# taz.de -- Gedenkfeier für Noël Martin in Mahlow: Der lange Lauf zur Aufarbeitung
       
       > 30 Jahre nach dem rassistischen Angriff auf Noël Martin kommt Mahlow
       > zusammen, um zu gedenken. Manch unangenehme Wahrheit aber bleibt
       > unausgesprochen.
       
 (IMG) Bild: Noël Martin besucht Berlin im Jahr 2001, fünf Jahre nach dem Angriff
       
       Der Bahnhofsvorplatz in Mahlow ist an diesem sonnigen Dienstagnachmittag
       gut besucht. Rund 100 Menschen kommen hier zusammen, um Noël Martin zu
       gedenken. Vor 30 Jahren wurde der gebürtige Jamaikaner und frühere
       Bauunternehmer Opfer eines rassistischen Angriffs. Zwei Mahlower verfolgten
       Martin 1996 im Auto, überholten ihn und warfen einen Feldstein in die
       hintere linke Autoscheibe Martins, woraufhin dieser die Kontrolle über sein
       Auto verlor und gegen einen Baum prallte. Noël Martin verbrachte den Rest
       seines Lebens querschnittsgelähmt im Rollstuhl. 2020 verstarb er.
       
       Im Rahmen der Aktionswoche für Demokratie und Vielfalt finden bis zum 21.
       Juni verschiedene Veranstaltungen in Mahlow statt, die an rassistische und
       rechtsextreme Gewalt in Brandenburg erinnern sollen. Teil der Aktionswoche
       ist das Gedenken an Noël Martin. Die Mahlower wollen gemeinsam die Strecke
       ablaufen, auf der Martin vor 30 Jahren verfolgt wurde. Startpunkt ist die
       Freiluftausstellung der Opferperspektive e. V. „Kein schöner Land“, die an
       Todesopfer rechter Gewalt in Brandenburg erinnert. 23 Schilder sind um den
       runden Bahnhofsvorplatz aufgestellt. Sie bilden die Namen der Todesopfer
       und die Orte der Taten ab. Auch Noël Martin hat ein Schild bekommen.
       
       Bevor es mit dem Laufen losgeht, spricht Michael Schuchow, Bürgermeister
       von Mahlow. „Ich möchte nicht, dass noch mehr Schilder hinzukommen“, sagt
       er über die Ausstellung. Auch Judith Porath, Geschäftsführerin der
       Opferperspektive, kommt zu Wort und gibt Hintergrundinformationen zu den in
       der Ausstellung abgebildeten Opfern. „Erinnerung erfüllt ihren Sinn nur
       dann, wenn sie uns befähigt, die Gegenwart klarer zu sehen“, so Porath.
       
       Was den Lauf so besonders macht, ist nicht nur die Anwesenheit des
       brandenburgischen Ministerpräsidenten Dietmar Woidke. Gekommen ist auch
       Negus Martin, der Sohn von Noël Martin. Gemeinsam mit Woidke führt er den
       Lauf nach den Reden an. Begleitet wird die Menschenmenge von Security und
       Polizeiautos, die immer wieder Autos anhalten, um den Weg freizuräumen. Der
       Lauf bleibt ruhig, hin und wieder kommen neugierige Mahlower an die Zäune
       ihrer Vorgärten, um den Gedenkenden zuzuschauen.
       
       ## Mahlow zeigt Gesicht
       
       Der Weg führt über die Noël-Martin-Brücke, die 2021 so benannt wurde. Dort
       hängen auf beiden Seiten neben den Namensplaketten eine Jaimaka- und eine
       Großbritannienflagge. Die Deutschlandflaggen wehen im Hintergrund in der
       Mahlower Landschaft, vermutlich wegen der WM. Doch auch Rechtsextreme
       wollen ein Zeichen setzen. Erst vergangenen Samstag wollte die Band
       Wutbürger auf einer von der AfD veranstalteten „Märkischen Klangnacht“
       spielen.
       
