.
       
 (IMG) Bild: Mit Blockaden musste sich Schneidewind in seiner Amtszeit häufiger auseinandersetzen
       
       [1][taz FUTURZWEI] | Mit einem Interview in taz FUTURZWEI („Die unendliche
       Kraft des Neins“) sorgte Uwe Schneidewind 2024 für großes Aufsehen, weil er
       offen über „die Hölle der ersten zwei Jahre“ als Oberbürgermeister von
       Wuppertal sprach. Neue Freunde vor Ort hatte er damit nicht gewonnen. Nun
       hat er ein Buch über seine Amtszeit veröffentlicht, in dem er Bilanz zieht
       und Wege aus kommunalen Blockaden sucht.
       
       taz FUTURZWEI: Herr Schneidewind, Sie wurden 2020 auf dem Höhepunkt der
       gesellschaftlichen Zustimmung für postfossile Politik in das Amt des
       Oberbürgermeisters von Wuppertal gewählt. Sie waren ein
       Transformationsforscher, der sich die Welt so zurecht gedacht hat, wie sie
       denn eigentlich sein sollte. Das war mit der kommunalpolitischen Realität
       nicht kompatibel. Waren Sie naiv? 
       
       Uwe Schneidewind: Absolut. Ich habe vor ein paar Monaten nochmal Armin
       Nassehis Kritik der großen Geste gelesen, da fühlst du dich ja total
       ertappt. Ich war in meinem Buch „Die Große Transformation“ von 2018 genau
       mit dieser großen Geste unterwegs. So ein Stahlbad der Realität macht einen
       einerseits total demütig. Man denkt: Wow, wie naiv war das denn eigentlich,
       was man da vorher gemacht hat? Und natürlich ist man auch traumatisiert. Es
       löst einen emotionalen Abwehrreflex aus, wenn ich heute einem Menschen
       begegne mit so einer ähnlichen Euphorie und diesem „Ich erkläre jetzt mal,
       was eigentlich gehen müsste“-Habitus, mit dem ich selber unterwegs war.
       
       Wir haben alle nicht mit dem Ausmaß des Rollbacks gerechnet, von global bis
       kommunal. Wo kommt diese Naivität eigentlich her? 
       
       Ich glaube, es sind viele Faktoren, auch so eine gewisse Hybris beruhend
       auf der Selbsteinschätzung, Dinge intellektuell durchdringen zu können.
       Diese Selbstgewissheit: Ich bin so schlau, dass ich, wenn ich etwas lang
       genug anschaue und drüber nachdenke, verstehe, wie es läuft und den anderen
       erklären kann. Das ist auch das, was zum Teil die Abwehrreflexe gegen unser
       Milieu auslöst. Und deshalb flasht uns auch so ein Trump und dass er 100
       Millionen Amerikaner rockt. Wir denken: Hey, der ignoriert ja alles, was
       wir für den einzig wirklich souveränen Weltzugang halten. Diese Naivität
       schlägt jetzt mit voller Wucht auf uns zurück.
       
       Ihr Befund über die kommunalpolitische Realität ist desaströs. Und im
       zweiten Teil behaupten Sie dann, Lösungen zu haben. Aber Menschen sind
       Menschen. Parteien sind Parteien. Menschen in Parteien haben Interessen.
       Diese Interessen sind, zum Beispiel, eine Aufwandsentschädigung für einen
       Aufsichtsratsposten zu kassieren. Das wird so bleiben. 
       
       Ich kann die Kritik gut verstehen, weil es einen systematischen Bruch
       zwischen dem ersten und zweiten Teil des Buches gibt. Der erste Teil geht
       die Dinge sehr systemisch an und macht die gesamte strukturelle Macht
       sichtbar. Der zweite Teil, so die Kritik, zeigt Sonnenblümchen auf, Dinge,
       die trotzdem funktionieren können.
       
       Aber? 
       
       Aber in der Summe und in dem Zusammenspiel entwickeln sie auch eine
       strukturelle Kraft, und so geht auch in so einer Stadt wie Wuppertal in der
       Gesamtentwicklung doch vieles voran. Wenn du die Leute fragst, was macht
       denn eigentlich das moderne Wuppertal aus, dann erzählen die von der
       Nordbahntrasse, von den Utopisten, von dem Engagement der Montag Stiftung,
       von den Initiativen in den Quartieren, vom neuen Urbanen Kunstraum.
       
       Ist das Kommunalpolitik? 
       
       Tja, man könnte denken, das sei eine Stadt mit einem echt tollen Plan, sich
       für das 21. Jahrhundert aufzustellen – wenn man nicht wüsste, dass hinter
       all diesen Dingen nicht Stadtverwaltung oder Stadtpolitik stehen, sondern
       zivilgesellschaftlichen Kräfte. Es gab auf jeden Fall einen strukturellen
       Spin, aber ich kann nicht wirklich aufzeigen, wie dafür die einzelnen
       Kräfte exakt zusammenwirken müssen oder ob Wuppertal einfach ein Glücksfall
       ist.
       
       Bei Ernst Bloch gibt es ja den Begriff der Beule der Erkenntnis, die man
       sich holt, wenn man mit Realitäten konfrontiert ist. Man könnte also sagen:
       Man hat sich eine dicke Beule geholt und ist damit in einen emanzipierten
       Status gelangt, wenn man versteht, was die internen Logiken sind, die
       strukturellen Widersprüche, die vernünftige Bemühungen gegen den Schrank
       laufen lassen und Stillstand erzeugen. 
       
       Ja, und darauf baut ein Suchmuster auf: Wo gelingt es eigentlich, damit
       umzugehen? Es ist ja wirklich faszinierend, wenn du auf
       Oberbürgermeisterinnen und Oberbürgermeister triffst, die eine Fähigkeit
       entwickelt haben, oft aus der intuitiven Kenntnis dieser Mechanismen, damit
       durchaus souverän umzugehen und eben doch Freiräume zu schaffen für eine
       sehr viel konstruktivere Gestaltung, als das bei mir der Fall war. Und das
       wird natürlich sehr viel leichter, wenn man diese Landkarte mal gezeichnet
       hat. Das ist auch der Anspruch dieses Buches. Es soll ermuntern, sich
       weiter Beulen zu holen. Aber auf einer aufgeklärteren Ebene, auf der man
       sich nicht mehr die Beulen holt, die der Schneidewind sich geholt hat,
       sondern solche, die noch mal ganz neue Erkenntnisse bringen.
       
       Wie schafft es jemand wie Boris Palmer, kommunale Zukunft zu gestalten? 
       
       Grundsätzlich kann ich sagen: Du musst dich als Oberbürgermeister durch
       extrem hohen Rückhalt aus der Stadtbevölkerung gegen diese politischen
       Mechanismen immunisieren.
       
       Heißt? 
       
       Es ist essenziell, sich ein Riesenreservoir an personenbezogener
       Sympathieunterstützung zu organisieren. Wenn man einen solch beliebten
       Oberbürgermeister angreift, dann ist das ein Bumerang, dann beschädigt man
       sich selbst. Das hat Boris Palmer geschafft, auch durch diese extrem hohe
       Verbundenheit mit der Stadt Tübingen. Diese Vertrauensfaktoren fehlten bei
       mir zum Teil total. Und dort, wo ich sie vielleicht in Ansätzen hatte, habe
       ich sie verspielt. Meine Nachfolgerin Miriam Scherff hat das auch voll und
       ganz verstanden, sie ist eine geniale Kommunikatorin. Das wird jetzt ja bei
       Dominik Krause in München total spannend.
       
       Der in diesem Jahr neu gewählte grüne Oberbürgermeister. 
       
       Es wäre für die CSU die größte Katastrophe, wenn in der Landeshauptstadt
       grüne Politik erfolgreich ist. Das heißt, da läuft ab jetzt das
       strategische Programm, ihn um jeden Preis scheitern zu lassen. Das ist die
       strukturelle Logik, mit der er umgehen muss. Und jetzt ist die große Frage:
       Gelingt es, die Sympathie der Münchner zu dieser Person so zu
       stabilisieren, dass die destruktiv-strukturellen Kräfte, die sich auf jeden
       Fall entwickeln werden, damit eingehegt werden und ihre brachiale Kraft
       nicht entfalten können? Mir ist das in Wuppertal nicht gelungen.
       
       Rekapitulieren wir: Sie sind ein führender Transformationswissenschaftler,
       im Gespräch für Regierungsämter, der Zeitgeist ist klimapolitisch offen, es
       gibt eine grün-schwarze Mehrheit, die Sie ins Amt wählt. Man denkt: Jetzt
       kann es richtig losgehen. 
       