       Schuchow untersagte das Musikfest. „Weil wir das für Parteien grundsätzlich
       nicht machen“, sagte er. Die „Wutbürger“ spielten trotzdem, auf einer
       daraufhin angemeldeten Kundgebung namens „Schwarz Rot Gold“. Dass die AfD
       mitverantwortlich für den Anstieg von rechtsextremen Gewalttaten ist,
       deutet nur Ministerpräsident Woidke in seiner Rede im Anschluss an den Lauf
       an. „Die Feinde der Freiheit und die geistigen Brandstifter sitzen heute im
       Landtag“, sagt er. „Wenn solche Vorfälle passieren, dürfen wir nicht
       vergessen, die geistigen Brandstifter zu erwähnen, die häufig in
       Nadelstreifen in den Parlamenten sitzen, und Hass und Hetze hoffähig
       machen.“
       
       Das Versagen der Polizei und der Behörden nach dem Angriff auf Noël Martin
       wird während der Kundgebung nicht angesprochen. [1][Es war die Journalistin
       Barbara Bollwahn, die erstmals für die taz über den Fall berichtete und
       aufdeckte, was wirklich geschah, als Martin angegriffen wurde.] In ersten
       Berichten hatte es geheißen, Martin hätte die zwei Männer mit dem Auto
       verfolgt, nicht umgekehrt.
       
       ## Angst vor der eigenen Vergangenheit
       
       Die Mahlower wollten anfänglich nichts mit dem Fall zu tun haben, sagten
       sogar, sie könnten den Ausländerhass der Mahlower Jugend verstehen. Im
       Dezember 2000 äußerte sich der damalige parteilose Bürgermeister Werner La
       Haine gegenüber dem RBB zu dem Fall. [2][Von der rechtsextremen Szene
       wollte er nichts wissen. Stattdessen handle es sich um eine „Handvoll
       chaotischer Jugendlicher“.]
       
       Es war Noël Martin selbst, der das Erinnern in die Hand nahm. Auf seine
       Initiative hin kam es 2001 zu einer Demo in Mahlow, die Martin anführte und
       von Tausenden Menschen begleitet wurde. Martin rief auch einen
       Jugendaustausch ins Leben, bei dem sich junge Menschen aus Mahlow und
       Birmingham begegneten. Einige junge Engländer sind auch an diesem Dienstag
       dabei. Auch eine Stiftung wurde gegründet, die [3][Noël- und
       Jacqueline-Martin-Stiftung], benannt nach ihm und seiner Frau. Wie so oft
       ist Noël Martin ein Beispiel dafür, dass Erinnerungsarbeit von den Opfern
       ausgeht, selten von den Tätern.
       
       Dass sich in Mahlow jedes Jahr eine Handvoll Menschen trifft und Noël
       Martin gedenkt, ist wichtig und richtig. Auch die großen Gedenkfeiern im
       Fünfjahrestakt tragen zur Erinnerungsarbeit bei. Doch am Ende müssen die
       Mahlower sich trauen und klare Kante zeigen. Regina Bomke, Mahlowerin und
       Moderatorin der Gespräche im Anschluss an den Lauf, bezeichnet die Täter,
       die Martin damals angriffen, jedoch als „zwei junge Mahlower“.
       
       Auch die ausbleibende Erinnerung an die damals verbreitete rassistische
       Täter-Opfer-Umkehr sowie die immer wieder als Unfall oder Eskalation
       benannte Straftat im Rahmen der Gedenkfeier zeigt, dass Mahlow noch viel
       aus seiner eigenen Geschichte zu lernen hat, wenn es wirklich weitere Fälle
       von rassistischer Gewalt und Anfeindung verhindern will.
       
       17 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Dangerous-zone-am-S-Bahnhof/!1447349/
 (DIR) [2] https://www.rbb24.de/panorama/beitrag/2026/06/blankenfelde-mahlow-noel-martin-gedenken-erinnerung-neonazi-opfer.html
 (DIR) [3] https://www.noel-martin.de/de/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Ann Toma-Toader
       
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