       Dachte ich auch.
       
       Und dann schildern Sie, wie Sie schon vor der Wahl einberufen werden von
       einem Fraktionsvorsitzenden. Der erklärt Ihnen, wie das Geschäft läuft:
       Alles über ihn und nichts ohne Gegenleistung. Das war doch sicherlich ein
       erster Realitätsschock? 
       
       Ja klar. Und das war zu einem Zeitpunkt, wo ich noch rausgekonnt hätte. Und
       gleichzeitig hat mich das gereizt, weil ich merkte: Wow, da läuft jetzt ein
       Mechanismus ab, der völlig anders ist, als das, was du bisher kennst. Für
       den Fraktionsvorsitzenden war das eben der Realitätstest. Zuckt der jetzt
       zusammen? Oder können wir wirklich auf ihn setzen? Ich habe viel zu spät
       verstanden, dass das, was du als ehrliche Unterstützung und Interesse an
       deiner Person deutest, einem ganz anderen taktischen Kalkül folgt. Die CDU
       hatte ja nur ein Interesse: Sie wollte diesen SPD-Oberbürgermeister
       loswerden, der ohne Abstimmung mit ihr seine Wiederkandidatur erklärt
       hatte, statt sich die erneute Unterstützung teuer zu erkaufen. Das war der
       wahre Affront. Damit war für die CDU klar: Der muss jetzt weg.
       
       Da nahm man sogar lieber Sie? 
       
       In den eigenen Reihen hatte man keinen mit Substanz, da war klar, das
       gelingt nur mit den Grünen. Und dann war in ihrem Denken so ein Kandidat
       wie ich total interessant, der das System so wenig kennt, dass er
       vermutlich ohne ihre ständige Schützenhilfe gar nicht überleben kann. Das
       habe ich damals natürlich gar nicht sehen können oder wollen. Der Clash
       begann, als ich mich gegen die Machtmechanismen auflehnte. Das war, als
       mein CDU-Stadtdirektor sagte: Ich will aber die Bundesgartenschau nicht,
       auch wenn du sie willst. Du solltest dich als jemand, der nur mit uns
       überleben kann, bitte sehr ins System fügen. Als ich es nicht tat, war der
       Tenor: Also jetzt bist du ja fast noch dümmer als dein Vorgänger, also
       musst du auch weg.
       
       Kann man die unterschiedlichen Interessen nicht verbinden? 
       
       Es ist der klassische Weg, zu gucken, wie stark lasse ich mich auf diese
       Binnensystem-Logik ein, um die eigenen Zwecke damit zu koppeln. Und das
       sind diese Geschäftsregime, die der Fraktionsvorsitzende vorgeschlagen hat.
       Pass mal auf, für mein System ist es wichtig, dass ich jetzt einen
       verdienten Parteikollegen zum Verwaltungsratsvorsitzenden der Sparkasse
       mache. Für dein System ist es anscheinend wichtig, dass du Radwege kriegst,
       für die Stadt. Da machen wir doch einen Deal.
       
       Kann man machen? 
       
       Kann man, wenn ich sage, ob da jetzt nun dieser CDU-Mann oder jemand anders
       Verwaltungsratsvorsitzender wird, ist für die in ihrem System wichtig, und
       Radwege sind irrelevant. Aber für die Stadtentwicklung ist das egal und
       dafür sind Radwege wichtig. Dann kriegt halt jeder, was in seinem
       jeweiligen Teilsystem richtig wichtig ist. Das funktioniert dann eben auch.
       
       Und wie wird blockiert? 
       
       Diese Muster kennen wir ja aus der größeren Politik. Du stellst das
       grundsätzliche Ziel infrage. Du stellst infrage, ob der aufgezeigte Weg
       wirklich aufgeht. Und machst das dann über anekdotische Beispiele. Dann
       wird eben klar, dass diese Reform für die arme Oma im Stadtteil XY
       katastrophalste Auswirkung hat. Dass dieser Oberbürgermeister ein Verächter
       aller alten Menschen ist. Insbesondere der im Stadtteil XY. Oder man spielt
       auf Zeit.
       
       Wie spricht man dann? 
       
       Man sagt: Da muss unsere Fraktion sich erstmal intensiv damit
       auseinandersetzen. Wir können doch so eine wichtige Entscheidung nicht
       übers Knie brechen. Das ist einfach viel zu weitgehend, auch wenn uns das
       auf den ersten Blick einleuchtet. Da müsst ihr Verständnis haben, das
       können wir frühestens in einem halben Jahr machen.
       
       Wie sabotiert man Personalentscheidungen, gerade bei richtig guten
       Bewerberinnen? 
       
       Man nimmt ein „Äh“ oder eine kleine Äußerung und stilisiert sie zu einer
       tiefen Charakterschwäche und kompletter Unfähigkeit hoch. Man sagt, ja
       klar, der war jetzt überzeugend, aber an der und der Stelle wird doch klar,
       dass diese Person völlig unwählbar ist.
       
       Wozu ist das gut? 
       
       Um sich die Zustimmung dann teuer abkaufen zu lassen. Man sagt: Also gut,
       obwohl wir überhaupt nicht überzeugt sind, wählen wir diese Person. Aber
       das nächste Mal erwarten wir dann auch, dass unsere Kandidaten unterstützt
       werden. Und dann wird ein sehr schwacher Kandidat präsentiert. Das war
       damals der Deal. Das sind echte Profis in diesem Mechanismus. Wenn es einen
       nicht betroffen hat, war das eine echte Rhetorik-Schulung. Man sitzt da und
       denkt: Wow, nicht schlecht!
       
       Nach dem Bruch durch die CDU hatten Sie nur noch die Grünen-Fraktion.
       
       Ja. Und die Folge war: Keiner hatte je so ein gutes Verhältnis als grüner
       Oberbürgermeister zu seiner grünen Partei und Fraktion. Normalerweise muss
       sich ein guter grüner Oberbürgermeister irgendwann systematisch mit seiner
       grünen Fraktion überwerfen, weil er natürlich eine Politik für die gesamte
       Stadt macht. Dann sind gerade die Grünen immer ganz enttäuscht, dass das
       jetzt ja echt keine „grüne Politik“ mehr ist, das sieht man ja auch bei Cem
       Özdemir.
       
       Ist das Problem das System, so wie es ist, oder liegt es daran, wie die
       Menschen damit umgehen? 
       
       System würde ich weniger als einen homogenen Komplex verstehen wollen,
       sondern damit meine ich systemische Mechanismen auf total unterschiedlichen
       Ebenen. Das eine sind die politischen Mechanismen dieser Machtpolitik,
       diese Blockaden. Das andere ist dieser Regelbürokratie-Komplex, der durch
       seine Eigendynamiken aus gut gemeinten Absichten am Ende etwas erzeugt, was
       einen komplett blockiert. Dann gibt es Mechanismen auf einer ganz
       individuellen, persönlichen, psychologischen Ebene.
       
       Was meinen Sie damit? 
       
       Diese Art der Einbettung in ein solches Amt macht mental etwas mit einem
       und führt zu einer psychologischen Überforderung, die die
       Strategiefähigkeit fast systematisch ausbremst. Und dann auf der vierten
       Ebene sind es die Dinge, die immer wieder diskutiert werden: die kommunalen
       Finanzen. Warum scheitern Kommunen allein aufgrund ihrer
       Ressourcenmöglichkeiten? Das sind vier sehr, sehr unterschiedliche
       Teilsystemkomplexe, mal kriegst du eins oder zwei in den Griff und es
       wirken nur die anderen beiden, aber das Zusammenwirken ist fatal.
       
       Aber es gibt, Sie haben das gesagt, erfolgreich arbeitende OB, deren Kunst
       darin besteht, mit all den Hindernisse und Blockierungen virtuos und
       spielerisch umzugehen. 
       
       Absolut, ja. Ich habe versucht, nach Bildern zu suchen, die dafür passen.
       Ein Bild, das mir immer wieder sehr, sehr gefallen hat, ist diese besondere
       Form der Choreografie von Pina Bausch. Du stellst dir dieses System oft wie
       ein klassisches Ballett vor, das Schwanensee aufführt. Dann hast du drei
       Tänzerinnen, die kriegen es überhaupt nicht hin. Dann denkst du, das kann
       ja überhaupt nicht laufen, das können wir lassen, ich bin raus. Pina Bausch
       hat aber auf Augenhöhe mit ihren Tänzerinnen und Tänzern gearbeitet. Die
       hat hineingehört, hatte selber eine Intuition und am Ende sind Stücke
       entstanden, die nicht jemand vorgedacht hat, sondern wo man dann mit dem,
       was da war, an Regeln, an Dynamiken, an Möglichkeiten in den Tänzerinnen
       und Tänzern, wo man das zu einer ganz neuen Qualität des Stücks geführt
       hat. Die Stücke von Pina Bausch haben fast neue ästhetische Kategorien
       geschaffen, aber nie die Ästhetik von Tanz an sich verraten.
       
       Und nun die Übertragung? 
       
       Gute Oberbürgermeisterinnen und Oberbürgermeister arbeiten nicht
       irgendeinen Grundplan ab, sie arbeiten mit dem, was da ist, und schauen,
       was sich damit gestalten lässt: Okay, die Wärmeplanung hat zwar gar nicht
       geklappt, aber was die an zivilgesellschaftlicher Kultur aufgebaut haben,
       das ist absolut genial und setzt einen internationalen Standard.
       
       Zu den Mechanismen, die den Wandel erschweren, gehört für Sie neben
       Blockadepolitik, toxischer Kritikkultur und Normenflut auch
       kontraproduktive Heroenkultur. Was meinen Sie damit? 
       
       Diese kontraproduktive Heroenkultur hat damit zu tun, dass die Welt immer
       komplexer wird, immer unberechenbarer. Die Unsicherheit, die das auslöst,
       führt zu einer extremen Sehnsucht nach Stabilität und Ordnung. Das ist mit
       die Saat für diese autokratischen Wenden, die ja von den Trumps und Co.
       auch gespielt werden, nach dem Motto, ihr müsst nur einen richtigen
       Deal-Maker an die Spitze wählen, dann wird Amerika wieder groß. Dieses
       Grundmotiv findet man durchaus auch im Kommunalen. Die Menschen haben das
       Gefühl, dass diese Stadt, in der sie sich früher subjektiv doch total
       wohlgefühlt haben, dass die jetzt überall zusammenbricht, die Läden weg,
       man fühlt sich nicht mehr so sicher wie früher, wenn du beim
       Einwohnermeldeamt einen Termin willst, dann musst du wochenlang warten.
       Also du hast den Eindruck, da bricht eigentlich alles zusammen.
       
       Wo kommt der Held ins Spiel? 
       
       Für jedes einzelne Problem gibt es das Gefühl: Das muss doch gehen. Und
       dann fragt man sich: Wer macht denn das in der Stadt? Durch diese sehr
       geringe Auseinandersetzung mit Lokalpolitik gibt es in der Regel dann nur
       eine Person, die einem in den Sinn kommt und das ist die
       Oberbürgermeisterin, der Oberbürgermeister. Und wenn man sich die
       Wahlkämpfe anschaut, ich hatte diese Passage auch drin, wird immer die
       gleiche Heldenreise erzählt. Beim Vorgänger ist nichts gelaufen. Wahnsinn,
       da muss ich doch noch mal auf euch als Bürgerinnen und Bürger hören, diese
       Stadt hat doch so viel mehr Potenzial, da muss man doch noch mal richtig
       durchgreifen, das wird jetzt alles besser! Dieses Versprechen ist immer die
       Grundgeschichte eines Wahlkampfes.
       
       Und dann?
       
       Wenn man dann den neuen Helden oder die neue Heldin gewählt hat, spätestens
       dann merkt die Person: So läuft es nicht. Dann hat man die Hoffnung, dass
       man mindestens die Kulisse erzeugt, Dinge im Griff zu haben. Darum gibt es
       diese ganzen Bilder, bei denen der Oberbürgermeister immer in der Mitte
       steht und damit völlig reduzierte Kausalitäten als Blick auf die
       Politikprozesse weiter kultiviert werden. Man lässt die Menschen in dem
       Glauben: Ja klar, am Ende ist es nur einer, der hier alles voranbringt und
       versucht, durch Kausalitätsverkürzung auf der Erfolgsseite dann so viel
       Credits aufzubauen, dass es für die Wiederwahl reicht. Das ist das, was ich
       unter Heroenkult fasse. Als früher begeisterter Leser der seligen Revue für
       postheroisches Management war das für mich natürlich intellektuell eine
       ziemliche Zumutung. Ich wusste, so laufen komplexe Systeme nicht, aber ich
       konnte nie mit jemandem drüber reden, weil die Leute ein absolutes
       heroisches Management sehen wollten. Ich wollte mich aber auch nicht im
       Bild einfach vor die Leute stellen, die verantwortlich waren, dass das hier
       funktioniert.
       
       Sondern? 
       
       Ich habe mich immer nett irgendwo hinten hingestellt. Mein Team war riesig
       böse, und die Leute hatten irgendwann das Gefühl, ja, unter dem
       Schneidewind, da geht ja nichts voran. Meinen Vorgänger hatten sie immer
       vorne im Bild gesehen und gedacht, der treibt die Dinge doch wirklich
       voran.
       
       Es gab sogar eine Kampagne: Wo ist Uwe? 
       
       Das sollte sagen: Der tut ja eigentlich überhaupt nichts. Postheroische
       Bescheidenheit ist in dem Amt ein echtes Problem.
       
       Sie hatten ausgerechnet, dass die Hälfte Ihrer Zeit für symbolpolitische
       Auftritte aufgewendet werde, bei denen faktisch nichts passiert, und das
       dann reduziert. 
       
       Es gab schon Momente, in denen mein Team gesagt hat: Uwe, diese
       Feuerwehrorden, die müssen jetzt angeheftet werden. Die Menschen erwarten
       das zu Recht. Das habe ich dann natürlich auch verstanden. Weil du die
       einzig identifizierbare politische Figur bist, zählt allein deine Präsenz,
       egal ob du eine Dumpfbacke bist, sympathisch oder unsympathisch. Deine
       Präsenz in der Rolle des Oberbürgermeisters zeigt den Leuten, die sich für
       diese Stadt engagieren: Das, was ihr macht, wird gesehen und von der Stadt
       wertgeschätzt. Das habe ich viel zu weit runtergedimmt und das war für
       manche natürlich auch ein Schlag ins Gesicht. Die dachten: Ich bringe hier
       in der Freiwilligen Feuerwehr mein Leben und mein ganzes Familienleben
       tagtäglich in Gefahr – und dann bewegt der Kerl sich nicht mal für 25 Jahre
       Engagement her?
       
       Als jemand, der sich wünscht, dass die Gesellschaft sich in Richtung
       Nachhaltigkeit weiterentwickelt, welche Erkenntnisse haben Sie gewonnen? 
       
       Zentral ist es, die unterschiedlichen Ebenen der Blockaden zu
       unterscheiden. Da ist der politische Mechanismus dieser Machtpolitik, der
       Blockaden erzeugt. Da ist dieser Regelbürokratiekomplex, der durch seine
       eigenen Dynamiken die oft gut gemeinten Absichten am Ende komplett
       blockiert. Da sind Mechanismen auf einer ganz individuellen, persönlichen,
       psychologischen Ebene, was in der Gesamtbetrachtung zu einer
       psychologischen Überforderung führt und die Strategiefähigkeit fast
       systematisch ausbremst. Und dann auf der vierten Ebene ist die Gesamtlage,
       das Sterben handlungsfähiger Kommunen aufgrund fehlender Kommunalfinanzen.
       
       Haben Sie sich mental inzwischen wieder erholt? 
       
       Das ist noch im Prozess. Das intellektuelle Selbstbewusstsein ist doch
       erheblich angekratzt. Das Buch beschreibt ja ganz viele Ambiguitäten. Als
       ich drin war, habe ich gemerkt, dass mir die Toleranz fehlt, zu sagen: Hey,
       so ist das, so ist die Welt, das muss ich jetzt einfach mal durchhalten.
       Jetzt stecke ich mittendrin in diesem Verstehensprozess. Der eigentliche
       Reiz des Buches ist der Austausch, den es auslöst. Bei den
       Buchvorstellungen der letzten Wochen habe ich gemerkt, dass über so ein
       Buch spannende Gespräche entstehen, Bausteine, neue Lösungsoptionen. Aber
       das steht erst ganz am Anfang. Von daher tue ich mich zurzeit unendlich
       schwer, mit so einer Selbstgewissheit zu sagen: Leute, ich war da fünf
       Jahre drin, jetzt habe ich es verstanden und jetzt erkläre ich euch alles
       viel besser als früher.
       
       🐾 Lesen Sie weiter: Dieser Artikel erschien zuerst in der neuen Ausgabe
       unseres taz-Magazins FUTURZWEI N°37 mit dem Titelthema „Nachspielzeit“ .
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       16 Jun 2026
       
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